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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 29.12.2015

Grundwerte in der Gesellschaft"Westliche Werte" sind nur Worthülsen

Von Rolf Schneider

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Beim Shoppen zur Weihnachtszeit kommen schnell einige Einkaufstüten zusammen. (dpa / picture alliance / Daniel Naupold)
Der Wille und die Notwendigkeit zum Konsum: Auch ein westlicher Wert? (dpa / picture alliance / Daniel Naupold)

Man hört wieder viel von den "westlichen Werten". Aber welche sollen das sein, fragt der Autor Rolf Schneider. Vielmehr gehe es doch um etwas anderes: Einen westlichen Lebensstil, den es zu verteidigen lohne.

Reden wir über Werte. Der Begriff, immer in der Mehrzahlform, ist derzeit ständig zu hören: in Sonntagsreden, in Debattenbeiträgen, in Leitartikeln, in Talkshows. Unsere Werte. Auch als westliche oder christliche Werte kommen sie vor. Wir sollen und wollen an ihnen festhalten. Wir müssen sie verteidigen.

Was exakt sie beinhalten, wird fast niemals gesagt. Worum also geht es?

Nehmen wir die christlichen Werte. Besser wäre von Botschaften, Grundsätzen, Zielen die Rede. Sofern der Inhalt von Jesu Bergpredigt gemeint ist, die Feindesliebe, wurde und wird er von christlichen Staaten vorwiegend missachtet. Oder nehmen wir jene mitmenschliche Praxis, die gemeinhin Brüderlichkeit heißt. In der französischen Revolution säkularisiert, wurde sie, als Solidarität, ihrem theologischen Ursprung völlig entfremdet.

Westliche Werte änderten sich mit der Zeit

Das Lexikon weiß, dass die christlichen Werte sich nicht bloß von einer Religionsgemeinschaft zur anderen ändern, sondern zudem in ihrer zeitlichen Abfolge. Eine genaue Definition sei daher nicht möglich.

Mit den westlichen Werten verhält es sich vergleichbar. Man kann die Gewaltenteilung dazu rechnen und die Menschenrechte. Letztere gibt es in unterschiedlichen Fassungen: jener der französischen Nationalversammlung von 1789, jener der Vereinten Nationen von 1946, jener des deutschen Grundgesetzes von 1949. Dies nur als Beispiele.

Zwischen dem Wortlaut der Erklärung und der Politik der Erklärer können sich Differenzen auftun, wie schon die USA-Gründerväter bewiesen: Sie waren durchweg Sklavenhalter. Wir wollen hier nicht ins Philosophische gehen, wo Rickert, Scheler und Max Weber erheblich voneinander abweichende Definitionen und Zuordnungen trafen.

Über Werte besteht keine Einigkeit

Politische Parteien in Deutschland unterhalten Grundwertekommissionen, die vermutlich nicht nötig wären, wenn über die Grundwerte Einigkeit bestünde. Außerdem: Welche Werte gibt es eigentlich jenseits der Grundwerte? Und wie soll man sie benennen? Folgewerte? Minderwerte?

Die israelische Autorin Eva Illouz zählt zu den westlichen Werten den Konsum. Der ist unentgeltlich selten zu haben, wie auch das Wort Werte einen hörbar finanziellen Beiklang hat. Gemeint ist der Geldwert. Haben den auch die Menschenrechte?

Das Lexikon sagt: "Die Bedeutung des Wertbegriffs verändert sich, je nachdem ob die Wertzuschreibung von Einzelnen, von sozialen Akteuren oder von einer Gesellschaft erfolgt und ob sie als objektive Erkenntnis oder subjektive Haltung verstanden werden."

Lebensstil wäre der bessere Begriff

Wohl wahr. Und was immer unter westlichen Werten zu subsummieren ist, von der Individualität bis zum Pluralismus, von der Solidarität bis zum Hedonismus, von der Toleranz über die religiöse Vielfalt bis zum Laizismus, es handelt sich entweder um Gewohnheiten oder um Rechte und Regeln oder um gesellschaftliche Ideale.

Insgesamt meint es den westlichen Lebensstil. Ihn zu verteidigen haben wir guten Grund und alles Recht. Warum aber reden wir statt von Lebensstil lieber von Werten? Weil es kostbarer klingt? Der Begriff Werte erweist sich bei näherem Hinsehen als bloße Worthülse: pompös und der Sache nicht dienlich. Wir sollten ihn besser meiden.

Der ostdeutsche Schriftsteller Rolf Schneider (2000), Autor des Wenderomans "Volk ohne Trauer" (picture alliance / dpa / Klaus Franke)Der ostdeutsche Schriftsteller Rolf Schneider (2000), Autor des Wenderomans "Volk ohne Trauer" (picture alliance / dpa / Klaus Franke)Rolf Schneider stammt aus Chemnitz. Er war Redakteur der kulturpolitischen Monatszeitschrift Aufbau in Berlin (Ost) und wurde dann freier Schriftsteller.

Wegen "groben Verstoßes gegen das Statut" wurde er im Juni 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, nachdem er unter anderem in einer Resolution gegen die Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte.

Veröffentlichungen unter anderem "November", "Volk ohne Trauer" und "Die Sprache des Geldes". Seine politischen und künstlerischen Lebenserinnerungen fasst er in dem Buch "Schonzeiten. Ein Leben in Deutschland" (2013) zusammen.

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