Seit 17:05 Uhr Studio 9

Dienstag, 15.10.2019
 
Seit 17:05 Uhr Studio 9

Länderreport | Beitrag vom 04.07.2019

Größter Brand in der Geschichte von MVEs brennt und knallt noch immer

Von Silke Hasselmann

Beitrag hören Podcast abonnieren
Brandwolken über dem Wald über Lübtheen. (picture alliance / dpa / Philipp Schulze)
Die Einsatzkräfte versuchen, den gesamten Brand abzuriegeln, damit sich das Feuer totläuft. (picture alliance / dpa / Philipp Schulze)

Etwa 670 Hektar der Lübtheener Heide stehen in Flammen. In seiner größten Ausdehnung war das Feuer sogar fast doppelt so groß. Einsatzleiter Stefan Sternberg warnt: Von einer generellen Entspannung könne keine Rede sein.

Sonntag, 30. Juni. Brütende Backofenhitze über Mecklenburg, auch über der Lübtheener Heide. Dort hatten Feuerwehr und Landkreis erst eineinhalb Tage zuvor den Brand in einem 6,5 ha großen Waldabschnitt im einstigen Truppenübungsplatz Lübtheen für gelöscht erklärt. Nun: Schon wieder Feueralarm. Stefan Sternberg, ein junger schmaler Brillenträger, wird nach Lübtheen gerufen. Der Landrat eilt herbei und wird Zeuge einer Brandeskalation, die auch die Feuerwehrprofis so noch nicht erlebt haben.

"Ich will diese halbe Stunde, die ich von mir zu Hause hierher gebraucht habe, mal so beschreiben: Man hat mich angerufen: Ich möchte kurz kommen; es glimmt wieder auf. Als ich kam, war die Fläche bereits größer als die Fläche, die wir die Woche zuvor gelöscht hatten. Eineinhalb Stunden: 500 Einsatzkräfte, 22 Wehren. Drei Stunden: Katastrophenalarm, Hochfahren, Einrichtung des Technischen Stabs. Das zu den Dimensionen. Es war der heißeste Tag, den wir bisher hatten. Wir hatten 38 bis 40 Grad. Wir hatten Wind dazu. Das war ein wahnsinniger Trieb. Es war genug Material zum Brennen da."

Haus und Hof innnerhalb von zehn Minuten verlassen

Tag zwei – Montagmorgen. Auf 470 Hektar Kiefernwald hat sich der Bodenbrand ausgedehnt, genährt durch den trockenen, teils 50 Zentimeter dicken Nadelteppich. Derweil steht mitten in dem Dorf Tewswoos ein Wohnmobil; daneben, völlig übernächtigt, ein älteres Ehepaar aus dem wenige Kilometer entfernten Alt Jabel. Wie alle Dorfbewohner mussten auch sie mitten in der Nacht Haus und Hof innerhalb von zehn Minuten verlassen.

"Ich wohne über 60 Jahre in dem Haus. Es ist nicht der erste Brand, den ich erlebe. Aber so schlimm wie diesmal war es noch nicht. Wer da nicht selber wohnt und die Flammen sieht, kann das überhaupt nicht nachfühlen, wie das ist," berichtet ein Mann. Es habe auch ein paar Explosionen gegeben.

"Ja, etliche Male hat es geknallt", bestätigt eine Frau. "Aber irgendwo war man auch schon drauf vorbereitet, weil bei uns direkt der Einsatzort ist. Die Löschpanzer vorm Haus. Die Feuerwehrtanks laufen. Also man wusste, dass irgendetwas kommt. Wenn der Wind sich dreht, ist alles zu spät."

Der Wind pfeift weiter unberechenbar über das ausgetrocknete Land und sorgt so dafür, dass sich dieses Feuer zum größten Brand in der Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns auswächst. Die 25 Kilometer entfernte Kreisstadt Ludwigslust ist in Rauchnebel gehüllt. Der Brandgeruch zieht sogar durch Berlin bis nach Dresden.

Ein Polizist wendet sich an ein Ehepaar im Auto. "Also: Sie fahren jetzt vor nach Trebs, richtig?" Das Ehepaar bejaht die Frage.

Am Abend eine lange Autoschlange an der Straßensperre Richtung Trebs, das ebenfalls evakuiert wurde. Wer Tiere zurücklassen musste, darf für eine halbe Stunde zum Füttern zurück. In Polizeibegleitung.

"Sie fahren vor. Kollege kommt hinterher. Einer steigt aus und geht ins Haus. Sie machen alles so schnell wie möglich, und dann geht´s zurück.", sagt der Polizist. 

Ein Feuerwehrmann steht mit gerunzelter Stirn vor seinem Einsatzfahrzeug (Silke Hasselmann/Deutschlandradio)Freiwillige Feuerwehr statt Arbeit in der Firma: In der Notsituation zeigen viele Arbeitgeber Verständnis für den Einsatz ihrer Mitarbeiter. (Silke Hasselmann/Deutschlandradio)

Dienstag, 2. Juli morgens, der dritte Brandtag beginnt.

"Achtung, Achtung! Hier spricht die Polizei."

Ein Polizeiauto schiebt sich im Schritttempo durch Volzrade. Auch dies eine Ortschaft am Rande des ehemaligen Truppenübungsplatzes und dem Feuer bedrohlich nahe.

"Wir bitten Sie, sich für eine Evakuierung bereitzuhalten."

Ab Dienstagmittag ist auch dieses vierte Dorf verwaist. Die Polizei passt auf, dass keine Unbefugten eindringen. Bis zum Abend sind 1.200 Hektar vom Feuer erfasst. Das entspricht drei mal vier Kilometern. Von Löschen kann immer noch keine Rede sein, denn sogar Feuerwehrleute müssen einen Mindestabstand von 1000 Metern zum munitionsverseuchten Brandgelände einhalten. Doch Brigadegeneral Gerd Kropf, der Chef des Bundeswehr Landeskommandos Mecklenburg-Vorpommern, gibt sich vorsichtig optimistisch.

"Der Landrat hat gestern die Devise ausgegeben: "Von der Verteidigung zum Angriff". Wir haben dieses jetzt begonnen. Wir haben erhebliche Fortschritte gemacht."

Mehrere Kilometer Schneise geräumt
Sechs Räumpanzer suchen mithilfe alter Forstamtskarten und geländekundiger Soldaten jene munitionsfreien Waldwege, die noch bis 2013 befahren wurden, seitdem aber zugwuchert sind.

"Unsere Pioniere haben mehrere Kilometer Schneisen geräumt und Wege fertiggemacht, damit die Einsatzkräfte der Feuerwehr dort reinkommen können. Wir werden auch in der Nacht weiterarbeiten, so dass wir für die Einsatzkräfte der Feuerwehr die Bewegungsfreiheit so sicherstellen, dass wir hoffentlich das erreichen, was ihr Ziel war. Nämlich jetzt an den Brand ranzukommen und ein Ausdehnung zu verhindern."

Allein an diesem Tag bringen 10 Polizeiwasserwerfer insgesamt eine Million Liter Wasser auf den Boden zwischen Dörfern und Brandgebiet, um ein Übergreifen zu verhindern. Am Himmel: pausenlos an- und abschwellender Rotorlärm. Sechs Löschhubschrauber schleppen unentwegt mit Wasser gefüllte Kanister über das Brandgebiet und lassen es in 50 bis 100 Metern über den Kiefern ab. Die Ziel: die Baumkronen so befeuchten, dass umherfliegende Funken kein Unheil anrichten können, erklärt Stefan Sass. Er sichert eine Wasserentnahmestelle an einem angestauten Fluss. Wäre der Mann von der Freiwilligen Feuerwehr in Göhlen an diesem Nachmittag nicht zum Einsatz nach Lübtheen gerufen worden, dann wäre er:

"Auf Arbeit. Ja."

Auf die Frage, wo er denn arbeite, antwortet Stefan Sass:

"Bei der Firma Rattunde. Wir bauen Sägen hauptsächlich für die Autoindustrie. Sind da auch Weltmarktführer und naja, dann hieß es, wir sollten zwei Kameraden mit dem MTW ablösen."

Der Arbeitgeber zeige Verständnis: "Ja, ist alles geklärt soweit. Der Herr Rattunde ist vor kurzem nach Göhlen gezogen und da auch sehr aktiv in der Feuerwehr. Von daher gibt es da eigentlich keinen Stress. Also man kriegt dann diese Einsatzzettel, dass die Firma Bescheid weiß und es eine offiziellen Weg geht und die Firma dann auch die Möglichkeit hat, den Lohnausfall wiederzuholen."

Mittwoch, 3. Juli, Brandtag Nummer vier. Landrat Stefan Sternberg beginnt die morgendliche Pressekonferenz mit einer ungewohnten Auskunft.

Die Schlinge zeigt Wirkung

"Wir haben das Feuer das erste Mal seit heute Morgen im Griff. Das heißt, wir haben das Feuer eingekesselt. Die Schlinge, die wir gestern Morgen geplant haben, zeigt Wirkung."

Das Bodenfeuer sei nur noch auf 700 ha aktiv. Die restlichen 500 ha sind über Nacht schlichtweg abgebrannt und bieten dem Feuer nun keine Nahrung mehr. So lautet denn auch die Taktik der Einsatzleitung: Das gesamte Feuer soll abgeriegelt werden und sich einfach totlaufen. Forstleute, Bundeswehrsoldaten und THW-Kameraden hätten das Brandgebiet jedenfalls mit Anti-Feuer-Schneisen umzingelt, sagt General Gerd Kropf, der Chef des Landeskommandos Mecklenburg-Vorpommern.

Ein Panzer steht auf der Straße in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern (Silke Hasselmann/Deutschlandradio)Luke zu: Die Panzerfahrer schließen die Luke, wenn sie zum ersten Mal eine Schneise fahren. Noch scheint die Luft jedoch rein zu sein. (Silke Hasselmann/Deutschlandradio)

"Wir haben - und das sehen Sie hier an den schwarzen Linien - bisher 25 Kilometer Wirkung erzielt zur Zufriedenheit der Einsatzleitung. Wir werden bis heute in den späten Abend weitere 15 Kilometer Wirkung erzielen."

In einem Waldstück bei Volzrade knapp 2 Kilometer vom Feuer entfernt: ein Panzer des Typs "DACHS". Das Kettenfahrzeug mit dem frontalen Schiebeschild bereitet eine frisch geschobene Schneise nach und räumt dabei einige dünne Kiefern aus dem Weg. Hauptmann Stefan Gäde vom Pionierpanzerbataillon 803 "Havelberg" aus Sachsen-Anhalt erzählt:

"Wir sind hier seit gestern Mittag und mit 60 Mann vor Ort und dem Auftrag, an diesem Platz Schneisen zu schieben, was uns sehr erfolgreich gelingt. Wir haben vier Panzer "DACHS" vor Ort und zwei Bergepanzer "BÜFFEL", mit denen wir unseren Auftrag eigentlich gut erfüllen können."

Absolutes Betretensverbot

Auch in diesem Gebiet stehen viele Schilder mit der roten Aufschrift unter dem gelben Zeichen für Explosionen: "Lebensgefahr! Absolutes Betretensverbot!"

"Deswegen arbeiten die Soldaten unter Luke. Das heißt, sie gucken oben aus dem Panzer nicht raus."

Aus diesem "DACHS" schauen die beiden Panzerfahrer allerdings oben heraus. Kein Grund zur Sorge, winkt Hauptmann Gäde ab.

"Es ist die bearbeitete Schneise schon hier, die einfach nur zum dritten Mal abgefahren wird. Wir fahren die Schneisen immer dreimal ab, um ´ne entsprechende Tiefe und Breite sicherstellen zu können. Deswegen können die `ober Luke` fahren, und deswegen sehen wir die jetzt."

"Beim ersten Mal ging es glatt. Auf diesem Bereich der Schneise kann keine Munition mehr liegen", frage ich nach.

"Genau. Der Panzer wiegt 43 Tonnen. Unter den Ketten würde irgendwas auslösen, wenn dort Munitionsteile liegen würden, die etwas kleiner sind."

Nach der dritten Fahrt ist diese Schneise rund 5 Meter breit.

"Das ist das Minimum, was wir schieben müssen, um das Feuer wenigstens am Boden aufzuhalten. Deswegen ist die Räumtiefe bzw. die Schneisen-Tiefe in der Regel immer zwischen 10 und 20 Zentimeter. Wenn natürlich die Windverhältnisse ungünstig sind, besteht die Gefahr, dass das Feuer über die Baumkronen übergreift. Die Gefahr ist immer gegeben."

Ab Mittwochmittag dürfen die meisten der vorsorglich evakuierten 650 Anwohner in ihre Häuser zurückkehren.

Schwesig fordert Räumung in den nächsten Jahren

Nur die Menschen aus Alt Jabel müssen mindestens noch eine Nacht bei Verwandten, Bekannten oder in einer Notunterkunft ausharren. Daran kann auch Ministerpräsidentin Manuela Schwesig nichts ändern. Doch nach einer Lagebesichtigung formuliert die SPD-Politikerin im NDR eine klare Forderung Richtung SPD-geführtes Bundesfinanzministerium, dem die Fläche des verlassenen Truppenübungsplatzes Lübtheen gehört.

"Ich möchte ganz klar, dass in den nächsten Jahren dieses Gebiet hier geräumt wird von der Munition. Es ist überhaupt nicht mehr vermittelbar, weder für die Anwohner noch für die Einsatzkräfte, dass sie jedes Mal den Kopf hinhalten müssen, wenn hier ein Brand entsteht und wir ja die großen Schwierigkeiten wegen der Munition hier haben. Und da ist der Bund jetzt in der Pflicht. Es ist seine Fläche. Er muss sie jetzt räumen."

Donnerstag, 4. Juli, der fünfte Brandtag in der Lübtheener Heide.

Mittlerweile wechseln sich 4000 Einsatzkräfte schichtweise ab. Sie stammen aus ganz Norddeutschland, aus Sachsen-Anhalt, Berlin, Brandenburg und ersetzen die Männer und Frauen der ersten Tage.

Wer über das nahegelegene Dorf Pritzier an- oder abreist – und das tun die meisten – wird neuerdings am Straßenzaun vor der roten Backsteinkirche eine Art Spruchband aus zehn einzelnen Pappen entdecken. Auf jeder ein Wort. Frisch geschrieben und angebracht von Christian Schneider.

"Gottes Segen mit euch"

"Ich bin der Pastor hier in der Gemeinde Pritzier und den umliegenden Dörfern und hab´ gedacht, irgendwie muss man den Leuten, die dort ehrenamtlich sich einsetzen und helfen, dass der Brand bekämpft wird, einfach mal danke sagen. Und da persönlich dort nicht hin kann und auch nicht möchte, um nicht zu stören, habe ich gedacht, ich habe hier einen Zaun. Und ich hab hier die Möglichkeit, das in Worte zu fassen: Danke allen Helfern beim Brand. Gottes Segen mit euch. Danke!"

Ein Mann steht hinter einem Zaun. An dem Zaun hängen Plakate, die sich bei den Helfern bedanken (Silke Hasselmann/ Deutschlandradio)Pastor Christian Schneider stellte seinen Friedhofsmitarbeiter frei, der bei der Feuerwehr im Einsatz ist. (Silke Hasselmann/ Deutschlandradio)

Der 39-Jährige sagt, hier in Pritzier bemerke man nicht nur an dem erheblichen stärken Dauerlärm durch die vielen Einsatzwagen, Truppentransporte, Wasserwerfer, dass es mal wieder in der Lübtheener Heide brennt.

"In diesem Jahr sind wir als Kirchengemeinde sogar direkt betroffen, weil wir eigentlich in Alt Jabel Kinderfreizeit hätten. Unsere Gemeindepädagogin musste das jetzt absagen, weil die da ja nicht hinkonnten. Sonntag wurde das evakuiert und seit Montag wäre die Kinderfreizeit gewesen."

Auf die Frage, wie viele Kinder sonst dorthin gefahren wären, antwortet Schneider:

"Insgesamt mit einer anderen Gemeinde zusammen wären es ungefähr 36 Kinder gewesen. Was ich sonst mitbekomme, ist natürlich, dass unsere Feuerwehr auch dauerhaft im Einsatz ist. Mein Mitarbeiter ist auch bei der Feuerwehr, mein Friedhofsmitarbeiter. Und der wird eben freigestellt, wenn es sein muss."

Länderreport

Klimawandel und BildungSchlau gestreikt
Schüler auf dem Rathausmarkt in Hamburg malen Plakate mit der Aufschrift "Make Earth Cool Again." (Picture Alliance / dpa / Markus Scholz)

Auch wenn sie freitags in der Schule fehlen: Den meisten Aktivisten von "Fridays for Future" ist Bildung wichtig. Tatsächlich begreifen viele die Bewegung selbst auch als Lernort. Bildet der Kampf gegen den Klimawandel die Schüler weiter?Mehr

Aussteigerhilfe für NeonazisDroht "Exit" das Aus?
Füße einer Menschenkette bei einem Protest gegen Neonzais. Vor den Füßen steht auf der Straße "Bunt statt Braun" (dpa-Zentralbild / Jan Woitas )

Falk Isernhagen war Neonazi. Die Organisation "Exit" hat ihm beim Ausstieg aus der Szene geholfen – so wie vielen anderen Rechtsextremen auch. Doch das Aussteigerprogramm ist gefährdet: Womöglich streicht das Familienministerium die Fördergelder.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur