Häusliche Gewalt während Corona

    Die Kollegin als letzter Kontakt zur Außenwelt

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    Illustration: Frau kauert in einer Ecke mit Schatten eines gewalttätigen Mannes.
    Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass häusliche Gewalt im Corona-Lockdown zugenommen hat. © imago / Ikon Images / Neil Webb
    Von Pia Masurczak · 27.12.2021
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    Häusliche Gewalt könnte im Lockdown zugenommen haben, befürchtet das Start-up Frontline. Das Unternehmen bietet Schulungen an, um Chefinnen und Mitarbeiter zu sensibilisieren. Denn sie sind im Lockdown oft der einzige Kontakt für Betroffene nach außen.
    148.000 Mal – so oft wurde häusliche Gewalt im Jahr 2020 bei der Polizei aktenkundig. Darunter waren Fälle von Körperverletzung, Bedrohung, Stalking, Vergewaltigung, Mord und Totschlag – ausgeübt von Partner:innen und Ex-Partner:innen. Die Opfer sind zu 80 Prozent Frauen, tatverdächtig in 80 Prozent der Fälle Männer. Erschreckende Zahlen und dennoch nur das sogenannte Hellfeld, also die Gewalttaten, die statistisch erfasst wurden.

    Häusliche Gewalt während der Pandemie

    Mit Beginn der Coronapandemie wuchs bei Expertinnen und Experten die Sorge, dass diese Zahl rasant in die Höhe schnellen könnte. Inwieweit sich die Pandemie-Beschränkungen auf häusliche Gewalt ausgewirkt haben, hat die Politikwissenschaftlerin Ba Linh Le untersucht. „In Deutschland gab es Phasen von häuslicher Gewalt, in denen die Nachfrage nach Plätzen in Frauenhäusern oder Unterstützung anstieg“, erzählt sie. Während der Lockdowns habe dann Schweigen geherrscht. „Man geht im Moment davon aus, dass während der Lockdowns die Kommunikation und der Kontakt zu anderen Menschen so sehr beschränkt waren, dass es für Opfer sehr schwierig war, sich Hilfe zu suchen.“ Als die Beschränkungen aufgehoben wurden, sei die Nachfrage so stark angestiegen, „dass die entsprechenden Stellen leider nicht allen helfen konnten“.

    Le ist eine der Gründerinnen und Gründer von Frontline. Die Organisation ist aus einem internationalen Jahrgang der Hertie School of Governance in Berlin entstanden und setzt sich für Aufklärungs- und Präventionsprogramme gegen häusliche Gewalt ein. Insgesamt, das zeigen die polizeiliche Kriminalstatistik und auch eine repräsentative Umfrage von Frontline, steigen die Fallzahlen bereits seit einigen Jahren kontinuierlich an.

    Erzwungene Nähe und finanzielle Sorgen

    Dazu kommt die Coronapandemie. Erzwungene räumliche Nähe durch Homeoffice und Lockdown, wenig externe Kontakte, Stress, beispielsweise durch finanzielle Sorgen: Solche Faktoren machen Partnerschaftsgewalt wahrscheinlicher. Immerhin aber habe sich auch die Zahl derjenigen erhöht, die sich anderen anvertrauten, sagt Ba Linh Le. „Unsere Studie zeigt, dass vor der Pandemie fast ein Drittel der Betroffenen mit niemandem über ihre Gewalterfahrungen gesprochen haben.“ Das habe sich während der Pandemie verändert. „Diese Zahl hat sich halbiert.“

    Arbeit für Hilfsorganisationen ist schwieriger

    Gleichzeitig wirken sich die Corona-Maßnahmen aber auch auf die Hilfsangebote aus, beobachtet Martina Raab-Heck von der Freiburger Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt. Während des erstens Lockdowns hätten sich viele andere Institutionen und Rechtsanwälte sehr zurückgezogen. „Als man auch online noch nicht so gut aufgestellt war, da war die Nachfrage nicht unbedingt quantitativ gestiegen, aber die Begleitung war qualitativ anspruchsvoller.“
    Die Lockdowns erschweren nämlich auch die Suche nach Rechtshilfe, psychologischer Unterstützung oder vielleicht sogar einer neuen Wohnung. Und auch die Frauen- und Kinderschutzhäuser arbeiteten wegen der Hygiene- und Quarantäne-Bestimmungen unter verschärften Bedingungen, sagt Raab-Heck. „Die Arbeit ist schon komplizierter und auch schwieriger geworden, das kann man sagen.“

    Keine aktuelle Daten zu häuslicher Gewalt

    Wie Ba Linh Le weist die Psychologin aber auf ein zentrales Problem hin: Für einen detaillierten Blick auf die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen fehlen schlicht aktuelle Daten. Diese müssten über die Kriminalstatistik hinausgehen und auch das Dunkelfeld erfassen. Denn zu häuslicher oder partnerschaftlicher Gewalt zählt auch, wenn ein Partner die Kontakte zu Freundinnen, Freunden oder Verwandten unterbindet oder über die Finanzen alleine bestimmt – Kontrollverhalten, das in keiner Polizeistatistik auftaucht.
    Die letzte große bundesweite Erhebung gab es 2003. Für Frontline-Mitgründer Babatunde Williams ist diese Datenlücke frustrierend. „Deutschland ist ein unglaublich reiches Land, aber Daten werden einfach nicht erhoben“, betont er. „Wir brauchen Leute in den entscheidenden Positionen, die Geld investieren, um herauszufinden, wie die Lage ist. Wieso gerät jemand in Deutschland in eine gewaltvolle Beziehung und worin unterscheidet sich das von Land X? Wie lange dauern diese Beziehungen und warum dauern sie vielleicht zehn Prozent länger als in Land X?“
    Auch Raab-Heck würde sich eine repräsentative Studie wünschen – „gleichermaßen für Frauen und Männer“ und vergleichbar mit der alten Studie von 2003. Damit sich feststellen lasse, „ob es sich von den Altersclustern verändert hat oder von den Bildungsclustern oder bei den Frauen mit Migrationshintergrund. Wir alle freuen uns sehr, wenn da was kommt, weil man sich schon fast schämt, wenn man mit diesen alten Zahlen kommt.“
    Martina Raab-Heck betont: Die Beratungsstellen brauchen aktuelle Daten – aber auch mehr Geld für die Weiterentwicklung von Hilfsangeboten, die alle Betroffenen erreichen. Denn bisher hätten sie „die eher konventionelle Art der Herangehensweise“, meint er. „Dass ich eine Beratung anbiete, mittlerweile auch online, per Telefon oder Chat. Aber darüber hinaus bräuchte es mehr Geld, damit wir uns besser weiterbilden können und auch noch einmal andere Leute erreichen.“

    Das soziale Umfeld sensibilisieren

    Dass sich Hilfsangebote an gesellschaftliche Entwicklungen anpassen müssen, zeigen auch die Daten aus der Frontline-Studie. Denn 21 Prozent der Betroffenen, das ergab die repräsentative Umfrage, vertrauten sich seit Beginn der Pandemie ihren Arbeitskolleginnen oder -kollegen an – weit mehr als vor Corona. Kein Wunder, meint Babatunde Williams. Während des Lockdowns hätten die Betroffenen kaum Möglichkeiten gehabt, sich anderen mitzuteilen. Die Kolleginnen und Kollegen seien vermutlich oft die Einzigen gewesen, „mit denen Betroffene regelmäßigen Kontakt hatten“.
    Deshalb, sagen Babatunde Williams und Ba Linh Le, lohne es sich, auch das Umfeld der Betroffenen in den Blick zu nehmen. Viele der Angebote richten sich bislang direkt an die Opfer häuslicher Gewalt – der Frauennotruf beispielsweise oder die Plakataktion des Bundesfamilienministeriums, die zu Beginn der Coronapandemie in Supermärkten gestartet wurde.
    Helfen könne man aber auch, indem das soziale Umfeld für Anzeichen häuslicher Gewalt sensibilisiert werde. „Wir versuchen, eine Diskussion über die gesellschaftliche Verantwortung zu führen. Wir glauben, die Gesellschaft hat eine Verantwortung gegenüber den Opfern – und nicht nur Verantwortung, sondern auch die Macht zu helfen.“

    Sonderurlaub bei Gewalt in der Partnerschaft

    Deshalb bietet Frontline auch Trainings für Unternehmen an, um Kolleginnen, Kollegen und Führungskräfte weiterzubilden, damit diese Betroffenen professioneller helfen können. Im Idealfall, ergänzen Williams und Le, könnten sich Firmen eine Art Sonderurlaub für Betroffene ins Regelwerk schreiben – wie es das in Neuseeland bereits gibt.
    Dort existiert die gesetzlich garantierte Möglichkeit, sich für zehn Tage vom Arbeitgeber freistellen zu lassen, falls es innerhalb der Partnerschaft zu Gewalt, zum Beispiel während einer Trennung, kommt. Das wäre für Deutschland ein radikal neuer Ansatz – auch, weil die Beratungsstellen von der Politik bislang eher vernachlässigt wurden. „Wir sind tatsächlich sehr bescheiden, was unsere Forderungen angeht, weil wir auch sehr bescheiden gehalten werden“, sagt Raab-Heck.
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