Grünen-Co-Vorsitzende Ricarda Lang

Eine Regierungspartei ist kein Nischenverein

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Mitglieder stimmen auf der Landesmitgliederversammlung der Grünen in Hamburg 2019 über einen Antrag ab.
Die Basis ist jetzt schon enttäuscht vom Regierungsgebaren ihrer Partei, sagt Tanja Dückers. © picture alliance/dpa / Daniel Reinhardt
Ein Kommentar von Tanja Dückers · 16.02.2022
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Die Basis bedienen und Volkspartei werden - die Grünen versuchen einen Spagat. Doch der gelingt nicht ohne Niederlagen und dem Nachwuchs fehlt noch das Profil, meint Schriftstellerin Tanja Dückers. Ein Beispiel dafür sei Co-Vorsitzende Ricarda Lang.
Den Grünen bleibt nach dem verstolperten Wahlkampf kaum Zeit zur Analyse. Dabei treten die inneren Konflikte der Partei immer deutlicher zutage. Auf der einen Seite steht die Basis. Sie nimmt es der Partei zum Beispiel übel, dass die Grünen seit Ewigkeiten ein Tempolimit versprechen, dies aber nicht durchsetzen können, wenn sie regieren.
Auf das Verkehrsministerium haben die Grünen verzichtet, auf eine Kandidatin als Bundespräsidentin ebenso - Entscheidungen, die aus Gründen der Ampel-Räson für nötig gehalten wurden. Dafür, dass die Europäische Kommission nun ein „Klima-Siegel“ für Atomenergie und Erdgas beschlossen hat, können die Grünen zwar nichts, dennoch bedeutet dies eine Niederlage für sie.

Zeitgeistiger Sprech

Auf der anderen Seite verstehen viele Wähler*innen nicht den identitätspolitischen, zeitgeistigen Sprech aus "Body Positivity" und "Against Fat Shaming", für den Ricarda Lang nach Ansicht der Grünen stehen soll.
Auch stellt sich die Frage, ob es ein geschickter Schachzug war, eine junge Studienabbrecherin wie die 28-jährige Lang gleich zur Co-Parteivorsitzenden zu machen - auch wenn sie politisch talentiert ist. Das wirkt, als ob die Grünen Personalmangel hätten. Warum nicht engagiertem Nachwuchs erst einmal die Chance geben, sich ein stärkeres Profil zu erarbeiten?

Indirekte Sabotage der Co-Vorsitzenden

Eigentlich hätte Ricarda Lang viel zu bieten: Sie war frauenpolitische Sprecherin und hat zudem eine sozialpolitische Agenda, die den Grünen bislang gefehlt hat. Damit könnten die Grünen dem Vorwurf, eine elitäre Partei zu sein, die lediglich Politik für Besserverdienende macht, etwas entgegensetzen.
Aber wenn die Grünen ständig betonen, dass Lang für Body Positivity und Bisexualität steht statt für faire Löhne und Bürgergeld, dann sabotieren sie indirekt ihre eigene Co-Parteivorsitzende. Es sollte schlichtweg kein Thema sein, wie Lang aussieht und welche sexuelle Orientierung sie hat. 

Kohl ohne Body-Positivity-Stempel

Es würde reichen, daran zu erinnern, welche Kleidergröße Helmut Kohl hatte, um deutlich zu machen, dass hier, im Jahr 2022, misogyne Vorurteile am Werk sind. Die CDU musste damals nicht behaupten, dass der Kanzler für Body Positivity stehe.
Auch der rundliche Sigmar Gabriel durfte von 2003 bis 2005 selbstverständlich mit einem nicht gerade rockstarhaften Aussehen das Amt des Beauftragten für Popkultur und Popdiskurs der SPD ausfüllen, was ihm in Anlehnung an den Sänger Iggy Pop den eher netten Spitznamen Siggi Pop einbrachte.

Zeit zur Profilierung für Lang

Lang hingegen wird als "Grüne Tonne" verspottet. Man sollte die ungleichen Wahrnehmungen benennen, aber nicht die Flucht nach vorn antreten, und einer 28-Jährigen, die ihre politische Kompetenz noch unter Beweis zu stellen hat, gleich schuldbewusst den Parteivorsitz überlassen, um all die Häme reflexhaft wieder gut machen zu wollen.
Es gibt bei den Grünen eine ganze Reihe gestandener Politikerinnen, die mit Omid Nouripour den Parteivorsitz hätten führen können. Lang hätte noch genug Zeit gehabt, um sich in den Bereichen zu profilieren, die sie selber aktiv gestalten möchte.

Vielseitigeres Nachwuchsprofil

Überhaupt wäre den Grünen zu empfehlen, ihrem Nachwuchs in der Öffentlichkeit ein vielseitigeres Profil zu verschaffen. Sie sollten ihnen mehr zutrauen als in erster Linie für die eigene Klientel zu sprechen, denn eine Regierungspartei ist kein Nischenverein.
Bei der letzten Bundestagswahl hat nicht mal jede sechste wahlberechtigte Person den Grünen ihre Stimme gegeben, und Basis sowie Nachwuchs von der Grünen Jugend sind jetzt schon enttäuscht vom Regierungsgebaren ihrer Partei. So wird es schwierig mit dem Anspruch, Volkspartei zu werden.

Tanja Dückers, geboren 1968 in Berlin (West), Studium der Germanistik, Nordamerikanistik und Kunstgeschichte, lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin. Sie hat 18 Bücher veröffentlicht, darunter Romane, Erzählungen, Gedicht- und Essaybände. Sie lehrt regelmäßig als Gastprofessorin in den USA im Fachbereich German Studies/Germanistik. Als Journalistin äußert sie sich zu soziopolitischen und ökologischen Fragestellungen.

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