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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 18.05.2020

Häusliche BetreuungAusbeutung rund um die Uhr

Von Pia Rauschenberger und Grzegorz Szymanowski

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Eine Pflegekraft aus Polen wäscht einen betllägrigen Mann. Der Pfleger kommt aus Polen und ist eigentlich Musiker von Beruf. (imago/epd)
Viele Betreuungskräfte in Deutschland kommen aus Polen und sind 24 Stunden am Tag auf Abruf bereit. (imago/epd)

Viele alte Menschen in Deutschland wünschen sich, zuhause gepflegt zu werden. Doch das ist eigentlich viel zu teuer. Möglich machen es Betreuungskräfte aus Osteuropa - meist unter kaum tragbaren Bedingungen.

"Grüß Sie, ich bin von Ihrer Zentrale auf Sie verwiesen worden, weil es hieß, dass Sie Pflegekräfte im Raum Frankfurt vermitteln."

Anruf bei einer Vermittlungsagentur für Betreuungskräfte für Senioren. 

"Und zwar geht es darum, dass meine Mutter, allein lebend, fast 90-jährig, aber jetzt doch auch tagsüber und auch nachts jemanden braucht. Nicht, dass sie jetzt direkt dement wäre, ist sie aber doch schon irgendwie schwächer. Gibt es da die Möglichkeit, dass Sie sozusagen rund um die Uhr jemanden da einziehen lassen könnten?"

"Und wie sieht es nachts aus? Schläft sie da durch, oder muss die Pflegekraft da auch gegebenenfalls aufstehen?"

"Auf gar keinen Fall schläft sie durch, nachts ist sie die ganze Zeit wach."

"Okay, und da muss die Betreuungskraft ihr dann auch helfen?"

"Ich nehme es auch an, ja. Weil, dann ist sie beunruhigt und manchmal auch traurig und sowas."

"Wenn ich zwei-, dreimal in der Nacht aufstehen muss, dann ist es in Ordnung, aber wenn ich zehn Mal aufstehen muss, dann ist es schon schlecht, weil ich dann kaum schlafen kann. Und um 7 Uhr schaut die Frau auf ihre Uhr und fragt: 'Wieso schläft die Ruslana noch?'"

"Natürlich, sie hat auch geschlafen nach dem Mittagessen. Aber danach war ich beschäftigt. Ja, also ich muss Wäsche einstellen. Ich muss da ein bisschen Ordnung machen. Das war nicht meine Pause. Ja, das war ihre Ruhezeit, aber nicht für mich." 

"Live-In-Pflegerinnen" betreuen Tag und Nacht 

Davon, wie gut die Senioren schlafen können, hängen ganze Tage von Ruslana und Izabela ab. Als sogenannte "Live-In-Pflegerinnen" wohnen sie bei den alten Menschen und betreuen sie Tag und Nacht. 24 Stunden am Tag sind sie auf Abruf bereit. Ruslana kommt aus der Ukraine und arbeitet als Altenbetreuerin in Polen. Izabela kommt aus Polen und arbeitet in Deutschland.

"Wir haben separate Zimmer, aber es gibt keine Tür. Sie schaut mich die ganze Zeit an, denn wenn ich nicht zu sehen bin, dann hat sie Angst, dass da niemand mehr sei. Und so muss ich mit ihr quasi in einem Zimmer sein. Das ist das Schlimmste. Weil ich die ganze Zeit bei ihr sein muss."

"Ich kann meine Tür zu meinem Zimmer nicht zu machen. Ja, die Tür muss offenbleiben. Und ich muss immer zu Verfügung sein. Ja, so, wie sie möchte."

Ruslana zwischen Supermarkt und Arbeit. (Grzegorz Szymanowski                                                                                                                                                                                                                                   )Keine Zeit für sich selbst: Ruslana zwischen Supermarkt und Arbeit (Grzegorz Szymanowski )

Weltweit fahren Frauen wie Izabela und Ruslana in reichere Länder, um Pflegearbeit zu machen. Von der Ukraine nach Polen, von Polen nach Deutschland.

Um die 300.000 Haushalte in Deutschland beschäftigen häusliche Betreuungskräfte aus dem Ausland. Wie sieht der Alltag der Betreuerinnen aus, eingeschlossen in vier Wände mit alten, pflegebedürftigen Menschen? Basiert das deutsche Pflegesystem auf Ausbeutung im Schattenbereich? Und wer kümmert sich um die Alten in den Herkunftsländern der Frauen? 

Deutsche Pflegesystem braucht Hilfe aus dem Ausland

Gerade die aktuelle Coronaepidemie offenbart, wie wichtig die häuslichen Betreuerinnen für das deutsche Pflegesystem sind. Ohne Hilfe aus dem Ausland müssten viele Familien ihren Alltag komplett umkrempeln.

So wie Claudia L. Sie ist 41 und lebt in Nordrhein-Westfalen. Sie ist jobmäßig viel unterwegs und hat Kinder. Ihr Vater, 77, ist dement. Er kann gar nicht mehr alleine sein. Seit anderthalb Jahren beschäftigt die Familie daher Betreuungskräfte, die sich rund um die Uhr um ihn kümmern. Die aktuelle Frau aus Polen ist schon seit Februar bei ihm, und Claudia ist sehr zufrieden mit ihr.

"Sie beobachtet ihn. Zum Beispiel macht sie ihm alle paar Tage, wenn er das möchte, ein Konzert - gerne von André Rieu - an. Was ihn dann öffnet und für ein paar Tage ruhiger macht. Das ist echt schön." 

In ein paar Wochen geht die Frau nach Polen zurück. Und wegen der Coronakrise ist unklar, wann - oder ob - sie zurückkommt. Claudia hat Verständnis dafür, dass die Betreuerin nach drei Monaten eine Pause braucht.

Das ist schon auch ein anstrengender Job. Ich finde es toll, was die machen, gerade auch so weit weg von Zuhause, weil dieses tägliche Nachhausekommen haben die natürlich nicht."

Mehrheit arbeitet ohne einen Vertrag

In der Coronakrise werden Betreuungspersonen für Menschen wie Claudias Vater plötzlich knapp. Die große Mehrheit der Betreuungskräfte arbeitet ohne einen Arbeitsvertrag. Sie können jetzt nicht mehr nach Deutschland einreisen. Auch legal Beschäftigte, wie die Betreuungskraft von Claudia, bleiben Zuhause.

Ein Grund ist, dass die Reise zu Zeiten der Coronakrise unsicher und beschwerlich ist, erklärt Daniel Schlör von der Vermittlungsagentur SunaCare.

"Was jetzt passiert, ist dass halt spontan Betreuungskräfte häufiger mal kurz vor dem geplanten Anreisedatum absagen und wir den Aufwand haben, für die Familie eine alternative geeignete Betreuungskraft zu finden. Das ist eigentlich das, was momentan einen sehr hohen Aufwand macht."

Wenn sie nicht rechtzeitig eine Betreuungskraft findet, müsste Claudia selbst ihren Vater pflegen.

"Was natürlich für mich bedeuten würde, dass ich beruflich in Schwierigkeiten käme."

Justyna Oblacewicz arbeitet für das Projekt Faire Mobilität vom Deutschen Gewerkschaftsbund und setzt sich dort für die Rechte der Betreuerinnen ein.

"Es ist einfach eine für alle unglückliche Situation. Und was es offenbart, ist, dass das System dieser häuslichen Betreuung, so, wie es aufgebaut ist, einfach für den Moment gedacht ist, dass eine 24-Stunden-Pflege mit nur einer Person an sich überhaupt nicht machbar ist. Und genau diese Schwächen werden jetzt sehr offen zu Tage gefördert im Rahmen von der Coronakrise." 

Erwartungen über das normale Maß hinaus

In der Krise werden Betreuerinnen besonders wertgeschätzt. Große Erwartungen an sie gab es schon lange zuvor. Viele von ihnen haben Situationen erlebt, die über das normale Maß eines Jobs hinausgehen. Zum Beispiel Izabela Marcinek aus Warschau, 56 Jahre alt.

"Ich bin Polin, ich hab in Krakau studiert. an der Akademie der Schönen Künste. Von Beruf bin ich Kunstmalerin, ich male Bilder."

Sie hat Kunst studiert, aber nie ausschließlich davon gelebt. Sie beschreibt sich selbst als ruhig, besonnen und optimistisch. Und sie mag ihren Job als Betreuerin.

"Die Arbeit hat mir wirklich gefallen. Es war etwas Besonderes. Es war etwas. Die Hilfe für einen Menschen, der pflegebedürftig ist, habe ich bemerkt, bereichert mich innerlich."

In ihrem ersten Job als Betreuerin pflegte sie einen alten Herren. Einmal verweigerte er die Tabletten, die sie ihm geben wollte. Izabela Marcinek versuchte ihn zu überreden, sanft und autoritativ, wie sie sagt. Und sie schaffte es.

"Er hat die Tablette genommen, und ab dieser Zeit hat er schon keine Tablette rausgeschmissen. Also ich habe bemerkt damals, dass der Senior meine Signale versteht. Ja, und deswegen dachte ich, okay, also, ich habe in mir eine Gabe entdeckt."

Izabela entschied sich damals, weiter als Betreuerin zu arbeiten. Ihre Arbeit kommt ihr in manchen Momenten magisch vor, in anderen wie ein Gefängnis. Wenn sie in eine neue Familie kommt, weiß sie vorher nie: Wie wird es dieses Mal werden?

"In Gelsenkirchen hat die Arbeit fantastisch angefangen. Die Dame war eigentlich gesund. Sie hat nur eine Gesellschaft gebraucht, ja. Und dort habe ich ihr Frühstück vorbereitet, also Mahlzeiten vorbereitet, Einkäufe gemacht. Ich habe Wäsche gemacht, gebügelt. Eigentlich war die Arbeit ganz einfach."

"Ich muss immer verfügbar sein"

In der ersten Woche nimmt sich Izabela viel Zeit, um die Seniorin kennenzulernen. Doch nach und nach sickert dieses unangenehme Gefühl ein.

"Ich habe bemerkt, dass die Seniorin eigentlich nicht akzeptieren kann, dass ich Zeit für mich haben möchte."

Die Seniorin und auch deren Kinder verlangen von Izabela, dass sie rund um die Uhr ansprechbar ist.

"Also sie haben erwartet, dass ich ständig eine Gesellschaft der Mutter leiste, dass ich ständig bei ihr bin. Also, das bedeutet, ich kann meine Tür zu meinem Zimmer nicht zu machen. Ja, die Tür muss offen bleiben. Und ich muss immer verfügbar sein."

In den Geschichten, die wir im Laufe unserer Recherche gehört haben, tauchte immer wieder dieses Thema auf: Darf die Betreuerin ihre Tür zu machen oder muss sie - auch nachts - offen bleiben? Dieser Konflikt steht stellvertretend für ein größeres Problem: für die Schwierigkeit der Betreuerinnen, ihre Privatsphäre von ihrem Arbeitsauftrag abzugrenzen. Selbst kurze Pausen dulden manche Familien nicht.

Viele häusliche Betreuerinnen mögen ihren Job. Und natürlich gibt es nicht in jeder Familie Probleme. 

In der Coronazeit erleben viele Menschen, wie schwer es ist, kaum das Haus verlassen zu können. Für viele Betreuerinnen ist das Alltag - auch ohne Corona. 

Das sind keine Einzelfälle, sagt Agnieszka Misiuk vom Projekt Faire Mobilität.

"Es gibt mehrere Probleme, mit denen sich die Frauen an uns wenden. Einer der größten sind die nicht bezahlten Überstunden. Das heißt, die Frauen arbeiten einfach viel mehr als das Arbeitszeitgesetz überhaupt erlaubt. Die haben dann ja auch ganz oft keine Pausen, beziehungsweise keine freien Tagen und haben dann ja auch so einfach keine Erholungszeiten." 

Was gilt als Arbeit, was als Freizeit?

Aus Sicht der Agenturen, die die Betreuerinnen aus dem Ausland an die Familien vermitteln, arbeiten die Frauen lediglich ein paar Stunden am Tag. Dietmar Lehmann ist Vorstandsvorsitzender im Bundesverband häusliche Seniorenbetreuung, welcher 20 dieser Agenturen vertritt.

Anzeigen von Betreuerinnen in der orthodoxen Kirche in Polen. (Grzegorz Szymanowski                                                                                                                                                                                                                                                               )Anzeigen von Betreuerinnen in der orthodoxen Kirche (Grzegorz Szymanowski )

"Ja, ich mache Ihnen gerne ein Beispiel: Wenn Sie zusammen frühstücken, brauchen Sie eine Schachuhr, weil Sie sitzen jetzt als Betreuer mit Ihrem zu betreuenden Menschen gegenüber. Und der Mensch, den Sie betreuen, sagt, ich möchte ein Leberwurstbrötchen essen. Müssten Sie eigentlich auf die Uhr gucken, abdrücken, schmieren ihm ein Leberwurstbrötchen. Die Zeit arbeiten Sie. Geben dem das rüber, und dann isst er das. Sie müssen aber auch selber essen. Ja, und das ist immer nur der Mehraufwand. Es wird mittags interessant, wenn sie in einer Bratpfanne zwei Steaks machen: eins für sich und eins für den Kunden."

Für Dietmar Lehmann ist das Freizeit, für Justyna Oblacewicz vom Projekt Faire Mobilität Arbeitszeit. Für sie schüren die Agenturen bei den Familien Erwartungen, die die Frauen kaum einhalten können.

"Die Agenturen versprechen ihnen eine Frau, die 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche da ist, und eigentlich für 1300 Euro Netto tatsächlich rund um die Uhr zur Verfügung stehen soll."

Viele der Vermittlungsagenturen tragen die Idee der 24-Stunden-Pflege schon in ihrem Namen: EuroPflege-24, Senior@Home24 oder Lebenshilfe24. 

"Dieses Versprechen der 24-Stunden-Pflege ruft dann ja auch falsche Erwartungen hervor, ganz oft. Was dann auch zu Missverständnissen und Konflikten führen kann." 

Familien erwarten 24-Stunden-Pflege

Nach der ersten Woche in Gelsenkirchen spricht Izabela das Thema Arbeitszeit mit der Familie an. In ihrem Vertrag, den sie mit der polnischen Vermittlungsfirma abgeschlossen hat, steht, dass sie 40 Stunden in der Woche arbeiten soll. Dafür bekommt sie im Monat 1500 Euro brutto. 

Die Kinder der Seniorin reagieren überrascht. In dem Vertrag, den sie mit dem deutschen Vermittler abgeschlossen haben, stehe nichts dazu.

"Und die Tochter hat bestätigt, ja, es gibt keinen Punkt in dem Vertrag. Also sie wissen nicht, dass eine Betreuerin 40 Stunden pro Woche arbeiten sollte."

Izabela macht eine Auflistung ihrer täglichen Aufgaben und legt sie der Familie vor. Jeden Tag ist sie bereit 7 Stunden und 45 Minuten zu arbeiten. Zusammen ergibt das 52 Stunden in der Woche. In den Pausen bleibt Izabela auf ihrem Zimmer - und macht die Tür zu. 

"Ich habe mich zurück in mein Zimmer gezogen. Und die Tür hab ich geschlossen. Ich bin bei zwei Stunden geblieben. Zwei Stunden Pause für mich müssen unbedingt sein."

Der Familie gefällt das nicht.

"Und dann bin ich in meinem Zimmer, und plötzlich kommt der Sohn in mein Zimmer rein. Und er sagt: 'Du hast zwei Stunden, um deine Sachen einzupacken. Meine Mutti möchte nicht, dass du in ihrem Hause weiter bist.'

Das war ein Schock, wirklich ein Schock. Ich konnte keine Gedanken sammeln, und dann nach ein paar Minuten hab ich ihn um den Grund gefragt. Und er hat gesagt: Du bestimmst alles. Meine Mutti fühlt sich mit dir nicht wohl."

Izabela zieht ins Hotel. Nach ein paar Tagen weist die Agentur ihr eine neue Familie zu. Einen Job hat sie jetzt wieder, aber die negative Erfahrung bleibt.

Die Erfahrungen von Izabela zeigen, dass man sich hier in einer rechtlichen Grauzone bewegt.

Ist Rufbereitschaft Arbeitszeit oder nicht?

"Das Hauptproblem ist sicherlich, dass wir darüber reden müssen: Wie ist das mit der Arbeitszeit?", sagt Dietmar Lehmann. "Momentan ist es ganz klar. Es gibt die rechtlichen Gesetze, und in den Gesetzen ist es schwierig: Ist Rufbereitschaft Arbeitszeit oder nicht?" 

Justyna Oblacewiczvom Projekt "Faire Mobilität" kann diese Frage eindeutig beantworten.

"Das heißt natürlich nicht, dass sie in jeder Minute arbeitet, aber klar ist das auch eine Bereitschaftszeit, und wir betrachten das als solche. Die Arbeitszeit beträgt definitiv mehr als diese acht Stunden am Tag, nur für diese Arbeitszeit werden sie bezahlt und der Rest ist unbezahlte Mehrarbeit, wenn Sie so wollen."

Frederik Seebohm, vertritt als Geschäftsführer des Verbands für häusliche Betreuung und Pflege e.V. die Vermittlungsagenturen. Er sieht folgendes Problem.

"Wenn Sie die Präsenz, also die Anwesenheit dieser Betreuungspersonen auch als Bereitschaftszeit werten würden, dann ist es unbezahlbar. Dann müssten Sie nämlich für die reine Anwesenheit, also dieses Da-Sein, müssten Sie pro Stunde den Mindestlohn zahlen. Also das kann faktisch keine Familie leisten. Dann geht das nicht." 

Lange wurde die Frage der Bereitschaftszeit in häuslicher Pflege nicht von der deutschen Justiz beantwortet, weil die migrantischen Betreuerinnen nicht vors Gericht gezogen sind. Frauen, die für einige Monate zum Arbeiten in ein fremdes Land kommen, kämpfen selten gemeinsam für bessere Bedingungen.

Erst im August 2019 hat das Arbeitsgericht Berlin der Klage einer Betreuerin aus Bulgarien stattgegeben. Von ihrem ehemaligen Arbeitgeber forderte sie eine Lohnnachzahlung für ihre gesamte Arbeits- und Bereitschaftszeit, also 24 Stunden am Tag. Die Richter stimmten ihr zu.

Justyna Oblacewicz vom DGB hat den Prozess beobachtet. "Das Entscheidende ist, dass eben dieses Gericht gesagt hat, es ist überhaupt nicht fraglich, dass diese Person dort für 24 Stunden bestellt worden ist - das war die Erwartungshaltung der Familie, das war das, was die Agentur versprochen hat – und deswegen auch natürlich für die gesamte Arbeits- und Bereitschaftszeit bezahlt werden muss."
 
Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der ehemalige Arbeitgeber der Betreuerin ging in Berufung. Das Landesarbeitsgericht soll nun im Sommer 2020 entscheiden. Das Urteil könnte Folgen für die ganze Branche haben.

Durchschnittsgehalt liegt bei 1300 Euro netto

Momentan läuft es in vielen Familien so: Die Betreuungskraft ist rund um die Uhr abrufbereit, wird aber nur für eine 40-Stunden-Woche bezahlt.

Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2017 zahlen die Haushalte in Deutschland im Durchschnitt 1800 Euro für eine Betreuerin. Ein Modell für die gehobene Mittelschicht. Das Gehalt der Betreuerin wiederum ist relativ mickrig, beträgt etwa 1300 Euro netto. Dafür müssen sie ihr eigenes Leben komplett zurückstellen. Ein Kinobesuch nach Feierabend oder eine längere Wanderung am Wochenende sind in vielen Fällen unmöglich.

"Wenn Sie eine 24-Stunden-Betreuung abdecken wollen, dann brauchen Sie mindestens drei Personen, die das im Schichtsystem machen. Wenn das dann finanzierbar ist. Ja, bitte sehr. Warum nicht? Aber eben nicht mit einer Person. Das geht nicht."

Das Modell der Betreuerinnen aus dem Ausland macht sich das Einkommensgefälle in der EU zu Nutze. "Zwangsmigration" nennt Vladimir Bogoeski von der Hertie School of Governance das in einem Text vom April.

"Innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaft wird immer gesucht nach Menschen, die es billiger geben", sagt die Philosophin Cornelia Klinger.

Die Dynamik, die im 21. Jahrhundert dadurch entsteht, beschreiben manche Wissenschaftler als eine Care-Chain - also eine Pflegekette. Menschen, meistens Frauen, fahren in reichere Länder, um dort Sorgearbeit zu verrichten. Deutsche, die diese anstrengende und schlecht bezahlte Arbeit machen wollen, gibt es kaum.

"Das war im neunzehnten Jahrhundert übrigens auch schon eine Care-Chain. Da waren die Hausmädchen die dienstbaren Geister im Haushalt. Das waren die sogenannten Mädchen vom Lande. Das war also noch gewissermaßen aufgebaut auf dem Stadt-Land-Gefälle, was durch den Industrialisierungsprozess entstanden ist. Und man hat gesucht nach Menschen, die wenig andere Chancen haben, nicht so gut gebildet sind und es in irgendeiner Weise billiger geben." 

In Polen arbeiten Ukrainerinnen in der Betreuung

Im 21. Jahrhundert kommen die "dienstbaren Geister" aus ärmeren Ländern. In Europa bedeutet das, immer weiter östlich nach Betreuungskräften zu suchen. 

Polnische Frauen kommen nach Deutschland, um hier alte Menschen zu betreuen. Aber was passiert mit den alten Menschen in Polen? In Polen arbeiten Ukrainerinnen in der häuslichen Betreuung. Seit 2014 haben Ausländer leichteren Zugang zum polnischen Arbeitsmarkt. Polen wird zum Einwanderungsland. Etwa zwei Millionen Ukrainer sind seitdem in das Land gekommen.

Wir treffen Ruslana im Dezember in Lublin, einer Stadt im Osten von Polen. Hier lebt sie im Haus einer schwerkranken 90-jährigen Frau. Ruslana ist 55 Jahre alt und kommt aus dem Westen der Ukraine. Wir können sie lediglich beim Einkaufen im Supermarkt begleiten. Zeit für private Treffen hat Ruslana nicht.

"Ich war zwei Tage nicht draußen. Sonst versuche ich jeden Tag einkaufen zu gehen. Ich kaufe extra wenig ein, um jeden Tag einen Grund zu haben, rauszugehen. Bald wird sie anrufen, weil ich zu lange weg bin."

Heute ist Ruslana müde, sie hat nicht viel geschlafen. Sieht aber elegant aus: Sie hat glatte blonde Haare und trägt dezentes Make-up.

"Meine Frau ist im schwierigen Zustand. Und darüber hinaus, wenn sie nachts aufwacht, mäkelt sie: Dreh mich um, heb mich hoch. Oder sie ruft einfach zu. Was brauchst du denn, frage ich, und sie darauf: Ich weiß selbst nicht, aber ich kann nicht schlafen, dann solltest du auch nicht ..."

Die Frau, die Ruslana betreut, hat Angst, alleine zu Hause zu bleiben. Sie lässt Ruslana nur sehr ungern raus.

"Sie ist krank, und hat Angst, dass ihr etwas passiert gerade dann, wenn niemand mehr zu Hause ist. Ich sage ihr: Ich muss kurz raus. Und sie zu mir: Dann hast du doch den Balkon hier."

Fehlen die polnischen Betreuerinnen im eigenen Land?

Ruslana arbeitet in Polen, weil dort niemand ihre Arbeit machen will. Ist das so, weil polnischen Frauen in Deutschland arbeiten? Reißen die Betreuerinnen Lücken ins polnische Pflegesystem, die mit Frauen wie Ruslana aus der Ukraine aufgefüllt werden? Oder anders gefragt: Höhlt das deutsche Pflegesystem das polnische aus? Das ist unter Wissenschaftlern umstritten.

Die größte Gruppe, die die Care-Arbeit in Polen verrichtet, sind tatsächlich Ukrainerinnen. Der Migrationswissenschaftler Paweł Kaczmarczyk von der Universität Warschau meint, die polnischen Frauen fehlten nicht direkt auf dem Arbeitsmarkt in Polen, da sie nicht diejenigen seien, die dort als Pflegerinnen arbeiten würden.

Die polnischen Frauen, die in Deutschland als Betreuungskräfte arbeiten, könnten so einer Arbeit in Polen nicht nachgehen. Nicht nur wegen der niedrigeren Gehälter, sondern auch aus sozialen Gründen. Wegen des Prestiges. Solche Jobs kann man nur machen, wenn man zum Beispiel im Ausland lebt und von seinem sozialen Milieu getrennt ist."

Marta Kindler arbeitet als Migrationswissenschaftlerin am selben Institut wie Kaczmarczyk. Sie vertritt eine andere Position. Frauen, die nach Deutschland gehen, fehlen auf dem polnischen Arbeitsmarkt, meint Kindler.

"Wenn eine polnische Frau, die sich in Polen um eine alte Person gekümmert hat, nach Deutschland geht, um Pflegearbeit zu machen, wird genau diese Frau wahrscheinlich nicht direkt ersetzt durch eine ukrainische Frau. Aber die polnische Gesellschaft altert schnell. Also es gibt definitiv eine Nachfrage in Polen nach häuslichen Pflegekräften."

"Ich muss für die Familie Geld verdienen"

Für ihre Arbeit in Lublin bekommt Ruslana 2500 Zlotys, umgerechnet etwa 600 Euro im Monat. Für das Essen und die Wohnung muss sie nichts zahlen.

"Ich mache es nicht so sehr für mich, sondern für die Familie."

Ruslana ist verheiratet, hat zwei Töchter und vier Enkel. Auch ihre Schwiegersöhne arbeiten in Polen, als LKW-Fahrer. Zu Hause lebt noch ihr Vater. Er ist dement. Ruslanas Tochter pflegt ihn.

"Meine Tochter sagt mir: Ich bin auch Pflegerin, aber umsonst und nicht für das Geld wie du. So ist es. Es tut mir leid für meine Tochter, aber ich kann nichts dafür, ich muss wegfahren zum Arbeiten. Ich muss für die Familie Geld verdienen. Für meinen Mann gibt es keine Arbeit mehr, weil er alt ist. Und für mich ist noch Arbeit da."

Porträtfoto von Tatiana und Kazimierz (Grzegorz Szymanowski    )Hier gibt es keine Probleme mit freier Zeit, eigenem Zimmer und Intimsphäre: Betreuerin Tatiana mit dem 93-jährigen Kazimierz. (Grzegorz Szymanowski )

Im besten Fall ist es so: Die Betreuerinnen können mit dem Geld ihre Familie unterstützen - und die Senioren können ihre letzten Jahre in ihrer gewohnten Umgebung verbringen, in ihrem Zuhause sterben.

Kazimierz Wilczynski ist 93 Jahre alt. Als junger Mann hat er im Warschauer Aufstand gegen die deutschen Besatzer gekämpft. Er wohnt in einer kleinen Wohnung in einem Hochhaus im Osten der Stadt. Dort pflegt ihn die Ukrainerin Tatiana.

"Frau Tatiana hat sich um meine kranke Frau gekümmert. Sie ist nach eineinhalb Jahren Pflege gestorben, aber ich bin geblieben. Ich bin noch hier und habe Tatiana gebeten, bei mir zu bleiben."

"Er ist ein alter Mann, man kann ihn nicht alleine lassen. Ich hatte eine Chance nach Deutschland zur Arbeit zu fahren, und ich wollte gehen, aber dann hat mich die Tochter von dem Herr angehalten und meinte: Tanja, du bist dem Vater ganz wichtig, du musst bleiben solange der Vater lebt. Und so bin ich geblieben." 

Bei den Wilczynskis gibt es für Tatiana keine Probleme mit freier Zeit, eigenem Zimmer und Intimsphäre. In einer anderen Familie hat sie allerdings erlebt, wie grausam die Anforderungen in ihrem Job sein können.

"Sie hat mir nicht mal erlaubt, den Fernseher anzumachen, mein Gott, nicht mal die Zeitung zu lesen. Sie wollte bloß, dass ich neben ihr sitze, weil sie so großen Angst vor dem Tod hatte. So ging es anderthalb Jahre."

Die Agenturen profitieren

Die große Frage bleibt: Wie sehr kann man das Arbeitsrecht und die Intimsphäre der Betreuerinnen strapazieren, um alten Menschen die Möglichkeit zu geben, in ihrem Zuhause zu sterben? 

"Das Problem sind nicht die Familien", sagt Justyna Oblacewiczvom Projekt "Faire Mobilität".

"Das Problem liegt tatsächlich am System. Und das Problem sind aus unserer Sicht einfach auch ganz klar Agenturen, die das für sich zu einem Geschäftsmodell gemacht haben und sich in einem dunkelgrauen Bereich befinden."

Die Agenturen profitieren davon, dass Familien über sie nach Betreuungskräften suchen – zumindest in Deutschland. Sie bekommen einen Teil des Gehalts. 

Ewa Palenga forscht zur Pflege an der Universität Frankfurt. Sie sieht die Politik in der Verantwortung.

"Wir haben zusammen mit meiner Kollegin Helma Lutz die Haltung der deutschen Bundesregierung dazu als "mitwisserische Haltung" bezeichnet, ja. Das heißt, man guckt nicht genau hin, weil es einfach funktioniert."

Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, hat keine Zeit für ein Interview. Auf eine Anfrage von Deutschlandfunk Kultur heißt es in einer Stellungnahme aus dem Ministerium für Arbeit und Soziales: "Regelmäßig wird eine Arbeitszeit einschließlich Bereitschaftsdienst von 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche nicht mit dem Arbeitsgesetz vereinbar sein."

Trotzdem bleiben die Betreuerinnen oft ohne Unterstützung von außen.

Coronakrise macht Probleme sichtbar

"Wer ist schuld daran? Ja, auch unsere Einstellung wahrscheinlich, die gesellschaftliche Einstellung zu dieser Arbeit, die uns nichts wert ist. Dass wir für andere Art von Arbeiten also bereit sind zu bezahlen, aber für gute Pflege nicht bezahlen wollen."

Die Coronakrise macht sichtbar, dass der deutsche Pflegemarkt von den Arbeitskräften aus der östlichen Peripherie abhängig ist. Und von ihnen profitiert.

"Unsere Hoffnung ist, dass Corona uns zeigt, dass wir eine Lösung brauchen, denn es ist beschämend, dass die existenzielle Versorgung von alten, kranken und sterbenden Menschen nicht wirklich thematisiert werden kann. Dieser Zustand muss ein Ende haben," sagt Frederik Seebohm, der die Vermittlungsagenturen vertritt.

Die träumen von einem Modell wie in Österreich. Dort regelt das Hausbetreuungsgesetz die Situation. Danach arbeiten Betreuungskräfte als Selbstständige. Doch entlastet werden sie auch damit nicht. Mehr Freizeit würde das nicht bedeuten. Die Frauen vom DGB-Projekt "Faire Mobilität" fordern dagegen, dass viel mehr Geld ins Pflegesystem gesteckt wird, dass die häusliche Betreuung in Schichten organisiert wird, wie bei Menschen mit Behinderung. Ob und wann es zu solchen Veränderungen kommt, ist derzeit noch nicht abzusehen.

Izabela Marcinek aus Polen will ihren Job trotz all der Schwierigkeiten nicht aufgeben.

"Ah, nein, es ist etwas ... Dankbarkeit. Ja, die Dankbarkeit um die Notwendigkeit, dass ein Mensch dich braucht, dass deine Anwesenheit ihm Geborgenheit schafft. Das Menschliche, das vom Herzen ja, das ist wirklich sehr, dass bereichert mich und ist sehr wertvoll für mich. Das ist wirklich sehr schön, das ist die Schönheit des Lebens."

Die Frau, die Ruslana gepflegt hat, ist vor wenigen Wochen gestorben. Ruslana ist in Lublin geblieben und pflegt eine andere Seniorin. Bei ihr könnte sie mehr Freizeit haben. Doch jetzt kann sie wegen der Epidemie nicht rausgehen.

"Nur die Tochter bringt uns Einkäufe, Medikamente, und wir bleiben zu Hause. Diese Quarantäne ist sehr schwer für alle, besonders für uns Betreuerinnen. Wir warten auf bessere Zeiten."

Die Coronapandemie wird vergehen. Die Arbeitsbedingungen von häuslichen Betreuerinnen werden wahrscheinlich nicht so schnell besser werden.

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