Gutmenschentum als Weg in die Katastrophe

Die 68er sind schuld am weit verbreiteten Gutmenschentum, meint Richard Wagner. © AP Archiv
Moderation: Holger Hettinger · 04.09.2007
Die 68er haben den nachfolgenden Generationen eine Ideologie des Gutmenschentums aufgebürdet, die bis ins Private hineinreicht, glaubt der Schriftsteller Richard Wagner. Als Illustration seiner These dient ihm sein neuer Roman "Das reiche Mädchen", in dem eine Ethnologin aus reichem Hause eine Beziehung zu einem serbischen Flüchtling eingeht, um sich von der Nazi-Vergangenheit ihrer Familie "reinzuwaschen".
Hettinger "Das reiche Mädchen" ist der Titel des neuen Romans von Richard Wagner. In diesem Buch beschreibt Wagner die verhängnisvolle Beziehung zwischen einer erfolgreichen Wissenschaftlerin, Spross einer wohlhabenden Familie, die ihr Vermögen im Dritten Reich durch die Beschäftigung von Zwangsarbeitern gemehrt hat, und einem serbischen Flüchtling. Über den generationstypischen Versuch, die Schuld einer Familie durch Gutmenschentum zu tilgen - darüber sprechen wir nun mit Richard Wagner hier im Studio von Deutschlandradio Kultur. Zuvor hören wir einen Ausschnitt aus dem Buch: Bille, die Wissenschaftlerin, nimmt ihren Lebensgefährten Dejan mit zu einem Kongress.

(folgt Lesung aus dem Buch)

Hettinger Ein Ausschnitt aus dem Buch "Das reiche Mädchen" von Richard Wagner: Das reiche Mädchen ist Bille, Tochter aus wohlhabendem Haus, sie ist Ethnologin und sie verliebt sich in den Flüchtling Dejan, der in den Wirren des Balkankriegs seine Heimat verlassen hat und nach Deutschland gekommen ist. Die Liebe endet tödlich, am Ende ermordet Dejan seine Geliebte. Jetzt im Studio ist der Autor dieses Buches, Richard Wagner, schönen guten Morgen, schön, dass Sie hier sind.

Richard Wagner: Guten Morgen.

Hettinger Herr Wagner, Ihr Roman hat einen realen Hintergrund, vor zehn Jahren wurde die Wissenschaftlerin Katrin Reemtsma von ihrem Freund und "Studienobjekt" in Anführungszeichen erschossen. Was war es, was an diesem Ereignis so gereizt hat, dass Sie das Thema dann schließlich literarisch umgesetzt haben?

Wagner: In dieser Zeit, in den 90er Jahren, da bin ich eben konfrontiert worden mehrfach mit dem Phänomen ungleicher Beziehungen, und das hatte immer auch einen kulturellen und einen politischen Hintergrund und hatte sehr viel mit Political Correctness damals zu tun. Mit den Deutschen, die Gutes tun wollten in den jüngeren Generationen und die die kulturelle Differenz und die Probleme, die daraus hervorgehen, nicht wahrhaben wollten. Das ist ein Phänomen, was damals nicht so deutlich war in seiner Tragweite, aber jetzt nach zehn Jahren umso deutlicher geworden ist, durch diese ganzen Konfliktsituationen kultureller Natur, die wir mit islamischen Einwanderungsgruppen haben.

Ich habe kein islamisches Beispiel gewählt, um nicht diese spezielle Konnotation zu haben, sondern den allgemeinen Hintergrund mit einem Balkanbeispiel. Und da mir dieser Fall bekannt war, da ich die Frau kannte, hat mich das auch persönlich sehr lange beschäftigt. Und ich wollte jetzt eine Geschichte schreiben - es handelt sich ja nicht um eine Biografie, sondern um einen Roman - eine Geschichte schreiben, die diese kulturelle Differenz ausleuchtet von unserer Gegenwart heraus und aus der wir vielleicht was lernen können.

Hettinger Das ist eine interessante Konstellation: Die Wissenschaftlerin ist sich der Schuld ihrer Familie bewusst, die Familie hat von den Nazis profitiert und ja, jetzt fühlt sie sich verpflichtet vor lauter Schuldgefühlen. Was ist das? Ist das ein Reinwaschen?

Wagner: Ja, das ist eine sehr ambivalente Sache. Zu erst einmal kommt es ja aus einer Ideologie, nämlich dieses Gutsein-Wollen, das ist ja in den letzten Jahrzehnten zu einer wahren Ideologie gewachsen. All diese Phänomene, die von den 68ern eingeleitet worden sind und die bis heute nachwirken, sind Denkmuster geworden für die nachfolgenden Generationen und sie sind Gefangene dieser Denkmuster - dadurch wird die Welt einfach: Wenn man an das Gute glaubt, dann ist man auch sofort im Recht. Also man muss nicht mehr an sich selber zweifeln. Und da kommt dann so eine Rigidität zustande im Denken, dass nämlich um jeden Preis auch beweisen zu wollen. Und bei ihr beginnt ja - bei Bille Sundermann - die Tragik damit, dass sie das mit dem Privaten so weit vermischt, dass sie meint, durch ihre private Liebe sogar einen Beweis für die Richtigkeit der Ideologie des Guten geben zu können.

Hettinger Was glauben Sie, warum ist diese Generation so versessen darauf, die Welt mit aller Gewalt zwangszubeglücken?

Wagner: Das Die-Welt-beglücken-Wollen ist ja nicht so ganz neu und ist in der deutschen Geschichte öfter mal zum Zuge gekommen in verschiedenster Art und Weise. Ich glaube, das hat bei uns, für unsere Gegenwart sehr viel mit dem Dritten Reich zu tun und mit der Fixierung vor allem auf das Dritte Reich, dass wir die gesamte deutsche Geschichte auf das Dritte Reich projizieren. Da ist ein Krater, aus dem heraus alles andere gesehen wird und reduziert wird, die gesamte deutsche Kultur, auch das Positive wird in diesen Krater hinein verfrachtet.

Und aus dieser Sicht heraus kann ja nichts mehr anderes passieren als ein Moralisieren, nämlich um jeden Preis herauszuwollen, was ja schon in der Nachkriegszeit durch diesen Begriff der Wiedergutmachung anklingt. Das Problem ist aber, man kann einen Massenmord nicht wiedergutmachen. Da ist nichts wieder gut zu machen. Wir müssen von dem ausgehen, was ist, und damit leben. Das wollen die jüngeren Leute nicht wahrhaben, das können sie nicht wahrhaben aus ihrer Denkweise heraus. Zumal sich das dann zusammen verbindet mit einer gesamteuropäischen Sicht. Dieses Schuldbewusstsein und die Selbstbezichtigung ist ja auch gesamteuropäisch. Was man uns mit dem Dritten Reich vorwirft, wirft man Frankreich mit dem Kolonialismus vor.

Hettinger Sie lassen einen Ihrer Protagonisten, lassen Dejan, den Flüchtling sagen, hier wird die Welt zerredet, bis sie uns um die Ohren fliegt und der Wald gerettet, bis er keine Bäume mehr hat. Warum schießen die so übers Ziel hinaus?

Wagner: Ja, das kommt eben aus dieser Überzeugung, aus dieser Überzeugung heraus, wenn jemand ideologisch denkt, dann muss er ja glauben. Der Unterschied zum Beispiel im Glauben an eine Ideologie und im Glauben an eine Religion, also der Unterschied zwischen dem Glauben an Gott und dem Glauben an das Gute, ist der, dass Gott immerhin, der christliche vor allem, eine Gewissensforschung nötig macht, während der Glaube an das Gute einen ins Recht setzt. Damit sind wir die Guten und wir machen das Richtige. Zum Beispiel heißt ja auch eine Intervention, eine militärische, heute humanitäre Intervention. Und das zeigt ja schon die extreme Moralisierung des Ganzen. Und wenn man, anstatt nachzudenken, Moral betreibt, dann kommt man in eine solche Situation.

Hettinger Nun ist die Konstellation in Ihrem Buch ja nicht die zwischen Gut und dem, der es richtig macht, und dem Bösen, sondern eher zwischen Gut und letztlich hilflos und missbraucht. Wissenschaftlicher Ehrgeiz und der Wunsch, es besser und richtig zu machen, treffen im reichen Mädchen auf einen ganz speziellen männlichen Stolz. Warum wird das so explosiv? Warum führt das zu dieser Katastrophe?

Wagner: Dejan, der Flüchtling, den man ja auf den ersten Blick bedauern könnte, weil er so als der edle Wilde ja auch vorgeführt wird von seiner Geliebten und Frau, aber auf der anderen Seite ist er ja wenig zu bemitleiden, weil er ja ein Macho ist der traditionellen Art. Das ist so ein Balkanmann, der aus dieser traditionellen Gesellschaft kommt, wo der Mann so der Chef ist, das Sagen hat, sein ganzer Habitus ist so, seine Kumpels fordern das ja auch von ihm, er ist quasi unter Druck auch, das zu leisten habituell.

Und auf der anderen Seite hat er in unserer Gesellschaft ja nichts zu melden. Er leistet nichts im Sinne der Werte unserer Gesellschaft. Seine Rolle ist in unserer Gesellschaft gar keine. Und er ist mit einer Frau konfrontiert, die von ihrem Selbstverständnis her und ihrem Selbstbewusstsein her so stark ist, dass er da nicht rankommt. Und das wird dadurch sehr schnell zu einem Machtkampf. Beziehungen werden ja sehr oft zu Machtkämpfen, und die Frage ist dann, wer ist der Sieger?

Hettinger Herr Wagner, Sie haben es eben angedeutet, dass sich dieses Gutmenschentum, dieses generationentypische Gutmenschentum, auch gespeist hat aus der Philosophie der 68er. Wie unterscheidet sich die Generation, die Sie hier in der Figur der Bille porträtieren, von den 68ern, gerade im Hinblick auf den Unterschied zwischen dem Umgang mit Schuld und Verstrickung?

Wagner: Da geht es um die Generation der um 1960 und danach Geborenen, also die wirklich nächste, nicht mehr Halbgeneration, sondern die erste richtige nachfolgende Generation, die aber selber wenig politisch auftritt. Also sie hat nicht selber ein politisches Programm. Das Programm, das sie hat, ist unterschwellig aber das, was vermittelt worden ist von '68. Da ist nichts dagegenzustellen, weil die ja das Positive im Gutmenschen-Sinn besetzt haben.

Was sie machen können, ist, das ins Private umzusetzen. Es ist eine sehr private Generation, die aber dadurch tragisch wird, dass sie dieses Ideologische nicht abstoßen kann, indem sie es reflektiert, sondern indem sie es sozusagen verinnerlicht. Und dann über die Sensibilität kommt sie eben in die Situation dieser Hilflosigkeit, in der sie ist, frustriert, weil sie etwas nicht Neues schaffen kann und auf der anderen Seite immer noch in der Situation, das leisten zu müssen, was die Vorkämpfer von '68 als Messlatte angesetzt haben.

Hettinger Und gerade dadurch, dass man diese Mission so privat sieht, wird sie so explosiv?

Wagner: Ja, das ist eindeutig, die Überidentifikation mit der Mission, also die lässt ja, das ist ja schaurig, diese Geschichte, wie Bille Sundermann gar nichts anderes zulassen kann und wie sie es gar nicht merkt, dass sie ihre Gefühle ideologisiert und dass sie sie zusammen mit diesem Mann praktisch in den Abgrund stürzt.

Hettinger Inwieweit ist das bei uns gesellschaftliche Normalität geworden?

Wagner: Das ist ein sehr verbreitetes Phänomen, man sieht es in all den Diskussionen, die wir haben. Jetzt zum Beispiel mit den sogenannten Ehrenmorden in den islamischen Einwanderergemeinschaften und dem Verständnis, was dauernd angemahnt wird, also der Gutmensch will ja immer verstehen, auch dort, wo nichts zu verstehen ist. Wir müssen aber lernen, dass es Phänomene der Inkompatibilität gibt, dass hier einfach auf der einen Seite die Aufklärung und das Grundgesetz sind und auf der anderen Seite eine traditionalistische Gesellschaft, die auf Ungleichheit und auf Brutalität auch beruht.

Und das sehr Schlimme ist daran, dass man das in unserer Gesellschaft nicht begreift. Die ganzen Diskussionen, die wir führen, zeigen das, seit dem 11. September 2001, dass wir sehr viel da einfach nicht verstehen, aus dem Grunde nicht begreifen wollen und können, aus dem Grunde, weil das ideologische Muster sich dafür nicht eignet, mit dem wir zugange sind. Wir müssen an diese Ideologie ran und sie abbauen.

Hettinger Vielen Dank, Richard Wagner. Der Schriftsteller beschreibt in seinem neuen Roman "Das reiche Mädchen" die verhängnisvolle Beziehung zwischen einer erfolgreichen Wissenschaftlerin und einem serbischen Flüchtling.