Hagen als dunkles Zentrum

Von Jörn Florian Fuchs · 08.12.2008
Regisseur Sven-Eric Bechtolf erzählt in seiner Inszenierung vor allem die erschütternde Verfallsgeschichte von Hagen. Die Rheintöchter ziehen den zaubernden Schwarzalb am Ende hinab in unendliche Tiefen. Dem Ensemble ist an der Wiener Staatsoper mit Wagners "Götterdämmerung” ein unter die Haut gehender Opernabend gelungen.
Dunkel ist es an diesem Abend in der Wiener Staatsoper. Und das liegt nicht nur am vorwiegend düsteren Licht, das die einzelnen Szenen und Situationen des Ring-Finales ausleuchtet.

Zu Beginn spinnen die Nornen ihr Seil wie in Zeitlupe, sie klagen und jammern und weben sich dabei regelrecht ein. Verstrickt sind auch Siegfried und Brünnhilde auf dem Feuerfelsen, der von kleinen Bäumchen gesäumt wird, darüber hängt ein grüner Glaskasten - was in ihm ist, bleibt verborgen. Vermutlich ist er mit Vergangenem gefüllt, mit Ideen, Hoffnungen, mit Geschichte und Geschichten. In den vorigen Teilen der Tetralogie gab es den Kasten auch schon, da war er ein Archiv etwa für Siegfrieds Tiere aus dem Waldweben. Ein wenig erinnert der Kasten auch an Beuys' "Hasengrab”, in das der Kunst-Schamane die Reste unserer Zivilisation verpackt wissen wollte.

Zivilisation oder direkte zeitliche Gegenwart gibt es bei Wagners letzter Bühnenfestspielnacht nicht, und auch Bechtolf verweigert sich dem Aktualisieren, er erzählt eine Geschichte von Machtwahn und Rachsucht, von Liebesschmerz und dem Fluch eines von Anfang an verlorenen Lebens. Während die ersten Ring-Teile eher statisch und heterogen waren, fügt sich hier auf wunderbare Weise alles zusammen. In der Nachfolge Wieland Wagners gibt es ebenso Kargheit wie ausufernde Lichträume, vor allem beim Weltenbrand, wo sich grelle Flammen, roter Nebel und blaues Videowasser stimmungsvoll verbinden.

Die Protagonisten tragen vor allem Schwarz, der Stoff ist edel, Gutrunes Hals und Brust schmücken dunkelrote, fast wie Blut glänzende Edelsteine. Hagens Mannen ereifern sich auf einem Stelenfeld, Siegfrieds Leichenbett ist ein Boot, wie es zu Charon nicht besser passen könnte.

Neben dieser im Wort- und Lichtsinne dunklen Metaphysik erzählt Bechtolf die erschütternde Verfallsgeschichte einer Figur. Nein, es ist nicht Siegfried und auch nicht Brünnhilde. Es geht um Hagen und um Alberich, der im Hintergrund die Fäden zieht. Als Schatten taucht der Nibelung auf, um seinen Sohn zu peinigen.

Nur eine Handbewegung Hagens genügt und Siegfried erscheint in der eiskalten Gibichungenhalle. Er fährt weder Schiff noch reitet er herbei, er kommt einfach aus dem Boden - Siegfried ex machina auf Befehl des tödlichen Spielführers Hagen. Seine Mannen hat Hagen ebenso im Griff wie das übrige Personal. Und dennoch wird der verfluchte, zaubernde Schwarzalb am Ende untergehen, die Rheintöchter ziehen ihn hinab in unendliche Tiefen.

Sven-Eric Bechtolf und dem Ausstatterpaar Rolf und Marianne Glittenberg ist ein unter die Haut gehender Opernabend gelungen, an dem sich auf kluge Weise Sein und Design verknüpfen.

Eric Halfvarson gab einen exzeptionellen Hagen, dessen ganzer Schmerz sich vokal wie gestisch ausdrückte. Stephen Gould sang Siegfried schön, aber unspektakulär, immerhin ohne jegliches Forcieren. Mihoko Fujimura, die etwas kratzige Kundry im letzten Bayreuther "Parsifal”, überzeugte als Waltraute, Boaz Daniel sang einen soliden Gunther, Caroline Wenborne eine ordentliche Gutrune. An Eva Johansson schieden sich die Publikumsgeister und -geschmäcker. Ihre Brünnhilde war endlich mal keine Brüllhilde, dafür dynamisch zuweilen ein wenig wacklig und insgesamt recht leise.

Am Pult der Wiener Philharmoniker stand Franz Welser-Möst, der hörbar an den zahlreichen Motivverbindungen und der Dynamik getüftelt hat. Das Ergebnis ist, in einem Wort, fantastisch. Glasklare Strukturen, fein ausgearbeitete Motive harmonieren mit dem typischen warmen Sound der Wiener Streicher und Holzbläser. Raue Rhythmen und heftige Tempi kontrastieren das allzu Schöne und sorgen für einen überaus intensiven Klangrausch.