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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 19.10.2010

Grün wie die Dollarscheine

Amerika wird Paradies für Ökounternehmer

Von Jan Tussing

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Ökounternehmen boomen auch in Amerika (AP)
Ökounternehmen boomen auch in Amerika (AP)

Noch immer gehört in Toledo im nordostamerikanischen Bundesstaat Ohio die Rezession zum Alltag. Dennoch herrscht Aufbruchsstimmung: Grüne Energien, Dünnfilmmodule und dicke Marktchancen: Toledo mausert sich zum Zentrum der US-Solarindustrie. Grüne Unternehmen schießen wie Pilze aus dem Boden.

Ein Starbucks am Stadtrand von Toledo. Meistens kommt der Stammgast im Laufschritt, bestellt einen Kaffee Latte, und ist auch schon wieder weg. Für seine Freunde ist er ein Trottel: Rob N., der seinen vollen Namen nicht nennen will, weil er Angst hat, dass der Staat ihm dann das Arbeitslosengeld streicht. Der 56 jährige Ingenieur ist seit fast zwei Jahren arbeitslos. Trotzdem geht er weiterhin jeden Tag ins Büro – unentgeltlich.

"Ich halte es für meine Pflicht, meinem Chef durch die schwere Zeit hindurch zu helfen, er zahlt sich selber auch kein Gehalt mehr. Und er braucht meine Erfahrung jetzt mehr denn je, um neue Projekte an Land zu ziehen. Ich habe 17 Jahre lang für den Mann gearbeitet, er hat es mir ermöglicht, meine Kinder auf die Uni zu schicken und diese enormen Arztrechnungen zu bezahlen, als meine Frau Brustkrebs hatte."

Rob weiß, dass sie alle im selben Boot sitzen in seiner Heimatstadt. Allem Aufschwunggerede zum Trotz gehört die Rezession in Toledo weiter zum Alltag. Die Arbeitslosenrate liegt mit 12,5 Prozent weit über dem nationalen Durchschnitt. Rob schätzt sich glücklich, dass er wenigstens das Gefühl hat, gebraucht zu werden. Seine drei Nachbarn haben mit schweren Depressionen zu kämpfen.
"Sie waren im Medizinbereich tätig und verdingen sich jetzt als Verkäufer im Supermarkt. Es ist schwierig, etwas anderes zu finden, für jeden hochqualifizierten Job gibt es hier mindestens 20 Bewerber. Ach, es wurde so viel versprochen, nichts ist wahr geworden. Washington hat den Banken Milliarden von Dollar gegeben, damit sie wieder Kredite vergeben. Aber was passiert stattdessen: Sie vergeben heute sogar weniger Darlehen für Immobilienprojekte als vor einem Jahr!"

Toledo, Ohio, ist das Beispiel eines Amerikas, in dem nichts mehr so ist, wie es einmal war. Die 672.000 Einwohner zählende Stadt war einst die dampfende Glasmetropole der USA. Doch seit den 1980er-Jahren verliert der einstige Vorzeigestandort an Bedeutung. Und doch herrscht inmitten dieser vordergründigen Tristesse zum ersten Mal seit Langem wieder Aufbruchsstimmung.

Grüne Energien, zukunftsweisende Dünnfilmmodule und dicke Marktchancen: Toledo mausert sich zum Zentrum der US-Solarindustrie. Richard Aktman verkörpert den erwachenden Solar-Spirit wie kaum ein anderer. Der Manager mit dem perfekt frisierten Silberhaar sitzt in seinem Büro. Er arbeitet für den 170 Jahre alten Glashersteller Pilinkton. Im Zuge der Krise musste er ein Fünftel der Belegschaft entlassen. Aber jetzt geht es wieder aufwärts. In den Fabriken von Pilinkton laufen die Fäden zusammen für gut gehende Solargeschäfte mit revolutionären Glasoxiden.

"Es klingt absurd, aber die Tatsache, dass es uns hier schon lange schlecht ging, kommt uns jetzt zugute: Wir haben aus der Not heraus früher angefangen als die anderen, unser Know-How auf neue, zukunftsweisende Produkte zu verlagern. Dank unserer Solarabnehmer haben wir das abgelaufene Geschäftsjahr mit Gewinnen beendet. Die meisten Glaskonzerne verlieren Millionen und Abermillionen, aber uns geht es gut."

Toledo, Ohio, ist das Beispiel eines Amerikas, wo Revolutionen seit jeher von unten beginnen. Eine durchdachte und konsistente Energiepolitik gibt es nicht in den Vereinigten Staaten. Von klaren, nationalen Richtlinien aus Washington ganz zu schweigen. Und doch verstehen die Amerikaner es wie kaum eine andere Nation, aus alternativen Technologien Kapital zu schlagen. Triebfedern des Booms sind die lokalen und bundesstaatlichen Behörden, die die Ansiedlung von Öko-Unternehmern fördern, indem sie ihre eigenen Umweltstandards setzen. 900 US-Städte haben sich verpflichtet, den Bestimmungen des Kyoto-Protokolls zu folgen. Elf US-Bundesstaaten können sogar schon jetzt eine bessere Energiebilanz vorweisen als das europäische Ökomusterkind Deutschland.

Am südlichen Ufer des Maumee River befindet sich Tony Packo's. Das Hot-Dog-Restaurant, erbaut in den 1930er-Jahren, ist eine Institution in Toledo: Die Wände sind übersät mit den Fotografien berühmter Gäste. Auch Barak Obama hat schon dort gegessen. Der Präsident reserviert gut ein Zehntel seines 787 Milliarden Dollar schweren Stimulus-Programms für die Entwicklung alternativer Energieträger. Das findet die Menschen in Toledo natürlich prima. Verlassen wollen sie sich darauf aber nicht. Der Wettbewerb um die föderalen Gelder sei beinhart, sagt Eileen Granata, die Direktorin der regionalen Wachstumspartnerschaft.

"Natürlich hat auch Toledo Obama-Dollars bekommen, aber davon profitieren fast nur Firmen, die Infrastrukturarbeiten machen und Verträge mit den staatlichen Agenturen haben. All die anderen müssen sehen, wie sie zurechtkommen. Um ihnen zu helfen, haben wir zusammen mit dem Bundesstaat Ohio Schuldverschreibungen ausgegeben und unseren eigenen 1,6 Milliarden Dollar schweren Fonds geschaffen. Damit werden jetzt vielversprechende Solar-Unternehmer gefördert."

Toledo, Ohio, ist das Beispiel eines Amerikas, wo die wirtschaftliche Stärke seit jeher auf radikaler Kommerzialisierung fußt. Mit großen Ideen alleine gibt sich in der Neuen Welt niemand zufrieden. Sie werden nur umgesetzt, wenn sich ordentlich Kapital daraus schlagen lässt. Auch deshalb glauben viele Experten, dass die US-Green-Tech-Unternehmer den europäischen Umweltpionieren schon bald den Rang ablaufen werden. Trotz der Wirtschaftskrise fließt in den USA fünf Mal mehr Venture Capital in die Entwicklung sauberer Energien als in ganz Europa zusammen.

Geld sei Papier auf grüner Tinte, lacht Norman Rapino, in Anspielung auf die farbliche Gestaltung der Dollarscheine. Der Mittsechziger hätte nie gedacht, dass er noch einmal ins Berufsleben zurückkehren würde. Dass er es trotzdem versucht, hat wenig mit Umweltbewusstsein, viel dagegen mit globalen Marktchancen und knallhartem Kostenkalkül zu tun. Rapinos Unternehmen Netromex, das am Stadtrand von Toledo residiert, stellt neuartige Gleichstromwandler her, die die Solarenergie zugleich effizienter und billiger machen. Das zieht. Gerade Mal zwei Jahre nach der Firmengründung ist die Gewinnschwelle erreicht.

"Wir werden dieses Jahr mindestens 700.000 Dollar verdienen. Das ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass die meisten Nachwuchsfirmen jahrelang keinen Profit machen. Aber wir sind auch viel bescheidener vorgegangen als die meisten und wir stellen ein Produkt her. Keiner hat hier anfangs ein Gehalt bekommen, und wir haben auch viel Eigenkapital in die Firma gesteckt. Ich werde oft gefragt, warum ich mir das auf meine alten Tage noch antue. Es liegt mir einfach im Blut, und außerdem: Ideen kennen kein Alter!"

Toledo, Ohio ist das Beispiel eines Amerikas, wo Bundesstaaten wie Unternehmen schon oft bewiesen haben, dass sie globale Zugpferde für mehr Nachhaltigkeit sein können. Aus Kalifornien stammt die Idee, den Schadstoffausstoß von PKW zu regulieren. Auch waren es US-Konglomerate, die die ersten Ersatzprodukte für ozonschädliche Sprühdosen auf den Markt brachten. Die jetzigen Vorstöße sind jedoch tiefgreifender. Die amerikanischen Unternehmen brauchen dringend neue Boomprodukte. Auch für die Arbeitnehmer wird grün zum Rettungsanker.

Das Owens Community College in Toledo war jahrelang von der Schließung bedroht. Es fehlte an Schülern. Das hat sich geändert, denn die Berufsschule bietet nun als eine der ersten und einzigen Institutionen der USA Kurse über Solarmodul-Montage an. Die Klassen platzen aus allen Nähten. Keith Dandridge, ein auf Klimaanlagen spezialisierter Ingenieur, hat sich schon immer für Solartechnologie interessiert. Aber ihm fehlte das nötige Fachwissen. Als er erfuhr, dass er am Owens Community College eine Umschulung beantragen konnte, schlug er zu.

"Als ich mein Studium gemacht habe, bot niemand Spezialisierungen in alternativen Energien an. Jetzt mache ich endlich das, was ich immer wollte. Ich habe den ganzen Kurs selber bezahlt. 975 Dollar hat mich das gekostet. Das ist eine Menge Geld und natürlich habe ich gezögert. Aber kein halbes Jahr nach meiner Umschulung zum Solarfachmann habe ich einen Job in einer der neuen Solarfirmen hier in Toledo gefunden. Es hat sich alles ausgezahlt."

Toledo, Ohio ist das Beispiel eines Amerikas, das auf die grüne Revolution setzt, um die schwere Wirtschaftsflaute zu meistern. Die Organisation Greenjobs.com, schätzt, dass die US-Solarindustrie 2020 mehr Amerikaner beschäftigen wird, als es derzeit Grundschullehrer gibt.

Im 5,9 Millionen Einwohner zählenden Bundesstaat Ohio arbeitet schon jetzt jeder siebte in einer Firma, die sich der alternativen Energieentwicklung verschrieben hat. Toledo tut es sich schwerer. Der erwachende Solarsektor hat bislang gerade Mal 6.000 Arbeitsplätze geschaffen. Das ist nicht ansatzweise genug, um die im Zuge der zahlreichen Krisen verlorenen Stellen auszugleichen. Aber es ist immerhin ein Anfang, der die Menschen zum ersten Mal seit Langem wieder auf die Zukunft hoffen lässt.

Wir brauchen demnächst mehrere 100 Arbeitskräfte und bis Jahresende werden wir volle Produktionsstärke erreichen, sagt ein paar Meilen südlich von Toledo eine beschwingte Liwei Xu. Die aus der chinesischen Provinz Nanchang stammende Akademikerin kam dank eines Stipendiums in die USA. 2002 gründete sie zusammen mit ihrem ebenfalls aus China immigrierten Mann die Produktionsfirma Xunlight, die siliziumfreie Solarzellen auf flexiblen Gummimatten entwickelt. Auf die Frage, warum sie sich ausgerechnet für Toledo als Standort entschied, antwortet Liwei Xu pragmatisch:

"Unsere kleinen Gehälter reichten nicht, um ein Unternehmen zu gründen. Hier hat man uns viel Unterstützung gegeben. Wir haben 40 Millionen Dollar von den Venture Kapitalisten bekommen, 15 Millionen von der University of Toledo, und einen Haufen Darlehen von der lokalen Wachstumspartnerschaft. Ich war selber sehr überrascht, denn das hier ist eine Gegend, wo du es vor 10 Jahren nicht einmal im Friseurladen gewagt hättest, zu sagen, dass du in der Solarindustrie arbeitetest, aber jetzt sind alle begeistert!"

In der noch halb leeren Firmenhalle von Xunlight basteln Ingenieure an der Produktionsstraße. Liwei Xu wacht darüber, dass die Vakuumanlage nicht fotografiert wird. Denn darin stecken all die Geheimnisse, die sie in 20-jähriger Forschung über Photovoltaik zusammengetragen hat. In den USA bleibt die Unternehmensgründerin nicht nur wegen der finanziellen Unterstützung. Liwei Xu lobt auch den gewerblichen Schutz und die strikten Patentregelungen in ihrer Wahlheimat:

"Ja sicher, China wächst rasant, aber für uns als Unternehmer zählt etwas anders: Anders als in China brauchst du in den USA keine Angst zu haben, dass dir jemand deine Idee klaut, an der so viele Jahre und so hart gearbeitet hast. Aber wenn ich ganz ehrlich bin: Als Unternehmer musst du neuerlich auch konkurrenzfähig sein. Wir sind selber dabei, eine kleine Fertigungsstätte in China aufzubauen, sonst können wir die Preise nicht niedrig halten, die Arbeitskräfte sind viel billiger dort."

Toledo, Ohio, ist das Beispiel eines Amerikas, dass die europäische Konkurrenz nicht fürchtet, aber Gefahr läuft, den Wettlauf um die Ökomillionen letztlich dann doch an die Asiaten zu verlieren. Laut einer Studie des unabhängigen Pew-Forschungszentrums in Washington hat China im vergangenen Jahr erstmals mehr Geld in saubere Energien gesteckt als die USA. Peking investierte 34,6 Milliarden Dollar, die Vereinigten Staaten 18,6 Milliarden Dollar. Die Volksrepublik ist der neuen Welt auch voraus, wenn es um nationale Vorgaben geht: Sie hat sich verpflichtet, bis 2020 mindestens 15 Prozent des Energiebedarfes aus erneuerbaren Quellen zu decken. Die von Präsident Barack Obama vorangebrachte Gesetzgebung zum Klimaschutz hängt dagegen weiter im Senat fest. Und sie hat, angesichts der im November anstehenden Kongresswahlen, erst einmal wenig Chancen, umgesetzt zu werden.

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