Seit 17:30 Uhr Tacheles
Samstag, 19.06.2021
 
Seit 17:30 Uhr Tacheles

Zeitfragen | Beitrag vom 11.06.2021

H.C. Artmann"Ich bin ein barocker Mensch, was soll ich tun?"

Von Sven Ahnert

H.C. Artmann schaut nachdenklich in die Kamera. (picture-alliance / akg-images / Bruni Meya)
Mit einem Hang zu mythischen Erzählungen und einer Lust am Klang der Wörter: der Lyriker H.C. Artmann. (picture-alliance / akg-images / Bruni Meya)

Er hat den Wiener Vorstadt-Dialekt zur Kunstform erhoben. Doch das ist nur eine Facette im Werk des Wiener Dichters und Übersetzers H.C. Artmann. Keines seiner Bücher gleicht dem anderen. Und seine Sprache schlägt immer neue Kapriolen.

H.C. Artmann liebte Maskeraden, Täuschungen und das Lustwandeln in absurden Welten, die für ihn wirklicher waren als das Leben.

Zu seiner Heimatstadt Wien, in der er am 12. Juni 1921 geboren wurde, hatte er keine ganz einfache Beziehung. Der Dichter, Übersetzer und vagabundierende Phantast hielt es nie lange aus in der Stadt an der schönen blauen Donau.

Also suchte Artmann sein Glück in Schweden und fror dort jämmerlich – innerlich wie äußerlich, hatte glückliche Zeiten in der Schweiz und in Frankreich, aber Wien konnte er nicht abschütteln.

Der Hase auf der Milchsuppe

In Wien schrieb er seine legendären Dialekt-Kunstgedichte unter dem Titel "Med Ana Schwoazzn Dintn", die ihn fälschlicherweise als Mundart-Dichter gelten ließen. Artmanns Wien hatte weniger mit Mehlspeisen, Walzer- und Kaiserseligkeit zu tun, als mit der lärmenden, mitunter lausigen Lebenswirklichkeit im Arbeiterbezirk Wien Breitensee.

Das alte Breitensee, so wie es Artmann kannte, mit seiner fast dörflichen Beschaulichkeit, gibt es so nicht mehr. An Artmanns Geburtshaus in Breitensee - mit einer braunen Eingangstür, die etwas in die Jahre gekommen ist - ist eine Gedenktafel mit einem Haiku von Artmann angebracht:

"Der Mond isst Äpfel / wenn ich nicht zusehe / aus unseren Bäumen."

"Meine Kinderstube war zwar bescheiden," schreibt Artmann: "Ich bin bei Erdäpfelsupp zu Zwetschgen Knödel aufgewachsen. Allein ich habe immer danach getrachtet, ein Mensch zu bleiben, der nirgends aneckt. Schon im zartesten Knabenalter vermied ich es, Glashäuser zu zerstören oder Polizeihunde zu vergiften. Und trotzdem rief mir ein böhmischer Zither-Lehrer nach Verbrechernatur, Apache, Gott hab ihn selig! Wollte ich allen das nachtragen, was ich ihnen nachzutragen hätte: Sindbad der Lastträger. Naja, und so weiter. Sie wissen schon, wo der Hase auf der Milchsuppe schwimmt. Das mit der Goldenen Jugend ist ein blecherner Trick der Erwachsenen."

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter

Der Wiener Germanist Marc Oliver Schuster, der an einer umfangreichen Artmann-Biographie schreibt, die auch die Wiener Zeit des Poeten ausführlich behandelt, erzählt:

"Er hat schon als frühes Kind offenbar unangenehme Erfahrungen gemacht. Er hat die Schule wirklich nicht gemocht. Er hat gesagt, er hat dort nichts gelernt. Es war ein reiner Zwang. Nach dem Krieg ist er wieder nach Wien zurückgekommen, ist bekannt geworden - aber er hatte wenig Publikationsmöglichkeiten. Das hat ihn auch sehr geärgert. Und Wien wurde damals wieder sehr kultur-konservativ. Das hat ihn sehr gestört. Ihn und die anderen Mitglieder der Wiener Gruppe."

Ein avantgardistisches Experiment

Die Sprache war sein liebstes Spielmaterial, aus dem er sich seine Phantasiewelten modellierte. Die waren kurios, burlesk, verspielt und bisweilen wahrhaftiger als die Realität. Komischer waren sie in jedem Fall.

1952 erregte H.C. Artmann gemeinsam mit Friedrich Achleitner, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener mit Lesungen, Performances und Happenings Aufsehen. Diese "Wiener Gruppe" versuchte, auf der Basis von Surrealismus und Dadaismus, ein Gegengewicht zur konservativen Hauptströmung der österreichischen Literatur zu schaffen.

Die aus diesem Geist entstandene Gedichtsammlung  "Med Ana Schwoazzn Dintn" machte Artmann über Nacht berühmt.

"Es ist authentisch, die Dialekt-Teile", sagt Marc Oliver Schuster: "Aber Artmann hat es verfremdet. Es gibt sogar hochdeutsche Wörter. Das hat er natürlich bewusst gemacht. Er hat selber von Verfremdung gesprochen. Man denkt an Brecht. Aber er wollte nichts fürs Herz schreiben, sondern er sah das als avantgardistisches Experiment."

Seine Frau Rosa lernte H.C. Artmann in Salzburg kennen und später in Berlin-Charlottenburg lieben – dort, wo Artmann Mitte der 1960er-Jahre lebte und äußerst produktiv war. In Berlin entstand auch sein Grusel-Jux "Dracula, Dracula", bei dem Artmann in einer Bühnenfassung mitspielte.

Mit Rosa zog Artmann 1972 nach Salzburg in ein altes Bauernhaus. Ab 1995 lebten sie bis zu Artmanns Tod im Jahr 2000 in Wien.

Dort, in der lichtdurchfluteten, großzügigen Altbauwohnung der Artmanns, gleich an der Josefstädter Straße gelegen, ist Rosa Artmann geblieben und betreut heute den Nachlass ihres Ehemannes. Sie erzählt von Artmanns besonderem Talent, dem Wiener Dialekt eine ganz eigene Sprachform zu geben: "Was da für ein Metaphern-Reichtum entsteht von seelischen Zuständen, die so grandios sind, dass es einem die Luft verschlägt."

Rabenschwarze Sprachspiele

Auch wenn er Dialekt redet, ist er immer der "Artmann". Der nimmt den Dialekt gewissermaßen an die Hand und führt ihn in surreal anmutende Welten, lässt ihn auch mit tief schwarzem Humor flirten.

Dabei kommen oft rabenschwarze Sprachspiele heraus, höchst makabre Geschichten – über einen Blaubart aus der Vorstadt beispielsweise, der nicht mehr schlafen kann, weil er sich vor seinen toten Frauen fürchtet. Oder wenn sich der gemütliche Wiener Alltag ins Unheimliche verkehrt. In der Verkleidung des lautmalerischen Dialekts schleicht sich das Grauen ganz langsam heran. So wie beim Gedicht "Ich bin ein Ringelspielbesitzer":

"i bin a ringlgschbüübsizza
und hob scho sim weiwa daschlong
und eanare gebeina
untan schlofzimabon fagrom"

Da kann der Karussellbetreiber und Frauenmörder nicht schlafen, weil unter seinem Schlafzimmer die Gebeine der Ermordeten lagern.

Das Nebeneinander von scheinbar vertrauten Dinge mit dem Schauerlichen und Absonderlichen, ist das Besondere von H.C. Artmanns Dialekt-Gedichten. Sie waren nichts für hochdeutsche Ohren, aber den Einheimischen erschienen sie auch suspekt, denn die vertraute Mundart klang wie eine Fremdsprache: Sprachgebilde, abgehört in den Wirtshäusern von Wien-Breitensee, aber auf "artmannsche" Weise verfremdet.

Die Musik des Dialekts

Sein guter Freund, Lektor und Verleger Jochen Jung präzisiert das Dialekt-Phänomen Artmann:

"Er hatte die Musik des Dialekts im Ohr und sprach ja selber auch gelegentlich so. Also nicht immer. Er sprach normalerweise wirklich ein eindeutiges, klares Hochdeutsch, aber er konnte sich genauso gut auf Dialekt äußern. Hatte das ganze Wienerische natürlich nach wie vor drauf. Das hat er dann auch in diesen Gedichten spüren lassen, aber das schränkte natürlich von vornherein das Publikum ein."

Bei H.C. Artmann war es schwer, zwischen Dichtung und Leben zu unterscheiden: Die fein gesponnene Melancholie seiner rabenschwarzen Tinten-Gedichte war Ausdruck seines zwischen Traurigkeit und Lebensfreude zerrissenen Naturells, das Nähe suchte und sich sogleich nach Einsamkeit sehnte. Artmann brauchte die Bühne, missbrauchte sie aber nicht als Schauplatz dichterischer Eitelkeit.

Der hochgewachsene Mann war stets gut und nicht selten exzentrisch gekleidet. Manchmal verblüffte er im weißen Schafspelz, gelegentlich mit Monokel im Auge. Jochen Jung saß oft und gerne mit Artmann in großer Runde beisammen. Dabei wurde maßlos geraucht und Rotwein getrunken.

Artmann war ein leidenschaftlicher Leser von Heftromanen, die ihn Zeit seines Lebens inspirierten und seine Fantasie befeuerten. Er las die verwegenen Abenteuer eines Tom Shark, Lord Lister durfte nicht fehlen, und nicht selten schlüpfte Artmann selbst in die Rolle eines Weltdetektivs und geisterte in tausend Masken durch seine poetischen Traumwelten.

Als Übersetzer war Artmann zudem ein Freund des Horror-Genres. Er übertrug unter dem Pseudonym Stasi Kull Bram Stokers Dracula sowie die Horrorgeschichten von H. P. Lovecraft ins Deutsche.

Aus dem blödesten Stein noch Funken schlagen

Mit seiner Band "Element of Crime" und autobiografischen Romanen wie "Neue Vahr Süd" und "Herr Lehmann" hat Sven Regener Kultstatus erlangt. Unumwunden gesteht der gebürtige Bremer seine Liebe für Wien und Artmann:"H.C. Artmann ist mit Abstand der Allergrößte."

Regener erzählt: "Es ist eine tiefe Liebe zur Literatur von H.C. Artmann, aber zu allen Arten von Literatur. Dass er immer noch viel mehr fraß als Leute wie ich. Dass Artmann mit allem irgendwie etwas anfangen konnte, aus dem blödesten Stein noch irgendwelche Funken schlagen konnte. Das ist das Tolle an ihm. Ich habe zum Beispiel mal von H.C. Artmann ein Zitat in einen Song gebracht und das war bei einem Lied, das hieß 'Wenn der Wolf schläft, müssen alle Schafe ruhen'. Da heißt es irgendwo: 'Nach 100 Folgen sind alle Abenteuer fad'."

In dem Roman "Die Jagd nach Dr. U.", auch ein Favorit von Sven Regener, stellt Artmann all seine Phantasie- und Heftchenhelden noch einmal vor und lässt dabei eine beeindruckende Kollektion aberwitziger Gestalten vorüberziehen. Er schimpft, beleidigt und lässt seine Figuren in komischen Situationen Kapriolen schlagen.

Sven Regener sagt dazu: "Bücher wie 'Die Jagd nach Dr. U.' haben ja etwas Bildhaftes und auch was sehr Zerrissenes in sich. Er ist ein sehr moderner Autor, der überhaupt nicht die Diktatur des Plots akzeptieren würde, sondern auch gerne einfach mal raustritt und ganz woanders hingeht. Was ich meine: diese Inspiration, diese Ermunterung zur Freiheit in der Kunst."

Vorreiter der Popliteratur

H.C. Artmann fand sein Publikum hauptsächlich in Deutschland, das vielleicht nicht seine Dialekt-Gedichte so sehr schätzte, aber dafür den Erfinder absurder und surrealer Texte und Szenen. Viel Geld hat er mit seinen Gedichten und Prosabänden nicht verdient, das Geld zum Leben kam von seinen Übersetzungen französischer Theaterautoren und eigener Stücke sowie von Literaturpreisen wie dem Georg Büchner-Preis. Artmanns Faible für Comic, Film und Groschenhefte, sein Hang zu mythischen Erzählungen und seine Lust am Klang der Wörter, machen ihn zu einem Vorreiter der deutschsprachigen Popliteratur.

Sein Verleger Jochen Jung sagt: "H.C. ist natürlich ein Wiener, ein österreichischer Autor gewesen, nicht nur in seinen Dialekt-Texten, sondern auch sonst. Und er ist ein bisschen vergessen worden, aber seinen Rang hat er behalten. Wenn man hier Leute nach bedeutenden Autoren des 20. Jahrhunderts aus der österreichischen Literatur fragt, wird sein Name immer dabei sein."

Wien und Artmann, das gehört schon zusammen, und eben auch nicht. Als Wiener Dichter kann der literarische Weltenbummler nicht gelten, denn die Wiener Seite war ihm nie geheuer, diese großbürgerliche Gemütlichkeit und Harmlosigkeit, die dem literarischen Experiment mit Skepsis begegnet ist. Sein Meisterstück sind seine mit schwarzer Tinte geschrieben Gedichte aus Breitensee, die gar nicht so sehr mit Wien abrechnen wollen, aber die Tür aufstoßen zu Artmanns Fantasiewelten, die grenzenlos waren und weit über die Wiener Welt hinausreichen.

(DW)

Literaturangaben: "Nachrichten aus Nord und Süd" und "Artmann, H.C., Dichter". Aus: "Gesammelte Prosa", Residenz Verlag, Salzburg 2016.

Sprecher*in: Rosario Bona, Martin Engler und Robert Frank
Regie: Stefanie Lazai
Ton: Hermann Leppich
Redaktion: Dorothea Westphal 

Mehr zum Thema

Ernst Jandl Gesamtausgabe - Meister der experimentellen Lyrik
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 09.09.2016)

Die Lyrikerin Friederike Mayröcker - "Die Idee des Verirrens ist mir ja etwas Schreckliches"
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 04.06.2021)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Zeitfragen

Stimme und IdentitätUnser akustischer Fingerabdruck
Ein Kind schreit in ein Mikrofon hinein. (Unsplash / Jason Rosewell)

Die Stimme wird als Ausdruck der Persönlichkeit wahrgenommen. Von ihr schließen wir auf Alter, Geschlecht und sogar Attraktivität einer Person. Entsprechend bemühen sich viele, die eigene Stimme zu formen, damit sie so klingt, wie wir uns selbst sehen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur