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Studio 9 | Beitrag vom 07.09.2021

Guantanamo-Doku "Slahi und seine Folterer" An der Gewalt zerbrochen

Von Michael Meyer

Mohamedou Slahi entspannt sich auf dem Sofa im Haus eines Freundes in Nouakchott, Mauretanien. (NDR / Jörg Gruber)
Der ehemalige Guantanamo-Gefangene Mohamedou Slahi lebt wieder in Mauretanien. (NDR / Jörg Gruber)

Das Gefängnis Guantanamo gilt inzwischen als Synonym für die unmenschliche Behandlung von Gefangenen. Einer von ihnen steht im Mittelpunkt einer neuen Dokumentation. Sie zeigt, dass niemand Folter unbeschadet übersteht. Auch die Folterer nicht.

"Dieser Typ, der ist sowas von charismatisch, so wie ein Autoverkäufer. Der könnte einem Eskimo Eis verkaufen. Er ist jedermanns Freund, ein entspannter Typ, mit dem man reden kann. Und er ist sehr manipulativ. Genau so einen hat bin Laden damals gebraucht. Und er hat getan, was bin Laden von ihm verlangte."

Diese Worte sagt Sydney, die damals die Chefanalystin all jener Gespräche war, die die Ermittler mit Guantanamo-Insassen geführt haben. Mit "dieser Typ" ist Mohamedou Slahi gemeint, der mittlerweile wohl berühmteste ehemalige Gefangene von Guantanamo.

Slahi wurde beschuldigt, drei von vier Attentätern für die rekrutiert zu haben. Noch heute, so zeigt es die Doku, sind manche der damaligen Ermittler von Slahis Schuld überzeugt, wie etwa Stuart Couch, der Staatsanwalt des Falls:

"Von allen Häftlingen, die wir damals in Guantanamo hatten, war er derjenige, der das meiste Blut an den Händen hatte. Denn er war derjenige, von dem wir glaubten, dass er eine Verbindung zu 9/11 hatte. Und wir hatten in seinem Fall die Todesstrafe vorgesehen."

Der Film des in Deutschland lebenden Journalisten John Goetz zeigt den heute wieder in Mauretanien lebenden Mohamedou Slahi als einen entspannten Mann, der oft lächelt, Humor hat und sehr einnehmend sein kann. Über seine Zeit im Gefängnis hat er Tagebuch geführt, er veröffentlichte seine Aufzeichnungen schon 2015 als Buch.

Vergebung als Rache

Trotz der im Gefängnis erlittenen Schmerzen und Demütigungen empfindet Slahi keinen Hass: "Als mir klar wurde, dass es erstmal keine Gerechtigkeit geben würde, dachte ich: Was bleibt dann noch? Rache? Aber Rache ist eine heikle Sache. Will ich ihn töten, will ich ihm dieselben Schmerzen zufügen, wie er mir? Das ist lächerlich. Die beste Form von Rache ist für mich Vergebung. Sie gibt mir die Kontrolle zurück. Und ich dachte: Wow, das fühlt sich gut an."

Der Journalist Goetz hatte schon 2008 für den "Spiegel" über den Fall geschrieben. Als Slahi entlassen wurde, versprach er ihm, zu helfen, seine Folterer zu finden. Einer von ihnen war bereit, unverpixelt vor der Kamera zu sprechen, nennt jedoch nicht seinen Namen.

Goetz versucht im Film, ihn immer wieder dazu zu bewegen, via Video-Schalte mit Slahi zu sprechen. Der Mann will zunächst nicht, lässt sich am Schluss aber doch darauf ein. Dieses Gespräch, recht kurz und unbeholfen, ist so etwas wie eine vorsichtige Aussöhnung, über 15 Jahre, nachdem Slahi im Lager auf Kuba gefoltert wurde.

Der US Staatsanwalt Richard Zuley (NDR / Hoferichter und Jacobs GmbH)Hegt Rachegefühle wegen der Terror-Anschläge in New York von 2001: US-Staatsanwalt Richard Zuley. (NDR / Hoferichter und Jacobs GmbH)
"Wie geht es Ihnen, Sir? Ich kann nicht klagen. Und selbst? Mir geht es sehr gut. Danke der Nachfrage. Es ist interessant, ich wollte dieses Telefonat eigentlich auf keinen Fall führen. Weil ich sehr gemischte Gefühle habe, was diese Zeit und das, was passiert ist, angeht. Aber ich möchte eines sagen: Niemand hat es verdient, so behandelt zu werden, wie Sie. Es war nicht richtig. Was wir getan haben, war falsch."

Eine Erkenntnis des Films: Alle damals beteiligten Personen wirken zerbrochen. Der ehemalige Folterer zittert, wenn er über die Zeit spricht, der Staatsanwalt ist noch immer voller Rachegefühle. Sydney, die Chefanalystin, sagt, dass sie enttäuscht ist von der Welt und der amerikanischen Öffentlichkeit. Man habe immer nur auf den amerikanischen Militärangehörigen herumgehackt.  

Die ungelöste Schuldfrage

Doch was ist mit Slahi selbst? Die Frage bleibt, ob er doch drei der 9/11-Attentäter angeworben hat. Reicht ein Abendessen, 1999 in Duisburg, wo Slahi damals lebte, für eine Anklage aus? Ist er also wirklich unschuldig? Regisseur John Goetz glaubt ja: "Auch wenn es stimmt, dass die drei da waren, dass er drei Verschwörer des 11. September gekannt hat. Für einen Abend. Straftatbestand: drei Leute für einen Abend beherbergt zu haben."

Slahi war in den neunziger Jahren Teil der Mudschaheddin in Afghanistan – er war fasziniert vom radikalen Islam - aber auch das mache ihn noch nicht zum Terrorhelfer, konstatiert Goetz.

Am Schluss des Films steht eine Geschichte aus einem Koran-Kommentar mit einer vernichtenden Botschaft: Wer einmal seine eigenen Werte verrät, wird davon nie wieder wegkommen:

"Der Prophet war aufs Land gereist, und er sah dort einige Königstreue, die mehrere Bauern folterten. Und er fragte: Warum foltert ihr diese Bauern? Und der Prophet sagt: Jene, die in diesem Leben foltern, werden im Nachleben selbst gefoltert sein."

"Slahi und seine Folterer"
Dokumentarfilm von John Goetz und Ben Hopkins 
TV-Premiere am 7. September um 21:40 Uhr auf ARTE
und am 14. September um 22:50 Uhr auf Das Erste;
abrufbar auch in der ARD Mediathek

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