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Länderreport | Beitrag vom 14.10.2021

Gründerstipendium in NRWGefördert wird, was innovativ ist

Von Ina Rottscheidt

Geldscheine als Blume gefaltet. (imago / fStop Images / Larry Washburn)
Schon einige Euroscheine über ein Gründerstipendium können Startups helfen, die ersten Schritte zu tun. (imago / fStop Images / Larry Washburn)

Gründer haben es in Deutschland schwer, Startkapital zu bekommen. In Nordrhein-Westfalen soll ein Stipendium helfen, eine Firma aufzubauen. Das reicht zwar nicht zur Rundumversorgung, hilft aber am Anfang, wie das Beispiel von "socialbnb" beweist.

Alles fing mit einem Tuk Tuk-Fahrer in Kambodscha an. Ein Studienfreund von Nils Lohmann lernte ihn auf seiner Ostasienreise kennen. Dieser Mann erzählte ihm, dass er eine Schule bauen wolle, an der die Kinder Englisch lernen können – denn so etwas gab es in seinem Dorf nicht. Und bei der Rückkehr nach Deutschland war die Idee geboren.

"Da ihm die finanziellen Mittel gefehlt haben, um das umzusetzen, sind wir mit der Idee gekommen: Wie wäre es denn, wenn wir ein 'socialbnb', eine soziale Übernachtungsmöglichkeit bei ihm anbieten? Dass wir seine freien Räumlichkeiten als Übernachtungsmöglichkeiten für Reisende anbieten", erzählt Lohmann.

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Nils Lohmann ist einer der Mitbegründer von socialbnb, einer Plattform im Internet, die Unterkünfte in aller Welt vermittelt. Vermietet werden keine kommerziellen Hotelzimmer oder Ferienwohnungen, sondern freie Räumlichkeiten von Hilfsorganisationen. Die Mieteinnahmen gehen direkt in soziale oder ökologische Projekte vor Ort.

"Das heißt, als Reisende oder Reisender habe ich die Möglichkeit, die Arbeit kennenzulernen, ohne direkt mitzuhelfen. Es geht wirklich um diese reine Übernachtungsleistung, aber es ist trotzdem eine tolle Erfahrung für Reisende zu sehen, wie das Geld direkt bei den Menschen ankommt."

Unternehmensgründung neben dem Studium

Socialbnb startete als Studierendeninitiative. Nils Lohmann hat in Köln International Business studiert, sein Mitgründer Alexander Haufschild Geografie. Gemeinsam zogen sie das Projekt auf, zunächst nebenbei, zwischen Vorlesungen, Semesterarbeiten und Klausuren. Das war 2018. Heute steht das kleine Unternehmen auf eigenen Beinen.

Lisa Bökler führt über die langen Flure eines Gebäudes im Kölner Westen, mitten im Industriegebiet. Hier hat das Startup einen eigenen Bereich auf einer Büroetage, neudeutsch: Co-Working-Space. Socialbnb hat mittlerweile zehn Mitarbeiter. Alle Mitte 20.

Lisa Bökler ist Teamleiterin und kümmert sich um die Akquise von neuen Partnern: Vom Wiederaufforstungsprojekt in Brasilien bis zum integrativen Hotelbetrieb in Deutschland.

Abgewickelt wird alles digital, Bekanntheit verschafft sich das Unternehmen über die sozialen Netzwerke, vor allem über Instagram, wo Anbieter Videos von sich und ihren Projekten hochladen.

1.000 Euro Starthilfe im Monat

Den Preis pro Übernachtungen legen die Hilfsprojekte selbst fest, dazu kommen 15 Prozent Vermittlungsgebühr für das Kölner Unternehmen – die zahlt der Reisende. Über 145 Unterkünfte in 45 Ländern bietet socialbnb mittlerweile an, über 800 Mal wurden sie schon gebucht.

Geholfen hat dem Startup unter anderem das Gründerstipendium NRW, eine Fördermaßnahme des Landes Nordrhein-Westfalen. Dabei bekommen bis zu drei Gründer ein Jahr lang 1000 Euro im Monat als Starthilfe, zusätzlich gibt es Coaching von Gründungsberatern.

Eine gute Idee, findet Professor Kai Buehler. Er leitet an der Rheinischen Fachhochschule Köln den Studiengang Digital Business Management. Er sitzt in einem Gremium, das neue Gründungsvorhaben bewertet und ist selbst an einigen Startups beteiligt.

"Es ist insofern interessant, weil es da ansetzt, wo Investoren noch nicht investieren würden, weil es noch sehr früh ist. Und es ist insofern hilfreich, wenn Sie überlegen, wenn Sie drei Gründer haben und jeder von denen bekommt 1000 Euro, dann sind das schon mal 36.000 Euro im Jahr. Damit kann man schon mal was machen", sagt Buehler.

2500 Gründer erhielten bisher das Stipendium

Eingeführt wurde das Gründerstipendium im Juli 2018 von NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart von der FDP, ein langjähriger Weggefährte und Förderer von Bundesparteichef Christian Lindner. Über 2500 Gründer haben in dessen Heimatland bisher das Stipendium erhalten: Egal, ob neue Produkte oder Dienstleistungen. Gefördert wird, was innovativ und zukunftsweisend ist.

Denn bislang liegt Deutschland bei der Zahl der Unternehmensgründungen im internationalen Vergleich eher auf den hinteren Plätzen. Das liegt nicht nur am Zugang zu Kapital, sondern auch an der Bürokratie und an einer geringeren Risikobereitschaft der Deutschen, sagt Buehler: "Ich glaube auch, dass die Mentalität in Großunternehmen immer noch nicht die ist, dass die sagen: Wir stellen auch gerne gescheiterte Gründer ein, die haben viel mehr erlebt."

Das Projekt könnte Vorbild für ein Gründerstipendium auf Bundesebene werden. Das hatte die FDP in ihrem Wahlprogramm gefordert: Eine branchenunabhängige Förderung, um die sich Unternehmer in der Startphase bewerben können. Buehler würde das begrüßen: "Das hilft den Startups ungemein."

Die Rettung in Corona-Zeiten

Für die Macher von socialbnb war das NRW-Gründerstipendium die Rettung: Anfang 2020 machten sich die jungen Unternehmer selbstständig, aber dann kam Corona. Weltweit brach der Reisemarkt ein, der denkbar schlechteste Zeitpunkt, um sich in der Branche zu etablieren, erinnert sich Nils Lohmann: "Es war superhilfreich in der Zeit, um das Ganze weiter am Laufen zu halten und dass man dann auch den Nebenjob runterfahren und sich mehr auf dieses Gründungsvorhaben konzentrieren konnte."

Lohmann und seine Kollegen haben die Corona-Zeit genutzt, um ihr Angebot auszuweiten und die Webseite zu verbessern. Aufgeben kam für die jungen Unternehmer nie in Frage.

Erste Erfolge in den Projekten vor Ort motivieren sie, weiterzumachen: Im Dorf des Tuk Tuk-Fahrers in Kambodscha, der alles ins Rollen brachte, gehen heute 60 Kinder zur Schule: "Sie haben es geschafft, sowohl den Englischlehrer zu finanzieren als auch Laptops und Englischbücher rüberzubringen und nebenan eine kleine Schule zu bauen. Und das war unser Gedanke, dass wir gesagt haben: Wir wollen das von diesem Studierendenprojekt zu einem Social Startup entwickeln. Und dann war klar: Das wollen wir langfristig vorantreiben."

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