Seit 11:45 Uhr Rubrik: Klassik

Dienstag, 22.01.2019
 
Seit 11:45 Uhr Rubrik: Klassik

Profil / Archiv | Beitrag vom 25.08.2008

Großstadtträumer

Der Kölner Streetart Künstler Pierre Galic im Porträt

Von Daniela Mayer

Pierre Galic sammelt Träume, schöne, bizarre, apokalyptische. Bis Ende August noch beschallt er damit den öffentlichen Raum in Köln. Die Träume dringen in endloser Wiederholung aus Lautsprecherboxen, die der 31-jährige Streetart Künstler an zentralen Orten der Stadt platziert hat. Diese Soundkisten voller Träume sind sein Beitrag zu Kölns erste Off-Show für junge Kunst, der noch bis zum 31. August dauernden "artrmx cologne".

Vor wenigen Wochen hatte Pierre Galic ein albtraumhaftes Erlebnis.

" Ich hab mich tätowieren lassen. Von Basti meinem Kollegen, mit dem ich zusammen arbeite. Das Blöde ist, dass der überhaupt nicht tätowieren kann. Er hat dann sehr freestylemäßig gemalt auf meinem Rücken und es war überhaupt nicht das, was ich wollte. So fotorealistische Eulen und Hamster und so, was nicht mein Ding ist. Was aber noch nicht so schlimm war, weil ich auf einmal gemerkt hab, dass diese ganze Ornamentik aus dem Körper wächst. Und dann bin ich aufgewacht."

Pierre Galic erzählt seinen Traum entspannt zurückgelehnt in der Lounge eines Kölner Clubs. Ohne sichtbare Ornamente an seinem Körper. Ob der 31-jährige Streetart Künstler überhaupt Tattoos hat, bleibt sein Geheimnis. Zu seiner drahtigen Figur, den dunklen, kurz geschorenen Haaren, dem Fünf-Tage-Bart und der kleinen, verwegenen Narbe auf seiner Stirn, würden sie gut passen. Er trägt verwaschene Jeans, Turnschuhe und ein blaues Hemd, das voll weißer Farbe ist. Gerade noch hat er auf der Leiter vorne im Clubraum gestanden und eine seiner sogenannten Soundkisten aufgehängt: einen Lautsprecher, aus dem der akustisch verfremdete Traum eines unbekannten Menschen klingt.

"Es sind Erzählungen von Träumen, die ich gesammelt habe, von teilweise Freuden, teilweise Leuten die ich noch nie gesehen habe. Die habe ich auf verschiedenen Kanälen gesammelt, mit Anzeigen, Kleinanzeigen, und Zetteln, und die lass ich an drei Hauptlocations laufen. Ich installiere die draußen, die laufen Tag und Nacht, man soll die entdecken können und entscheiden, ob man die Muße hat zuzuhören oder nicht."

Gesammelte Träume, abgespielt aus Soundkisten an zentralen Kölner Plätzen. Diese Arbeit von Pierre Galic hat eine Jury für das gerade laufenden Kunstfesitival "artrmx cologne" für die Kategorie Streetart ausgewählt. Pierre Galic hat das überrascht.

"Weil ich dachte, die Arbeit ist viel zu unpopulär. Weil ich dachte, die wollen richtig Klischee Streetart. Und das ist meine Arbeit nicht."

Anders als Pierre Galics großflächige Wandbilder, für die er bekannt ist, ist seine erste akustische Streetart still und subtil. Konzipiert als Kontrapunkt zum täglichen Lärm der Großstadt. Selbst wer direkt vor einer Soundkiste steht, muss genau hin hören, sich auf das Erzählte konzentrieren. Bei Pierre Galic selbst ist das nicht anderes. Wer mit ihm redet, muss lauschen. Alles an ihm ist leise und zurückhaltend - seine Stimme, seine Bewegungen, seine Art, während des Interviews schnell und heimlich an seiner Zigarette zu ziehen. Er ist ein Einzelgänger, das gibt er zu, und als solcher der ideale Beobachter in einem Umfeld, das ihn seit Jahren fasziniert - dem öffentlichen Raum.

" Ich mag Plätze und ich mag beobachten, auch was mit Plätzen passiert. Für mich ist der öffentliche Raum das Spannendste und der spannendste Ort für Kunst. Es gibt viele schöne Möglichkeiten Leute zu überraschen."

Genau das macht Pierre Galic in Köln seit inzwischen gut zehn Jahren. Nach seinem Kunststudium in Maastricht hat er zusammen mit einem Freund debug visuals, eine Art Kunstlabel für Streetart gegründet. Unter dem Namen Morbit zeichnet Pierre Galic seither auf Papier, konzipiert multimediale Installationen und fertigt Grafiken. Vor allem aber sprüht er: kleine Grafittis in Galerien, riesige Wandbilder als Auftragsarbeit und käferartige Figuren, das Zeichen von debug-visuals, das in Hauseingängen und auf Wänden in ganz Köln zu finden ist. Ein Tag ohne Zeichnen, erzählt er, gibt es schon seit seiner Kindheit nicht mehr.

"Für mich ist das das Wichtigste, so. Das kann man wohl so sagen, Lebensinhalt."

Doch woher sein Talent und seine Begeisterung dafür kommen, weiß Pierre Galic nicht. Schon als Baby ist der gebürtige Kroate zu einer Pflegefamilie nach Köln gekommen.

"Das mit der Kunst, das war eigentlich nicht absehbar. Meine Pflegefamilie ist eher bodenständig kann man sagen, also mein Vater war bei der Post Beamter und meine Pflegemutter war beschäftigt mit den zehn Pflegekindern - und da war für so Muße oder so was, da war nicht dran zu denken."

Pierre Galic aber füllte trotzdem schon mit 15 Jahren unzählige Notizhefte mit kleinen Figuren und Grafiken. Mitte der neunziger Jahre entdeckte er dann den Reiz der großflächigen Wandbilder und Graffitis. Der Beginn von Pierre Galics heutiger Streetart-Karriere.

"Ich wollte mich nur noch damit beschäftigen, das war mir ziemlich schnell klar. Bevor ich das durfte, hab ich mich mit einer Apfelkorn Flasche und einer Packung Zigaretten auf die Fensterbank gesetzt und hab mich gefragt - weil meine Mutter wollte, dass ich Lehrer werde und in meiner Freizeit male - ob ich das machen will oder das. Und da hab ich mich entschieden: Ne, ich will schon das richtig durchziehen, weil alles andere Zeitverschwendung wäre. Und ich hab mir auch gesagt, ey Pierre, da musst du aber auch alles geben. Wie man weiß, ist das ja ein hartes Brot. Ist es auch."

Profil

Poetry-SlamSelbstzweifel in Reime verpackt
Poetry-Slammerin und Psychologie-Studentin Julia Engelmann während einer NDR-Fernsehsendung (dpa picture alliance/ Georg Wendt)

Poetry-Slammerin Julia Engelmann wurde mit einem einzigen Video im Internet schlagartig bekannt. Nun hat sie ein Buch herausgebracht und geht damit auf Tour. Den Rummel um ihre Person sieht sie gelassen. Mehr

Chor der Woche Leichtigkeit für die Deutschen
Blick auf das Münchner Rathaus, aufgenommen am 11.03.2003. (picture alliance / dpa / Jochen Eckel)

Es ist ein kleines Ensemble für Laien mit Anspruch - und eine feste Größe in der Münchner Musikszene: der Chor "Catchatune". Die Brasilianerin Lilian Zamorana versucht vor allem, Leichtigkeit zu vermitteln.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur