Seit 15:05 Uhr Interpretationen
Sonntag, 09.05.2021
 
Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.05.2005

Gute Absicht reicht nicht aus

Zwei neue Comics versuchen sich an der Darstellung des Holocaust

Rezensent: Carsten Hueck

1943: SS-Truppen deportieren Bewohner des Warschauer Ghettos (AP-Archiv)
1943: SS-Truppen deportieren Bewohner des Warschauer Ghettos (AP-Archiv)

Der Comic als narratives, künstlerisches Medium ist mittlerweile ebenso verbreitet wie der Film oder das Buch. So bleibt es nicht aus, dass sich auch der Comic dem Thema Holocaust zuwendet.

Vor fünfzehn Jahren schrieb der Amerikaner Art Spiegelman Comic-Geschichte. Mit "Maus" berichtete er über Verfolgung und Leid seines von den Nazis verfolgten Vaters. Juden stellte er in seinen klein gezeichneten Bildern als Mäuse dar, Polen als Schweine, Nazis als Katzen. Dieser Umgang mit dem Holocaust, zugleich Annäherung und Problematisierung seiner Darstellbarkeit, löste einen Skandal aus. Spiegelman erhielt für seine Erzählung in Schwarzweiß 1992 den Pulitzer Preis. Seitdem ist für Nachgeborene die Auseinandersetzung mit Nazi-Terror und Todeslagern in diesem Genre kein Tabu mehr.

Thematisch in der Tradition Spiegelmans stehen zwei Neuerscheinungen: Joe Kuberts Geschichte des Aufstands im Warschauer Ghetto "Yossel - 19. April 1943" und Pascal Crocis Erzählung "Auschwitz". Beide Autoren haben sich auf Berichte von Zeitzeugen gestützt und historische Fakten recherchiert. Beide versuchen - ebenfalls in schwarz-weißen Zeichnungen - einen Eindruck des Grauens von Auschwitz zu geben.

Der Amerikaner Kubert arbeitet mit Bleistift. Skizzenhaft löst er die strenge sequentielle Ordnung der Bilder auf und gibt nur den Texten einen fest umrissenen Rahmen. Seine Figuren wirken realistisch. Sein Strich gleicht dem eines Gerichtszeichners. Die Räume der Handlung, hauptsächlich das Vernichtungslager Auschwitz und das Warschauer Ghetto, zitieren historische Fotografien. Die Ausschnitte sind eng gewählt, der Zeichner ist dicht an seinen Figuren und deren subjektiver Wahrnehmung.

Stärker im herkömmlichen Comicformat - mit schmalen Bildstreifen und Sprechblasen - arbeitet der 1961 geborene Franzose Pascal Croci. Er schafft tiefe Räume. Sein Realismus ist gebrochen, stark graphisch. Zwar spiegeln auch Crocis Bilder historische Details, doch sind sie ästhetisch stilisiert - genau komponiert, perspektivisch durchdacht und symbolhaft.

Crocis Geschichte setzt 1993 im ehemaligen Jugoslawien ein: Kazik und Cessia, ein altes Ehepaar, sehen ihrer Exekution entgegen. Beide gelten als Landesverräter. Bevor das Erschießungskommando sie abholt, erinnern sie sich ihrer Vergangenheit: der Deportation während des Zweiten Weltkriegs, des Überlebens in Auschwitz. Kazik leerte mit anderen Häftlingen die Gaskammern. Eines Tages findet er unter den Leichenbergen seine noch atmende Tochter. Er fleht um ihr Leben. Erst jetzt, gut fünfzig Jahre später, erfährt Kazik von seiner Frau, was damals mit der Tochter geschah.

Bewusst schlägt Pascal Croci einen Bogen von Auschwitz zum Bürgerkrieg in Jugoslawien. Für den Autor der Versuch, Auschwitz eben nicht als Ereignis der Vergangenheit wahrzunehmen, sondern in der Erinnerung präsent zu halten.

Auch in Joe Kuberts Comic berichtet eine Figur über Auschwitz. Ein ins Warschauer Ghetto geflohener Rabbi schildert dort seinem ehemaligen Schüler Yossel den Horror des Lagers. Yossel, fünfzehn und begeisterter Comiczeichner, ist Ich-Erzähler des Geschehens, der zeichnende Chronist.

Autor Joe Kubert, Kind ausgewanderter polnisch-jüdischer Eltern, wuchs in Brooklyn auf. In Yossel stellt er sich das eigene Schicksal vor - was wäre geschehen, wenn seine Eltern nicht rechtzeitig nach Amerika gelangt wären? Kuberts Textpassagen sind episch und pathetisch, zudem holprig übersetzt. Bei Croci bestehen sie aus Dialogen und Fragmenten, Sprachfetzen und Anspielungen.

So bemüht Kubert und Croci mit ihrem Thema auch umgehen, es bleibt ein grundsätzliches Unbehagen. Dokumentation und Fiktion vermischen sich in beiden Comics. Wo natürlicherweise Distanz vorhanden ist, versuchen die Autoren, insbesondere Kubert, Nähe herzustellen. Bild und Text suggerieren dem Leser, dabei zu sein. Und reduzieren den Holocaust so tatsächlich auf das Format kleiner Bildchen.

Joe Kubert: "Yossel 19. April 1943"
Ehapa Comic Collection
128 Seiten, 22€

Pascal Croci: "Auschwitz"
Ehapa Comic Collection
88 Seiten, 16€

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsKönnen die Deutschen nicht gönnen?
Menschen in Maske reihen sich zur Impfung ein (imago / fStop Images / Malte Müller)

Die Pandemie zeigt uns, wie wir wirklich sind. 40 Prozent der Bevölkerung geben offen zu, neidisch auf ihre geimpften Mitbürger zu sein. Dabei wäre es an der Zeit, sich über den Fortschritt beim Impfen zu freuen – nachzulesen im "Tagesspiegel".Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 34Auf der Bühne mit Behinderung: Theater und Inklusion
Lucy Wilke & Paweł Duduś in dem Stück „Scores that shaped our friendship”. (Theresa Scheitzenhammer)

Die Nominierung der Schauspielerin Lucy Wilke zum diesjährigen Theatertreffen macht die Fragen nach der Vereinbarkeit von Theaterarbeit und Behinderung wieder aktuell: Was fehlt zur ganzheitlichen Barrierefreiheit? Mit Lucy Wilke suchen wir nach konkreten Handlungsansätzen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur