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Fazit | Beitrag vom 14.09.2019

Halévys Oper "Die Jüdin" in HannoverNachdenken über Antisemitismus auf der Opernbühne

Von Uwe Friedrich

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Eine Dame kniet auf dem Boden und blickt sorgenvoll in die Ferne. (Sandra Then/Staatstheater Hannover)
"Die Jüdin" von Fromental Halévy wird nur selten gespielt. (Sandra Then/Staatstheater Hannover)

"Die Jüdin" ist die bedeutendste Oper des französischen Komponisten Jacques Fromental Halévys (1799 – 1862). Als wuchtige Reflexion über den Judenhass bringt Regisseurin Lydia Steiner sie in Hannover auf die Bühne. Ein großer Abend zur Spielzeiteröffnung.

Liebe, Eifersucht, Missverständnisse: Es steckt ganz schön viel Konvention des 19. Jahrhunderts in dieser Grand Opéra mit ihrer Zufallsdramaturgie und Konflikten, die immer wieder auf imposante Ensembleszenen und Chortableaus hinauslaufen.

Denn erst wenn die Titelheldin Rachel im kochenden Wasser zu Tode kommt, lüftet der vermeintliche Vater Éléazar das Geheimnis, dass sie gar keine Jüdin ist, er sie vielmehr einst aus einem brennenden Haus gerettet hat und sie die Tochter seines Todfeindes ist, der vorher die Söhne Éléazars töten ließ. Rachel hatte sich zuvor in den verheirateten Prinzen Léopold verliebt, der wiederum vorgibt Jude zu sein.

Spiel mit den Zeitebenen

Ursprünglich spielt die Handlung vor dem Hintergrund des Konstanzer Konzils im Jahr 1414, doch dorthin kommt die amerikanische Regisseurin Lydia Steier erst nach einer Zeitreise, die in den USA der fünfziger Jahre beginnt. Im ersten Akt also eine Jahrmarktsidylle, die jedoch bereits von latenter Gefahr bedroht wird. Das Publikum ist unterhaltssüchtig und sensationsgierig, aufbrechende Konflikte werden fröhlich bejubelt.

Im Vordergrund ein Mann und eine Frau, beide sitzen oder knien auf dem Boden. Die Frau lehnt sich an den Mann. Im Hintergrund lehnt ein jüngerer Mann gegen eine Mauer und blickt in Richtung Pärchen. (Sandra Then/Staatstheater Hannover)Die Oper gilt als eines der bedeutendsten Werke der französischen Grande Opera. (Sandra Then/Staatstheater Hannover)

Der zweite Akt spielt in Deutschland zum jüdischen Fest Pessach im Jahr 1929. Der Konflikt zwischen Juden und Christen verschärft sich, Überwachung und Diffamierung dominieren. Der dritte Akt, in dem Rachel aus Eifersucht ihr Verhältnis mit dem Christen Léopold öffentlich macht, zitiert den Skandal um Jud Süß Oppenheimer im barocken Württemberg, während der vierte zur Zeit der spanischen Inquisition nach der Wiedereroberung Andalusiens spielt, zum grausamen Finale samt Hinrichtung im sprudelnd kochenden Wasser erreichen Lydia Steier und ihre Ausstatter Momme Hinrichs (Bühnenbild) und Alfred Meyerhofer (Kostüme) schließlich die älteste Schicht, nämlich das spätmittelalterliche Konzil am Bodensee im Jahr 1414.

Verhängnisvolle Konstante der Weltgeschichte

Das alles hat hohen Schauwert, bietet farbenfrohe Barockkostüme, sorgsam gelegte Wasserwellen und schnittige Straßenkreuzer. Aber Regisseurin Lydia Steier kann auch die privaten Momente von Anziehung und Abstoßung der handelnden Figuren gestalten, Gruppenzugehörigkeit und Hass auf einander als treibende Kräfte deutlich machen. Nicht nur – so kann sie zeigen –  ist Antisemitismus eine verhängnisvolle Konstante der Weltgeschichte, weil sich die Mehrheitsgesellschaft ein Feindbild schafft. Diese zugewiesene Identität mitsamt ihren Klischees bestimmt auch dann noch das Handeln, wenn sie keinerlei Grundlage hat.

Ein Mann mit Kippa vor einer Mauer, auf die ein Davidstern und das Wort Jude geschrieben wurden. (Sandra Then/Staatstheater Hannover)Die Oper hat unseren Kritiker musikalisch überzeugt. (Sandra Then/Staatstheater Hannover)

Spannend an Halévys Oper wie an Steiers Umsetzung ist, dass weder Éléazar noch seine christlichen Gegenspieler besonders sympathisch gezeichnet werden. Einzig die Titelheldin als schuldlos in ihr Schicksal Getriebene kann auf Mitleid des Publikums hoffen.

Idealbesetzung und ein großer Abend

Die Sopranistin Hailey Clark erweist sich schnell als Idealbesetzung für diese Rolle mit Durchschlagskraft für die Wut- und Eifersuchtsausbrüche sowie mit lyrischen Farben und gestalterischer Fantasie für die Liebesszenen. Ihr ebenbürtig ist der Tenor Matthew Newlin der den romantischen Liebhaber und charakterlichen Schwächling gleichermaßen stimmlich prägt.

Zoran Todorovich kommt in der großen Arie hörbar an seine Grenzen, wirft sich aber mutig und beeindruckend in seine Rolle, während Mercedes Arcuri eine solide Prinzessin Eudoxie singt. Auf jeden Fall ein Ereignis ist, was der Dirigent Constantin Trinks mit dem Chor und dem Staatsorchester Hannover vollbringt. Während Fromental Halévy in seiner Partitur die Formen der französischen Grand Opéra erfüllt, experimentiert er mit der Instrumentierung und findet immer wieder (damals) neue Klänge und Harmonien.

Trinks versetzt dieser Partitur nicht nur einen Energieschub, er hat auch ein faszinierendes Gespür für rhythmischen und harmonischen Entwicklungen, bereitet verblüffende Wendungen genau vor, mischt die Farben und Aromen dieser Musik fein ab und lässt den Spannungsbogen nie abreißen. Ein großer Abend zur Spielzeiteröffnung der neuen Intendantin Laura Bermann, der einzig durch die Dopplung der Handlung durch Kinderstatisten gelegentlich in Kitschgefahr gerät. Doch das wird durch die Wucht der Musik spielend aufgewogen.

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