Große Auftritte

Von Grit Lieder · 08.11.2013
Die drei Rosenstücke nach Gedichten von Nikolaus Lenau präsentieren die Sängerinnen des Berliner Mädchenchores und des Mädchenchores der Sing-Akademie derzeit im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie. Im nächsten Jahr singen sie dann beim Deutschen Chorwettbewerb in Weimar.
"Teilweise seh´ ich Menschen, die sitzen vorne auf der Stuhlkante, teilweise seh´ ich Menschen, die liegen noch in Monaco auf dem Liegestuhl. So! Wir sind jetzt hier - in Berlin-Wilmersdorf!"

Wenn Sabine Wüsthoff probt, herrscht Disziplin. Dann setzten sich 50 Mädchen auf die vordere Stuhlkante und bringen die Notenblätter in Position. Zwei Mal pro Woche probt der Berliner Mädchenchor in der Lindenkirche. Zum Kichern und Tuscheln bleibt den 14- bis 22-Jährigen heute keine Zeit - drei neue Stücke stehen auf dem Probenplan.

"Ein Takt vor, ja?!"

Vor dem Chor sitzen heute Geigen, Bratschen, Celli und ein Kontrabass. Und auch die Sängerinnen haben Verstärkung bekommen. Der Mädchenchor der Sing-Akademie zu Berlin probt mit. Deren Chorleiterin Friederike Stahmer sitzt heute ausnahmsweise mit im Chor. Chorleiter und Sängerinnen arbeiten dieses Jahr an einem gemeinsamen Projekt: einer Uraufführung. Sabine Wüsthoff hat drei Stücke nach romantischen Gedichten komponiert, dabei die Mädchenstimmen mit Streichern kombiniert. Das ist neu für die jungen Sängerinnen. Doch ein Jahr ohne Großprojekt - das hat es in ihrem Chor möglicherweise noch nie gegeben.

Nelly: "Also langweilig wird es schon mal nie. Erst mal ist es ja was anderes, was man macht jedes Jahr, also so was wie jetzt zum Beispiel haben wir noch nie gemacht, dass tatsächlich Sabine noch drei Stücke schreibt und wir machen die - ab und zu vielleicht so ´ne Kleinigkeit von ihr. Es wird eigentlich eher interessanter mit der Zeit."

Nelly ist 17 Jahre alt, singt im Alt und hat vor sechs Jahren im Nachwuchs-Chor angefangen. Mittlerweile gehört sie zu den Großen im Konzertchor. Hier singt Friederike erst seit einem Jahr im ersten Sopran:

"Ne, ich kam erst nach Japan."

Im vergangenen Jahr hat sich eine neue Zeitrechnung im Chor etabliert: vor Japan und nach Japan. Diese Konzertreise hat die Sängerinnen sehr beeindruckt. Zehn Tage haben sie im südlichen Japan täglich ein Konzert gegeben. Höhepunkt der Reise war für Viele der Besuch bei den Gasteltern. Fast zwei Jahre haben die Mädchen hart dafür geprobt. Am Ende musste die Reise wegen der Nuklearkatastrophe in Fukushima um ein Jahr verschoben werden. Abiturientin und Sopranistin Rosalie erinnert sich:

"Um es auszugleichen, haben wir ´ne CD-Aufnahme gemacht. Ich glaub, das war in dem Jahr, in dem wir an ´nem Wettbewerb auch noch teilgenommen haben ... ja ... ham wir gewonnen, übrigens."

Chorleiterin: "Jedes Blättern der Seiten ist zu hören- das stört ungeheuerlich in diesem Stück!"

Friederike: "Sie ist streng, aber trotzdem nett. Also ohne die Disziplin, die sie hier hat, würde das hier nicht funktionieren."

Nach ihrer ersten Probe hatte Friederike Ohrenschmerzen, so neu und fordernd war der Konzertchor. Heute ist sie süchtig:

Friederike:"Donnerstags, hab´ ich bis vier Schule, und dann hab ich um fünf Chorprobe. Wenn ich hier bin, habe ich keine Hausaufgaben gemacht, ich hab nichts gemacht, ich kann einfach alles vergessen, so, weil´s Spaß macht."

Wüsthoff: "Ich verlange denen ja ständig Hochkonzentration ab, was die auch überwiegend liefern. Also das find ich wirklich erstaunlich. Da sieht man auch, zu was für Leistungen diese Mädchen imstande sind. Und ob wie die nicht einfach hin und wieder unterfordern, wenn die so was schaffen."

Sabine Wüsthoff liebt ihren Chor, 1986 hat sie ihn gegründet. Damals war er der erste Mädchenchor in West-Berlin und einer der wenigen in Deutschland. Denn professionelle Mädchenchöre haben sich in hier erst in den 1950er Jahren entwickelt. Motiviert wurde die Musikerin und Komponistin durch ihre Töchter:

"Und als die klein waren, haben mein damaliger Mann und ich überlegt: Warum soll es nicht für diese Kinder so etwas geben, wie wenn wir Söhne hätten, einen Knabenchor. Und also hat die Familie einen Mädchenchor gegründet. Also so ganz so familiär wie es jetzt klingt ist es nicht, weil der Chor ja auch an einer Kirchengemeinde angesiedelt ist und dort jetzt gewachsen ist."

Mit jedem Jahr wächst auch der künstlerische Anspruch, den Sabine Wüsthoff an ihre Mädchen stellt - in diesem Jahr mit der Eigenkomposition "Drei Rosenstücke" nach Gedichten von Nikolaus Lenau. Das erste Rosenstück klingt harmonisch, romantisch und manchmal ein wenig nach Harry-Potter, finden die Mädchen.

Webseite des Berliner Mädchenchors

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