Zum Tod von Hans-Christian Ströbele

    Der unbequeme Zwischenfrager

    35:38 Minuten
    Hans-Christian Ströbele (Bündnis 90/Die Grünen) sitzt am in Berlin in seinem Abgeordneten-Büro vor einem Regal mit Ordnern
    Hans-Christian Ströbele: "Die ganzen Kolleginnen und Kollegen um mich rum stöhnten schon auf, 'Ach der Ströbele schon wieder'." © picture alliance / Kay Nietfeld/dpa
    Moderation: Ulrike Timm · 31.08.2022
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    Er war das Aushängeschild der Linksalternativen, viermal zog er als Direktkandidat der Grünen in den Bundestag ein. Nun ist Hans-Christian Ströbele im Alter von 83 Jahren gestorben.

    Der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele ist am 29. August im Alter von 83 Jahren gestorben. Der langjährige Bundestagsabgeordnete war eines der bekanntesten Gesichter seiner Partei. Auch als Jurist hat er immer wieder für Aufsehen gesorgt. In der Sendung "Im Gespräch" sprachen wir 2017 mit ihm.


    In den vielen Jahren als Abgeordneter des Bundestages hat er nur zweimal bei einer Sitzung gefehlt. Selbst als er schwer krank war, versuchte er keine Parlamentsdebatte zu verpassen, und kam unverdrossen seiner Rolle des unbequemen Querdenkers nach.
    "Dieses alleine wider den Stachel löcken, das ist mir immer schwer gefallen. Auch im Bundestag übrigens."
    Weil er immer nur "ganz, ganz wenig Redezeit" gehabt habe, zu vielen Themen überhaupt nicht habe reden dürfen, habe er eben die anderen Möglichkeiten genutzt.
    "Zwischenfragen oder Zwischeninterventionen nennt sich das. Das hat mich jedes Mal Überwindung gekostet. Sie müssen sich vorstellen, die ganzen Kolleginnen und Kollegen um mich rum stöhnten schon auf, 'Ach der Ströbele schon wieder'. Dann stehe ich auf und frage zu Afghanistan oder zu Griechenland-Rettungspaketen oder zu irgendeinem anderen wichtigen Thema."

    Anwalt über den Prozess hinaus

    Politisiert durch die Demonstration vom 2. Juni 1967 und den Tod Benno Ohnesorgs, war Ströbele einer der Gründer des Sozialistischen Anwaltskollektivs in Berlin. Als Rechtsanwalt verteidigte er später RAF-Mitglieder, wurde selbst zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Sein Engagement für seine Mandanten ging immer weit über deren Verteidigung hinaus.
    "Ich habe es als meine Aufgabe angesehen, die Mandanten nicht nur juristisch gegen den Strafvorwurf zu verteidigen, dem sie ausgesetzt waren, sondern auch ihre Gesundheit, ihr Leben, ihre Gesundheit im Gefängnis zu erhalten. Die sah ich damals als bedroht an. Deshalb habe ich vieles gemacht als Rechtsanwalt, als Strafverteidiger, was sicherlich nicht zu den normalen Aufgaben eines Verteidigers gehörte."
    Ströbele gehörte zudem der sozialen Bewegung der 60er- und 70er-Jahre an und ist einer der Mitbegründer der Grünen.

    Gründung der Alternativen Liste

    "Ende der 70er-Jahre haben wir uns zusammengesetzt in vielen deutschen Städten, auch in West-Berlin damals, und haben gesagt: Wir müssen unsere politischen Auffassungen, wo wir immer mehr auf der Straße werden, nicht nur auf der Straße verkünden und dafür werben, sondern wir müssen die auch in die Parlamente tragen. Deshalb haben wir nicht eine Partei, sondern eine Alternative Liste für Demokratie und Umweltschutz gegründet."

    Das Gespräch mit Hans-Christian Ströbele wurde erstmals am 14. November 2017 ausgestrahlt.

    Ab 1998 saß er für die Grünen im Bundestag und es gelang ihm als einzigem Kandidaten seiner Partei, bei vier Bundestagswahlen hintereinander ein Direktmandat zu erringen.
    "Die Leute mit Direktmandat im Bundestag, vor allem die, die es so mit heftiger Konkurrenz erkämpft haben, sind in einer besonderen Position. Wissen Sie, Joschka Fischer hat einmal im Bundestag gesagt, als es wieder um die Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes ging: Der Ströbele ist gewählt worden, weil er dagegen ist, der darf das, aber ihr seid mit mir gewählt worden – zu den anderen – ihr müsst dafür stimmen."

    Platz 1 der Frager, Platz 2 in den Charts

    Besonders stolz ist Ströbele auf den Erfolg seines Songs "Gebt das Hanf frei":
    "Ich bin nicht nur der Abgeordnete, der die meisten Fragen im Bundestag gestellt hat, sondern auch der wahrscheinlich einzige, der auf Platz 2 in den Charts gelandet ist und dafür auch erhebliche Tantiemen damals bekommen hat, eben mit diesem Song 'Gebt das Hanf frei'. Wenn ich heute mal U- oder S-Bahn fahre, vor allen Dingen nachts, dann sehen mich junge Leute und gucken mich an … irgendwie kennen wir den doch … dann fangen sie plötzlich an 'Gebt das Hanf frei'."

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