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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.04.2007

Grimms Märchen als Krimi-Comedy

Henning Ahrens: "Tiertage", S. Fischer, Frankfurt/M., 2007, 286 Seiten

Der kluge Reiher zitiert gelegentlich Adorno und weiß um die neuesten SS-Debatten.  (Deutschlandradio / Andreas Diel)
Der kluge Reiher zitiert gelegentlich Adorno und weiß um die neuesten SS-Debatten. (Deutschlandradio / Andreas Diel)

Mit seinen Figuren und ihren allzu menschlichen Nöten hat der Roman etwas von einer trashigen Vorabendserie. Der Plot wird vorsätzlich ins Alberne gezogen durch die Kriminalhandlung, die unter Tieren spielt. Denn zum Ensemble gehören auch Mr. Allyours, der unglücklich verliebte Hase, und Fledgling McFeather, der räsonierende Reiher.

Den Titel seines dritten Romans hat Henning Ahrens bei keinem Geringeren als Gottfried Benn entlehnt. "Drohung" heißt eines von Benns frühen expressionistischen Gedichten: "Aber wisse: / Ich lebe Tiertage. Ich bin eine Wasserstunde. / Des Abends schläfert mein Lid wie Wald und Himmel. / Meine Liebe weiß nur wenig Worte: / Es ist so schön an deinem Blut." Um menschliche Tiertage geht es auch Ahrens. Die Liebe, von Benn rein physiologisch begriffen, lässt die Figuren des Romans auf allen Vieren kriechen. Ob ausagierter Trieb oder die Qual ungestillten Verlangens – die höheren Seelenkräfte der Liebe bleiben auf der Strecke.

Geschildert wird ein Reigen von Figuren, die es ins niedersächsische Dorf Sarsum verschlagen hat oder die dort nie weggekommen sind. Aber warum auch? Es gibt ja zum Beispiel einen schönen Baggersee, in dem es sich gut schwimmt an schwülen Sommertagen. Er ist einer der zentralen Handlungsorte des Romans, ebenso die Dorfkneipe, die nur noch an drei Tagen in der Woche geöffnet hat. Es wird viel gesoffen, geklagt und geschimpft in diesem Buch.

Zum Beispiel vom Englischlehrer Viktor Hoppe, den seine womöglich schwangere Freundin Ramona verlassen hat. Oder von jenem Bauernsohn, der alle Landwirtschaft hasst und den elterlichen Betrieb verhökert hat, um sich als unappetitlicher Junggeselle dem Alkohol und den Sexclubs auf den Dörfern zu widmen. Madsack heißt der Mann, der von den anderen Bewohnern des Dorfes nie zurückgegrüßt wird, und mit diesem schönen Namen ist eigentlich alles gesagt.

Oder von der hyperdynamischen, aggressiv frustrierten Managementberaterin Asta Frey, die selbst Rat dringend nötig hätte. Sie hat sich von ihrem Mann getrennt und ihm die Kinder überlassen, weil sie mit ihrem Leben on the road nicht zu vereinbaren waren. Dann packt sie aber doch das Familiengefühl – und sie beschließt, ihre Töchter zu entführen. Oder vom Maler Rudolf Wolters, der seine Ehe mit Emmi riskiert, die doch in den letzten 30 Jahren zu beiderseitiger gemächlicher Zufriedenheit verlaufen ist.

Denn da gibt es eine neue Nachbarin, Miranda Schmid, eine kapitale Frau, die gleich mehreren Männern den Verstand ausknipst. Auch der verlassene Englischlehrer möchte es gern schön haben an ihrem Blut. Nur: Vor die Resignation hat der Schöpfer das unerfüllte Begehren gesetzt. "Alles, was die Menschen wähnen, grübeln und denken, ist völlig eitel" – so lautet ein nicht ganz neuer Befund von Hans Jürgen von der Wense, der dem Buch als Motto vorangestellt ist. Entsprechend kommt "Tiertage" wie ein Stück Programmmusik daher: ein Rondo der Vergeblichkeit, komponiert aus vielen Einzelszenen, die geschickt miteinander verfugt sind.

Mit ihren menschlich-allzumenschlichen Nöten kommen einem die Figuren so nahe, wie es bei solchen Chargen eben möglich ist. Das Ganze hat etwas von einer trashigen Vorabendserie. Der Plot wird vorsätzlich ins Unseriöse, artifiziell Alberne gezogen durch die Kriminalhandlung, die unter Tieren spielt. Denn zu den Hauptfiguren gehören auch Mr. Allyours, der unglücklich verliebte Hase, und Fledgling McFeather, der räsonierende Reiher. Als Holmes und Watson schicken sie sich an, die Verbrechen des "Wilden Mannes" aufzuklären – eines Tier-Serienmörders, dessen Taten Sarsum erschüttern. Der kluge Reiher studiert beim Überfliegen Werbeplakate, er zitiert gelegentlich Adorno und weiß um die neuesten SS-Debatten. Er kann sogar schreiben (wenn es auch mit der Orthographie hapert) und lässt der Polizei eine Mitteilung zukommen. Grimms Märchen als Krimi-Comedy.

Der Humor von Henning Ahrens kennt die subtilen und die eher plumpen Töne. Sehr schön, wie er etwa Wolters’ Bemühungen ums zeitgemäße Stillleben karikiert. Banal dagegen, wenn der Reiher einem sich erbrechenden Menschen zusieht und dazu bemerkt: "Er reihert!" Man wünscht sich, Ahrens hätte auf solche Kalauer verzichtet. Das Gleiche gilt für die manieriert wortmalerischen Komposita wie "flatterknatternd" oder "tuckertucken". Ansonsten darf man dem Autor eine angenehm leicht dahin fließende Sprache bescheinigen.

Die größten Qualitäten dieses Romans liegen aber in der topographischen Genauigkeit, in der Einbettung des Geschehens in die niedersächsische Provinz. Es ist eine Landschaft, gleichermaßen geprägt von rekultivierter Natur, Industrie und Hightech-Agrarwirtschaft. Ahrens, der selbst im niedersächsischen Handorf lebt, schildert diese Umgebung auf atemberaubende Weise. So sieht es aus in Deutschland, so lässt es sich beschreiben. Diese Passagen beeindrucken mehr als die satirischen Spitzen gegen die Großstadt Berlin und den formatierten Lebensstil des Prenzlauer Bergs.

Um mit einem Theatervergleich zu resümieren: das Bühnenbild beeindruckt hier mehr als das Stück. Man spürt, dass Henning Ahrens ein Lyriker ist, der sich dem Roman zugewandt hat. Aber auf jeden Fall ist dies ein sehr kurzweiliges Buch, in dem der Autor einige Angestrengtheiten seiner ersten beiden Romane überwunden hat.

Rezensiert von Wolfgang Schneider

Henning Ahrens – Tiertage
Roman. S. Fischer 2007, 286 S., 18,90 Euro

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