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Studio 9 | Beitrag vom 11.05.2015

Groningen in Not Erde bebt wegen Erdgasfeld

Von Michael Arntz

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Ein Demonstrant gegen die Erdgasförderung in Loppersum hält ein Schild hoch mit der Aufschrift "Take, took, taken our gas" (picture alliance / EPA / Catrinus van der Veen)
Ein Demonstrant gegen die Erdgasförderung in Loppersum hält ein Schild hoch mit der Aufschrift "Take, took, taken our gas" (picture alliance / EPA / Catrinus van der Veen)

Die Erdbeben werden stärker, je mehr Gas gefördert wird: Im holländischen Groningen leben die Menschen auf einem aktiven Erdgasfeld und fürchten noch stärkere Beben. Die Häuser haben schon Risse, Bewohner leiden unter Schlaflosigkeit und Stress - Bürgerinitiativen haben nun geklagt.

Loppersum, Mitte April. Es ist Mittag. Der kleine Ort liegt dreißig Kilometer hinter Groningen. Gemütliche Häuser aus roten Backsteinen säumen die Einkaufstraße. Die alte Kirche wirft lange Schatten über verwitterte Grabsteine. Ein Ort zum Träumen und Entspannen. Doch die Ruhe täuscht. In Loppersum liegen die Nerven blank. Nirgendwo sonst in Holland bebt die Erde so häufig und so stark wie hier.

Dick Kleijer: "Ik ben Dick Kleijer. Ik ben secretaris van de Groninger Bodem Beweging"

Dick Kleijer ist Sekretär der Groninger Bodem Beweging. Eine Bürgerinitiative, die sich stark macht für die von Erdbeben geschädigten Bürger. Seit einem Jahr macht er jetzt diesen Job. Seitdem ist er seine Unschuld los, sagt er.

Kleijer ist 67 Jahre. War Manager im Pflegebereich. Jetzt sollte er seine Rente genießen.

"Von wegen. Ich hätte nie damit anfangen sollen."

Dick Kleijer holt aus. Er war stolz auf sein Haus. Hey, dachte er, ich habe keine Schäden am Haus. Bis er vor ein paar Wochen auf den Dachboden musste. Da waren sie dann. Feine Risse im Mauerwerk. Er will gar nicht weiter darüber nachdenken.

Seiner Frau will er davon nichts erzählen. Die Erdbeben könnten stärker werden; das sagen jüngste Studien.

Vielleicht, sagt Dick Kleijer, sollten wir immer im Gartenhäuschen schlafen.

"Das ist aus Holz. Das schwingt mit bei einem Beben. Da schläft man am sichersten."

Der Ärger der Bürger und die Mechanismen der Macht

Dick Kleijer wirkt erschöpft. Obwohl er ein durchtrainierter, drahtiger Typ ist. Kräftige Hände, grauer Dreitagebaart. Er sei zynisch geworden, gesteht er. Sogar irgendwie radikal. Durch seine Arbeit in der Bürgerinitiative hat er zu viel erfahren. Über den Ärger der Bürger. Über die Mechanismen der Macht. Ein Kampf gegen Windmühlen.

Wir stehen hier auf einem riesigen Gasfeld, erklärt er. Noch stecken rund 800 Milliarden Kubikmeter Gas im Boden. In einer Tiefe von drei Kilometern. Diese Gasförderung verursacht Erdbeben, sagt Kleijer, da seien sich inzwischen alle einig. Wenn die Erde bebt, gibt es zuerst einen lauten Knall. Danach können Fensterscheiben zittern, Bücher umfallen. Alles geht sehr schnell.

In Loppersum wird gearbeitet. Wir gehen durchs Dorf. Ein Handwerker balanciert auf einem Dach und legt neue Dachziegel. Irgendwo im Hintergrund brummt ein Kompressor.

"Man hat uns immer versichert, daß die Erdbeben nicht stärker als 3,0 auf der Richterskala sein würden. Bis es plötzlich, im August 2012, ein Beben der Stärke 3,6 gegeben hat. Und man erwartet sogar Beben von 4,5 bis 5,0. Das ist extrem. Denn die Erdbebenskala ist logarithmisch. Ein Anstieg von drei auf vier heißt: das Beben wird zehn Mal heftiger ausfallen."

Wir stehen vor dem Supermarkt. Es ist kurz vor zwei. Dick Kleijer wird nervös. Er sucht sein Tablet. Um zwei, sagt er, wird der Raad van State ein wichtiges Urteil sprechen.

Es gibt immer wieder Risse im Mauerwerk

Der Raad van State ist ein hohes Verfassungsorgan der Niederlande. Und einige Bürger haben geklagt gegen die Gasförderung in Loppersum.

Kurz nach zwei klingelt Kleijers Handy.

Der Raad van State hat ein Urteil gesprochen ...

Dick Kleijer: "... had ik me toch moeten scheren!"

Hätte ich mich doch besser rasiert! Dick Kleijer lacht. Jetzt kommt das Fernsehen.

Die gute Nachricht: In und um Loppersum darf vorläufig kein Gas mehr gefördert werden. Die schlechte Nachricht: An anderen Orten auf dem 900 Quadratkilometer großen Gasfeld darf weiter gefördert werden. Ein Erfolg mit bitterem Beigeschmack.

Bis die Leute vom Fernsehen kommen, ist noch etwas Zeit. Dick Kleijer zeigt die Schäden an den Häusern.

Dick Kleijer: "En als u dit huis hier ziet, dan ziet u een van de problemen die wij in dit gebied hebben ..."

Es gibt immer wieder Risse im Mauerwerk. Sie wirken oberflächlich, gehen aber in die Tiefe. Die Kosten für die Reparaturen werden – im Idealfall - von der NAM übernommen, der Niederländischen Erdölgesellschaft. Für viele Bürger ist die NAM ein rotes Tuch.

Wenn Dick Kleijer über die NAM spricht, wird er zornig. Erst hieß es, es gibt keine Erdbeben durch die Gasförderung. Jetzt sagen sie, die Erdbeben sind nicht so schlimm. Dick Kleijer meint: Die NAM hat die Sicherheit in dieser Region jahrelang ignoriert. Jetzt gibt es einen dicken Bericht vom Nationalen Sicherheitsrat. Und darin steht schwarz auf weiß: Alle Institutionen haben die Gefahren in der Region um Groningen ignoriert. – Die Geschichte fängt also gerade erst an.

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