Machtsymbole
Proteste gegen das iranische Regime im Jahr 2022 in Los Angeles: Für Frauen gilt im Iran eine Kopftuchpflicht © picture alliance / Associated Press / Damian Dovarganes
Was Frisuren über Politik erzählen

Frisuren sind Ausdruck individueller Persönlichkeit. Zugleich kann die Frisur aber auch einiges über politische Haltung und sozialen Status aussagen. Im Blick durch die Jahrhunderte wird aber auch klar: Haare sind Ausdruck von Macht.
Eine jugendliche Person mit bunten Haaren. In Köln, Berlin oder Frankfurt sicher nichts Besonders. In einer ländlichen Gegend fällt man damit schon eher auf. Und im Iran gelten gefärbte Haare als ein Akt des Protestes und der Selbstermächtigung, sagt Juliane Au, Kuratorin der Ausstellung “Haar Macht Lust” in München.
Wie politisch Haare sein können, hat der Fall von Jina Mahsa Amini im Iran gezeigt: Ihr Tod löste 2022 eine große Protestwelle im Iran aus. Die junge Frau war in einem Krankenhaus gestorben, nachdem sie von Sittenwächtern aufgegriffen und verhaftet worden war. Ihr “Vergehen”: Sie soll den Hidschab, das Kopftuch, das die Haare bedecken soll, nicht korrekt getragen haben.
Haare als Protestform
Als die junge Frau mutmaßlich durch Gewalteinwirkung kurz nach ihrer Verhaftung im Krankenhaus stirbt, schneiden sich als Zeichen der Solidarität Frauen im Iran und weltweit ihre Haare ab – und dokumentieren das in den sozialen Medien. Im Iran haben Frauen außerdem ihren Hijab abgelegt und ihre Haare offen gezeigt – aus Protest gegen die strengen Kleidungsvorschriften des islamischen Staates.
In der Bundesrepublik der späten 1960er-Jahre galten lange Haare unter Studierenden als Zeichen von Freiheit; in der bürgerlichen Mitte waren sie als ungepflegt verschrien. Auffällige Haare gegen das Establishment kamen ebenso bei den Hippies in den USA und bei den Punks in Großbritannien vor.
Haare als Zeichen von Macht
In der Geschichte Europas war Haarpracht aber auch Ausdruck eines Macht- und Herrschaftsbewusstseins. Allerdings gab es auch hier Moden und Wandlungen. Als zum Beispiel die Merowinger im 7. Jahrhundert als Herrschaftsgeschlecht in Mitteleuropa von den Karolingern abgelöst wurden, verspotteten die neuen Herrscher ihre Vorgänger wegen deren langer Haare.
Keine Haare zu tragen, konnten sich die europäischen Monarchen aber auch nicht leisten. Der französische König Ludwig XIV. litt wohl schon früh unter Haarausfall. Er schmückte sich einige Hundert Jahre nach den Merowingern mit hoch aufgetürmten Lockenperücken. Diese sollten in Verbindung mit hohen Schuhen für einen imposanten Gesamteindruck sorgen.
Lange Haare waren als Herrschaftssymbol wieder etabliert. Das galt für männliche und weibliche Monarchen gleich. Wer könnte sich denn die englische Königin Elisabeth I. ohne ihre charakteristische Lockenpracht vorstellen? Heute wirken diese Perücken eher albern, nur Richter und Anwälte im englischen Rechtssystem tragen sie noch als Zeichen von Amtswürden, zum Teil auch in den ehemaligen Kolonien.
Zwar wurden diese strengen Moden bis heute aufgeweicht, einen Bundeskanzler mit schulterlangen Haaren hat es bisher trotzdem nicht gegeben.
Die Formel mächtig gleich selbstbestimmt gilt in der Haarmode trotzdem nicht automatisch. Männliche Bundeskanzler mussten ihre Haare nie zur Diskussion stellen – sie unterscheiden sich aber auch fast nur in der Höhe ihres Haaransatzes.
Die Frisur von Politikerinnen als Politikum
Die Frisur von Angela Merkel war hingegen ein sehr beliebtes Thema für Spott und Spekulationen. Mal wurde ihr Topfschnitt belächelt, später dann über die Höhe ihrer Ausgaben für Friseure und Visagisten gemutmaßt. Ihr „Glow-Up“, das heißt ihre optische Aufwertung, war auch nach ihrer Wahl zur Regierungschefin noch wesentlicher Bestandteil von Berichterstattung und Debatten.
Michelle Obama trug ihre Haare während ihrer Zeit als First Lady geglättet. Die USA wären noch nicht bereit gewesen für eine Frau mit Afrohaaren im Weißen Haus, sagte sie. Vor ihrer Zeit auf der ganz großen politischen Bühne hatte sie unterschiedliche Frisuren, von ihren natürlichen Locken bis zu Braids. Und erst lange, nachdem ihr Ehemann Barack von Donald Trump abgelöst wurde, ist sie wieder zu ihren früheren Frisuren zurückgekehrt.
Haar-a-Lago
Auch im Jahr 2026 sind Frisuren keineswegs beliebig geworden. Heute drücken sie vor allem aus, wer zu einer Gruppe dazugehört und wer nicht. So zum Beispiel die Mar-a-Lago-Frisur: Mittelscheitel, leichte Wellen und nach vorne über die Schultern hängend, um zu zeigen, wie schön lang und gesund die Haare sind. Bekannte Beispiele: Trump-Pressesprecherin Karoline Leavitt, die First Lady Melania Trump und die geschasste Ex-Heimatschutzministerin Kristi Noem. Mar-a-Lago ist das Ferienanwesen von Donald Trump und die Frisur soll die Zugehörigkeit zum MAGA-Lager ausdrücken.
Unter den republikanischen Politikern findet sich wiederum niemand, dessen Haare auch nur annähernd bis zu den Ohren wachsen – bis auf den Präsidenten selbst möglicherweise, wobei seine Frisur in keine bisher bekannte Kategorie passt.
Diese Gleichförmigkeit im äußerlichen Erscheinungsbild drückt einerseits den Zusammenhalt und den Rückhalt für den Präsidenten aus. Andererseits ist es ein klares Bekenntnis zu konservativen Werten und vor allem eine Abgrenzung zu liberalen Frauen mit kurzen Haaren und auffälligen Farben.
Mehr als 100 Jahre nachdem der „Bubikopf“ in der Weimarer Republik für Aufsehen gesorgt hat, ist die Unterteilung in konservativ und progressiv anhand der Haarlänge kein Stück weitergekommen.
Online-Text: Alexander Böhle








