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Kompressor | Beitrag vom 30.01.2018

Große Kunst in großer NaturkundesammlungPräparierte Natur und die Musik dazu

Von Gerd Brendel

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Die Ichthyologische Sammlung des Naturkundemuseums in Berlin enthält 130.000 in Alkohol eingelegte Fische. (dpa / M. C. Hurek)
Die Ichthyologische Sammlung im Berliner Naturkundemuseum (dpa / M. C. Hurek)

Im Berliner Naturkunde-Museum ist voller Vitrinen. Darin harren ausgestopfte Vögel, Fische in Lösungen und andere Tierarten. Nun haben die Natur-Exponate Gesellschaft bekommen: Installationen, die Künstler im Rahmen der "Kunst/Natur-Ausstellung" geschaffen haben.

Gestern Nacht im Berliner Naturkundemuseum: Die Dinosaurierskelette recken majestätisch ihre langen Hälse bis unter unter die Glaskuppel. Aber was ist das? - Unter den Millionen alten Skeletten hat ein Forscher sein Campingzelt aufgeschlagen. Davor steht ein Klapptisch mit allerlei Gerät, ein Schmetterlingsnetz lehnt daneben.

Das improvisierte Forscher-Camp ist Teil einer Installation, die sich der amerikanische Künstler Mark Dion ausgedacht hat: "We are talking about making the scientist a specimen himself." - Der Forscher selbst wird zum Ausstellungsobjekt zusammen mit seinem Arbeitswerkzeug und das türmt sich gegenüber vom Zelt: Kisten, Schachteln, Körbe, in denen die Wissenschaftler ihre prähistorischen Funde abtransportierten. Im Mineralien-Saal nebenan steht in einer Vitrine eine Flasche Insektenschutzmittel neben einem Kompass. Ein Wissenschaftler hat seinen alten Reisepass gestiftet, ein anderer sein Notizbuch und da steht auch ein leibhaftiger Expeditionsreisender in Schutzkleidung mit Stiefel und Bienenschutzmaske.

"Die Wissenschaftler, die ich kenne, wollen immer nur über ihre zwei Wochen auf Expedition in der Antarktis erzählen und nicht über die fünf Jahre Nacharbeit im Labor. Der Moment des Entdeckens motiviert viele Wissenschaftler. Expeditionen haben für sie eine romantische Seite", sagt Dion. 

Die Musik, passend zur Nasssammlung

"Kunst/Natur" nennt die Museumsdirektion ihr Ausstellungsprogramm, aber das, was im Naturkunde-Museum in der Regel ausgestellt wird, ist "künstliche Natur", für alle Zeiten präpariert, ausgestopft oder in Formaldehyd eingelegt. Bis unter die Decke stehen die Gläser mit den Präparaten in der sogenannten "Nass-Sammlung" . Für diesen Saal hat Ulrike Haage nach einem Libretto des britischen Stückeschreibers Mark Ravenhill eine "Mini-Oper" mit dem seltenen "Vampir-Tintenfisch" als Helden komponiert.

In dem "Minimal Music"-Werk erwecken die Solisten den kleinen Tiefsee-Bewohner zum Leben und lassen ihn durch den Berliner Nachtleben-Ozean treiben. Stumme Dramen spielen im Naturkundemuseum an einem anderen Ort, im Diorama Saal.

Auch das Berliner Museum hat seine Schaukästen. Auf einem isländischen Felsen brütet eine ganze Möwenkolonie in ihrer natürlichen Umgebung bis weit zum gemalten Horizont, während sich vorne ein Falke über einen kleinen Seevogel hermacht.

Geschichten erzählen, die hinter den Exponaten stecken

Im Diorama daneben wird eine Gämse in Alpenlandschaft von einem Adler belauert. Hier hat Asssaf Gruber sein eigenes Drama inszeniert: Einen Videofilm in dem sich zwei nackte Frauen quasi in ihrem natürlichen Habitat, einem Wellness Bad, ihre Museums-Geschichten erzählen. "Im Film geht es um die Bedeutung von Museumsexponaten und die Frage, warum sie ausgestellt werden",  sagt Gruber. Ihm geht es - wie Dion - um die Geschichten hinter den Exponaten, und er vermischt dabei Fiktion und Realität. Hat die eine der Sauna-Besucherinnen wirklich ein zerstörtes Korallenriff in der Karibik entdeckt? Die Expedition zu DDR-Zeiten nach Kuba hat es auf jeden Fall gegeben. Das Filmmaterial in Grubers Video-Installation ist echt: "Wenn's bloß ums Tauchen ginge, wäre die Expedition ein großer Spaß, aber mit den Wissenschaftlern haben wir eine komplizierte Sache vor. Wir sollen ein Korallenriff abbauen", um es im Berliner Naturkundemuseum wieder aufzubauen, hört man Manfred Krug erzählen.

"Wir sind ja Beobachter, Sammler, und keine Jäger." - Ach wirklich? - "Verbildlichtes Herrschaftswissen" nennt Direktor Johannes Vogel seine Dioramen, präsentiert als Naturidylle.

Natur im Museum ist immer katalogisiert, vermessen, eingeordnet, nach Art und Gattung bestimmt, genauso wie früher sogenannte Naturvölker im Völkerkundemuseum. Heute nisten sich Künstler mit ihren Geschichten zwischen den Vitrinen ein und nehmen der Museumsnatur ihre Unschuld.

Wie sich ihre Artefakte mit den ausgestopften Nachbarn wohl des Nachts vertragen?

Streiten sie darüber, wer die besseren Geschichten erzählt?

Oder feiern die zum Leben erwachten Exponate wie in dem Hollywood Film "Nachts im Museum" am Ende eine große Party, weil so etwas wie "Natur" genauso so eine menschliche Erfindung ist wie "Kunst"?

Programmtipp
Jedem Vogel seine Geschichte. Eine Verbindung zwischen Kunst und Natur - Hören Sie am 8. April 2018 ab 18.30 Uhr "echo echo / wo soll ich fliegen", ein Hörstück von Gaby Hartel nach der gleichnamigen Sound-Performance von A K Dolven. Ende August 2015 erklang im historischen Vogelsaal des Berliner Museums für Naturkunde zwischen Hunderten von Exponaten aus dreihundert Jahren Sammlungsgeschichte ein mehrstimmiges SoundPoem.
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