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Fazit / Archiv | Beitrag vom 31.08.2011

Großvaters Matratze ist 30 Jahre alt

Das Berliner Festival "Almanci" im Ballhaus Naunynstrasse

Von Hartmut Krug

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Nicht erst seit dem zum Theatertreffen eingeladenen Sensationserfolg "Verrücktes Blut" hat das Ballhaus Naunynstrasse für Aufsehen gesorgt. Seit 2008 wird unter Leitung von Shermin Langhoff im 99-Plätze-Theater in Kreuzberg aufregendes postmigrantisches Theater gemacht.

Das heißt, Schauspieler und Laien, viele von ihnen mit türkischem, kurdischem, serbischem, armenischem, deutschtürkischem oder deutschem Hintergrund, erzählen mit dem Binnenblick aus der Wirklichkeit von Migranten aus drei Generationen.

Zum 50. Jahrestag der Unterzeichnung des Anwerbeabkommens zwischen der Bundesrepublik und der Türkischen Republik am 30.10.1961 veranstaltet das Ballhaus Naunynstrasse nun ein zwei Monate dauerndes Festival, mit Film- und Literaturreihen, mit Performances und Theateraufführungen.

"Was will Niyazi in der Naunynstrasse" fragte 1973 der türkischstämmige Schriftsteller Aras Ören und erzählte in seinem Poem von der Fremdheit und Heimatssehnsucht türkischer Gastarbeiter in Kreuzberg. Mit einer Kurzversion von Alper Marals Vertonung dieses Textes begann das Festival.

Während bei Ören 1973 noch fast flehentlich um Einverständnis und Anerkennung gebeten wurde, so klingt in dem Theaterstück "Klassentreffen – Die 1. Generation", dessen Uraufführung folgte, eine Rentnerin trotz eines Lebens in Armut schon selbstbewusst, wenn eine junge Türkin, angeblich für eine staatliche Zensus-Umfrage, in Wirklichkeit aber für einen Immobilienhai zur alten Türkin kommt. Die Szene besitzt wie die gesamte Aufführung viel Witz und dekonstruiert spielerisch Klischees: Die junge Frau rappt ihre Sätze, und die alte Frau ist nicht allein, denn sie kommuniziert im Chatroom…

"Klassentreffen – Die 1. Generation" ist Abschluss einer von Lukas Langhoff inszenierten Trilogie im Rahmen des Ballhaus-Projektes "Akademie der Autodidakten". In dieser Akademie finden sich in Workshops unter Leitung bekannter Regisseure und Künstler migrantische Autodidakten, um ihren Zugang zur Kulturproduktion, vor allem zum Theater, zu finden. In "Klassentreffen – Die 2. Generation" standen sechs Experten des migrantischen Alltags auf der Bühne und erzählten von ihrer deutschtürkischen Lebenswirklichkeit als Musikproduzent, Abgeordneter, Taxiunternehmer oder Polizeikommissarin. Und in "Ferienlager – Die 3. Generation" spielten Jugendliche sich ganz authentisch durch ihren Alltag und ihre Träume.

"Pauschalreise", der dritte Teil, wird im Untertitel als "fiktiver Text für reale Menschen bezeichnet. Denn "Pauschalreise" ist kein dokumentarischer oder autobiografischer, sondern ein literarischer Text, den der Schriftsteller Hakan Savas Mican verfasst hat. Es sind witzige, doppelbödige, musikalisch und inszenatorisch scharf und pointiert gezeichnete Momentaufnahmen aus der emotionalen Wirklichkeit von Migranten. Da erzählen gleich drei Mütter wie ein Chor mit dem Sohn Mehmet davon, wie dieser, in die Türkei zurückgeschickt, während die Mutter in Berlin Geld verdient, daran psychisch zerbrach. Und ein Großvater, für den seine Enkelin ins Deutsche übersetzen muss, weil die ebenfalls türkischstämmige Ärztin im Beruf nur Deutsch spricht, klagt über seine Rückenschmerzen auf einer 30 Jahre alten Matratze, worauf die Ärztin wütend explodiert.

Die Jungen tragen Pfadfinderuniformen, die Alten sind ohne jede Sentimentalität, die Inszenierung vermeidet Pathos und Anklage, und die Darsteller sind von staunenswerter Ausdruckskraft. Auch wenn das Stück noch etwas unfertig wirkt, weil der Autor erst spät hinzu kam, nachdem das Schöpfen aus authentischen Erfahrungen diesmal nicht so recht funktionierte, ist eine in ihrer Sinnlichkeit und ihrem Spielwitz begeisternde Aufführung entstanden.

Informationen des Theaters Ballhaus Naunynstrasse

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