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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.01.2018

"Guerrilla Girls"-Ausstellung in HannoverDie Kunst, sich schlecht zu benehmen

Von Anette Schneider

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Ein Guerrilla Girl bei einer Protest-Aktion im Museum Ludwig in Köln (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Ein Guerrilla Girl bei einer Protest-Aktion im Museum Ludwig in Köln (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Seit mehr als 30 Jahren üben die "Guerrilla Girls" radikale Kritik am männlich dominierten Kunst- und Kulturbetrieb. Unter Gorillamasken versteckt, sezieren sie die vorherrschende Kulturpraxis als systematische Diskriminierung.

Fünf Gestalten mit gewaltigen Gorillaköpfen rennen eine Straße entlang, bleiben stehen, kleistern eine Hauswand und bekleben sie eilig mit einigen Flugblättern. Darauf steht: "Wie viele Frauen hatten letztes Jahr Einzelausstellungen in New Yorker Museen?" Oder: "3 weiße Frauen, 1 farbige Frau und keine schwarzen Männer - unter 71 Künstlern?"

In schnellen Schnitten zeigt die jüngste Videoarbeit der Guerrilla Girls, die jetzt in Hannover zu sehen ist, die Geschichte der Aktivistinnen-Gruppe, die seit über 30 Jahren mit nächtlichen Plakataktionen, mit Performances, Filmen und Vorträgen böse, ätzend, sarkastisch und humorvoll feministische Institutionskritik übt. Auch mit Aufklebern an Galerie-Fenstern:

"Lieber Kunstsammler. Es ist uns aufgefallen, dass Ihre Sammlung, wie die meisten, nicht genug Kunst von Frauen beinhaltet. Wir wissen, dass Sie sich deswegen schlecht fühlen und die Situation umgehend beheben werden. Beste Grüße, Guerilla Girls."

Mit der Gorillamaske gegen Diskriminierung

Zwei große Räume umfasst die Ausstellung. In einem präsentiert die Kuratorin Elmas Senol rund 30 Plakate und Flugblätter aus den vergangenen 30 Jahren. Gegenüber laufen vier Videofilme der Gruppe, die Mitte der 80er endgültig die Nase voll hatte von der Arroganz und Diskriminierung durch den männlichen, weißen Kunstbetrieb.

Auslöser war eine Ausstellung des Museums of Modern Art. Dessen Kurator maßte sich 1984 an, die "Internationalen Positionen aktueller Malerei und Skulptur" zu zeigen - obwohl von 165 Künstlern nur 13 Frauen waren, und es nicht einen schwarzen Künstler gab, wie sich ein Guerrilla Girl in dem neuesten Film erinnert. Daraus ein Ausschnitt:

"Damals war die herrschende Vorstellung: Wenn es keine Künstlerinnen oder keine schwarzen Künstler gibt, die in den gängigen Kunstbüchern auftauchen, dann heißt das, dass ihre Arbeit einfach nicht gut genug ist. Natürlich ist das nicht wahr. Wir wissen, dass Geschichte viel umfassender ist. Und dass man nicht die Geschichte unserer Kultur erzählen kann, ohne die Stimme aller in dieser Kultur! Ansonsten ist es nicht Geschichte - sondern die Geschichte der Mächtigen!"

Kaum Frauen in der Kunstwelt

Seitdem betreiben die Guerrilla Girls in immer neuer Zusammensetzung phantasievollste politische Aufklärung. Ihr Markenzeichen: riesige knallgelbe Plakate. Wie ihr längst legendär gewordenes erstes, das mit 7 Metern Länge die Besucher empfängt: Ein Rückenakt des Malers Ingres, gekrönt von einem Gorillakopf. Dazu der Text:

"Müssen Frauen nackt sein, um in das Met. Museum zu kommen?"  Darunter: "Weniger als 5% der Künstler in Abteilungen für moderne Kunst sind Frauen, aber 85% der Akte sind weiblich."

"Die Guerrilla-Girls haben vor allem gezählt", sagt die Kuratorin Elmas Senol. "Die sind dann in die Museen und die Galerien gegangen und haben gezählt, wie viele Frauen sind vertreten in den Sammlungen? Wie viele Galerien repräsentieren Künstlerinnen? Sie haben aber auch geschaut: ‚Wie häufig berichtet die Kunstpresse ... über Künstlerinnen?‘ Denn all das hat natürlich damit zu tun, wie wir - also Kuratoren, Galeristen, Kunstkritiker - Kunstgeschichte schreiben. Wer da nicht präsent ist, den wird man nicht mehr kennen."

Die Guerrilla Girls leisteten Pionierarbeit

Die Flugblätter, Plakate und Filme zeigen: Die Guerrilla Girls leisteten Pionierarbeit. Sie veränderten den Blick auf den Ausstellungs- und Kulturbetrieb grundlegend, weil sie erstmals deren systematische Diskriminierungen öffentlich machten, die sie lange vor der "Me-too-Bewegung" als Folgen des bestehenden hierarchischen Gesellschaftssystems entlarvten. Bei all dem agierten - und agieren sie anonym - stets verborgen unter ihren Gorilla-Masken.

"Um sich zum einen zu schützen. Weil, sie waren selber Künstlerinnen und haben den Kunstbetrieb ja sehr direkt angegriffen. Und zum anderen aber auch, um die Aufmerksamkeit auf die politische und solidarische Dimension zu lenken", sagt Elmas Senol.

Natürlich hat sich in über 30 Jahren eine Menge getan. Vor knapp eineinhalb Jahren beschäftigten sich die Aktivistinnen zum Beispiel mit dem Museum Ludwig in Köln. Ihre Erkenntnis präsentieren sie in einem Film:

"Was ist in einer der vielfältigsten Städte Deutschlands zu 89% männlich und 97% weiß? Das Museum Ludwig!"

Der Wandel geht langsam voran

Andere Häuser revidierten tatsächlich ihre Ausstellungspraxis. So verkünden vier rote Banner im Foyer der kestnergesellschaft: Hier waren zwischen 2013 und 2017 68% der Ausstellenden Frauen. Gerade denkt man "Na, geht doch!", da listen zwei Flugblätter auf, wie viele Künstlerinnen Einzelausstellungen in den großen New Yorker Museen erhielten: 1985 war es eine. 2015 waren es fünf! Und da bleibt einem nach dem Rundgang durch über 30 Jahre radikale feministische politische Aufklärungsarbeit eigentlich nur noch eines, wie die Guerrilla Girls zusammen ausrufen:

"KEEP MAKING TROUBLE! LIKE WE DO!"

"Guerrilla Girls: The Art of Behaving Badly"
Werkschau in der Kestnergesellschaft in Hannover
vom 26. Januar bis 8. April 2018
weitere Informationen hier online 

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