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Interview | Beitrag vom 25.07.2019

Grünen-Politiker Michael Cramer"Die Zukunft der Eisenbahn ist grandios"

Michael Cramer im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Abgestellte Güterwaggons auf Gleisen bei Dämmerung auf dem Rangierbahnhof Maschen in Niedersachsen (picture alliance/ imageBROKER)
Abgestellte Güterwaggons auf dem Rangierbahnhof Maschen in Niedersachsen (picture alliance/ imageBROKER)

Um die Klimaerwärmung aufzuhalten, sei es nötig, die Mobilität zu ändern, sagt der Grünen-Politiker Michael Cramer. Das Bahnfahren müsse attraktiver gemacht werden. Der Bundesregierung wirft er vor, sich nur fürs Auto zu interessieren.

Im Jahr 2003 ist der Grünen-Politiker Michael Cramer von Berlin nach Tallinn (Estland) mit der Bahn gefahren. Neun Mal musste er umsteigen, 60 Stunden hat das gedauert. Vor dem Krieg hätte man für diese Strecke nur 27 Stunden gebraucht. Cramers Reise ist zwar schon 16 Jahre her, aber immer noch bezeichnend für das Grundproblem, das die Eisenbahn in Europa und auch in Deutschland hat.

Cramer, der bis vor kurzem im EU-Parlament saß und den Ausschuss für Verkehr und Tourismus geleitet hat, gibt sich optimistisch: "Die Zukunft der Eisenbahn ist grandios." Allerdings mit einer Einschränkung: "Die Politik hat es bis heute nicht begriffen. Alle reden vom Klimaschutz. Alle reden von einer umweltfreundlichen Bahn. Aber alles wird getan, dass das Bahnfahren teuer wird, während das Fliegen und der Straßenverkehr billig gemacht wird. Wenn sich das nicht ändert, hat die Bahn keine Zukunft."

Es fehlt der Wille, etwas zu ändern

In Stuttgart gebe man zwar zehn Milliarden Euro aus und halbiere die Kapazität des Bahnhofs, aber man gebe kein Geld aus für die Verbindung von Cottbus bis zur polnischen Grenze. 50 Kilometer müssten da noch elektrifiziert werden. "Mit 100 Millionen Euro könnten wir zweieinhalb Stunden einsparen und der Korridor von Hamburg nach Krakau wäre perfekt", sagt Cramer. "Das passiert nicht, weil die Bundesregierung nur durch die Windschutzscheibe auf die Straße schaut." Es fehle der Wille, daran etwas zu ändern.

Bereits 1909 sei beschlossen worden, die Schienennetze zu elektrifizieren. Heute liege man nur bei 60 Prozent. Güterzüge müssten deshalb mit Diesel fahren. "Verrückt, aber traurige Realität", sagt Cramer, der auch bedauert, dass unrentable Strecken wie etwa Berlin-Breslau eingestellt werden, dass das Nachtzugnetz aufgegeben wurde oder Fahrräder nur im ICE 4 mitgenommen werden dürfen, nicht aber im ICE 3.

Der deutsche Politiker Michael Cramer (Bündnis 90/Die Grünen), Mitglied des Europäischen Parlamentes (EP), in Berlin am 09.09.2018 *** German politician Michael Cramer Alliance 90 The Greens Member of the European Parliament EP in Berlin on 09 09 2018 (imago stock&people)Der deutsche Politiker Michael Cramer (Grüne) fordert, das Schienennetz auszubauen. (imago stock&people)

Nachbarländer wie Österreich oder die Schweiz seien seiner Meinung nach Vorbilder. In der Schweiz seien auch kleine Orte an die Schiene angebunden. Für Deutschland wünscht sich der Grüne ein Schienennetz wie vor dem Krieg. "Ohne eine Veränderung der Mobilität werden wir den Klimawandel nicht stoppen können", sagt Cramer. "Es geht jetzt um Fakten, um Taten."

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