Seit 18:30 Uhr Hörspiel

Sonntag, 08.12.2019
 
Seit 18:30 Uhr Hörspiel

Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 29.05.2016

Griechisches GoldEine Region kämpft erbittert um eine Mine und die Natur

Von Panajotis Gavrilis

Podcast abonnieren
Eine Fahne von Gegnern des Bergbaus in der nordgriechischen Region Chalkidiki. (Deutschlandradio/ Panajotis Gavrilis)
In der nordgriechischen Region Chalkidiki kämpfen viele Einwohner gegen einen geplanten Bergbau. Andere wiederum sind dafür. Der Streit spaltet sogar Familien. (Deutschlandradio/ Panajotis Gavrilis)

Chalkidiki in Nordgriechenland könnte reich werden. Denn dort sollen unermessliche Bodenschätze liegen. Doch die Bevölkerung protestiert gegen den geplanten Abbau, aus Angst vor Umweltschäden und gierigen Investoren. Aber nicht alle sind dagegen. Der Streit spaltet die Region bis rein in die Familien.

"Hier in der Region rund um ´Megali Panagia`, wo wir gerade an Leuten vorbeifahren, glaub ich, dass sie denken: Da, schau wie die Ökos, die Terroristen, oder wie sie uns nennen, wieder jemanden rumfahren, um ihn auf ihre Seite zu kriegen. Du wirst es aber selbst sehen und ich bin gespannt auf deine Reaktion, auf deinen Gesichtsausdruck."

Vaggelis trägt eine schwarze Hose, einen schwarzen Pullover auf dem hinten groß "Nein zum Goldabbau" steht. Er nimmt mich gemeinsam mit zwei weiteren Minen-Gegnern mit zu dem Berg, aus dem Gold und Kupfer abgebaut werden soll.

"Also wir fahren jetzt mit einem Pick-Up-Truck, es ist ein Fotograf dabei, Nikos der Fahrer und Vaggelis. Der sitzt hinter mir und erklärt mir gerade und sagt, dass vor einigen Tagen, waren sie hier draußen und haben die Straße abgesperrt und haben drei Tage im Freien übernachtet, sodass kein Baugerät, dass kein Auto durch konnte."

Angst um die Natur

Vaggelis zeigt auf die Eukalyptusbäume, die Zypressen, auf dicke Baumstämme. Die seien mindestens zweihundert Jahre alt, unberührte Natur. Er hat Angst, dass sie durch den Einsatz von Chemikalien beim Goldabbau sterben.

Von ihrem Dorf "Megali Panagia" im Osten der nordgriechischen Region "Chalkidiki" bis hin zur Goldmine von "Skouries" sind es nur ein paar Kilometer. Auf der Strecke finden seit Jahren regelmäßig Demonstrationen statt, die selten gewaltfrei ablaufen: Sitzblockaden, Steine, Molotow-Cocktails auf der einen – Tränengas und Gummigeschosse der Polizei auf der anderen Seite.

"Hier hat es bedeutende Schlachten gegeben… Bis hierhin zum Beispiel hat die Polizei uns gejagt, damit wir nicht auf den Berg kommen. Die Straßenblockaden der Polizei sind aber mittlerweile schon sieben Kilometer vor dem Baustelleneingang. Hier ist der Fabrik-Eingang."

Am Eingang warten freilaufende Wachhunde und der Sicherheitsdienst auf uns. Zutritt verboten, Privatgelände der Firma "Hellas Gold" – der Tochterfirma des kanadischen Bergbaukonzerns "El Dorado Gold". Insgesamt will das Unternehmen knapp sieben Tonnen Gold und 52.000 Tonnen Kupfer jährlich hier abbauen. 30 Jahre lang. Griechenland soll Europas Goldgrube werden. Das will Vaggelis verhindern, der auf die Security-Frau zeigt. Sie kennen sich.

"Sie ist auch aus Megali Panagia. Was soll ich schon dazu sagen? Sie macht ihre Arbeit. Sie weiß, was sie tut und wir auch. Die Sache ist einfach. Es ekelt mich jedes Mal an, wenn ich das hier alles sehe. Ich habe nichts gegen diese Frau, unsere Kinder spielen zusammen. Die Frage ist, was sie ihrem und was ich meinem Kind auf den Weg gebe, das unterscheidet uns. Leider ist das so. Das sind Probleme, die unsere Kinder später lösen müssen."

Autor: "So, jetzt laufen wir hier durch den Wald… Um einen freien Blick zu bekommen auf das Areal, wo ich offiziell nicht rein darf. Der Vaggelis geht voran… Wir stehen jetzt vor einem blauen Zaun und gucken direkt runter…"

"Das ist die Fabrik. Daneben wollen sie den Abfall, die Überbleibsel mit den ganzen Giften lagern. Das zweite Lager ist weiter hinten, da wo du auch das Meer schon siehst."

Um uns herum dichtgewachsene Bäume, alles grün. Vor uns eine ausgehöhlte, kahle, sandfarbene Ebene, auf der ein Zementkomplex mit einem roten Mahlwerk steht. Eine Mondlandschaft, als wäre hier, mitten in der Natur, eine Bombe eingeschlagen. So beschreibt Vaggelis die verlassene Baustelle und schüttelt entsetzt den Kopf. Heute ruhen die Arbeiten, mal wieder. Weil das Unternehmen um Genehmigungen mit der Regierung streitet. Noch gibt’s hier kein Gold oder Kupfer, heißt es.

Gerne würde ich mir aber die bereits gebaute Anlage und technische Details von Vertretern des Unternehmens "Hellas Gold" erklären lassen. Doch sämtliche Anfragen bleiben unbeantwortet oder ein Termin ist momentan nicht möglich, lautet es per E-Mail. Stattdessen verfolgt uns ein weißer Geländewagen mit Blaulicht vom Sicherheitsdienst. Er hält den Blickkontakt zu den Aktivisten und zu mir.

"Der schaut, was wir machen, wer wir sind, wohin wir uns bewegen. Sobald wir versuchen, reinzugehen, wird er sofort die Polizei rufen. Er ist eine Art Beobachter, um vielleicht Verstärkung zu rufen."

Das Gold zerstört Familien

Nicht nur in Skouries, bei der geplanten Goldmine gibt es die, die mich auf Schritt und Tritt beobachten. Auch im Dorf "Megali Panagia", in dem rund 3.000 Menschen leben, falle ich sofort auf.

Autor: "Ich bin jetzt im Dorf Megali Panagia und laufe hier so ein bisschen durch die kleinen Gassen. Es ist ein wirklich sehr schönes kleines Dorf mit kleinen Häuschen aus Stein. Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich fühle mich total unwohl. Ich bin schon durch einige Dörfer gelaufen, aber hier wird man richtig angeglotzt, angestarrt. Die Blicke sind voller Misstrauen, habe ich das Gefühl."

Auf einer weißen Wand steht mit schwarzer Farbe gesprüht: "Fuck The Police" und "Fuck Gold". Ein paar Straßen weiter sitzen meist ältere Herren in Cafés – sie sind für die Goldmine. Auf der einen Seite sie, die sich Arbeit in Zeiten der Krise erhoffen. Auf der anderen Seite die Gegner, die gegen die Profitgier der Konzerne demonstrieren und Angst vor Umweltzerstörung haben. Das Dorf ist gespalten.

"Sehr viel Hass. Wenn wir unterwegs sind, werden wir von Befürwortern beleidigt oder es wird abfällig gestikuliert, Tausend solcher Dummheiten. Was soll ich sagen? Ich war mit vielen sehr gut befreundet, aber von einem Tag auf den nächsten sagen wir uns nicht einmal mehr guten Morgen."

Georgia Zacharaki, dünnes, graues Haar, freundliches Lächeln ist 64 Jahre alt und gegen den Goldabbau. Sie lädt mich zu sich nach Hause ein. Wir sitzen in der kleinen Küche, in dem ein alter Röhrenfernseher läuft: Griechische Abend-Soap als Begleitunterhaltung. Sie bietet mir Saft an, das Wasser sei nicht mehr trinkbar und stinke, sagt sie. Und vermutet, dass das mit "Skouries" – den Arbeiten an der Goldmine zu tun hat. Georgia Zacharaki schaut nachdenklich und erzählt von jenem Tag, an dem der Streit über die Mine, ihre Familie zerstört hat.

"Der eine Neffe kommt ins Haus rein und packt mich am Hals, zieht mich raus. Er hätte mich beinahe erwürgt. Der andere Neffe hat meinen Mann geschlagen. Sie sind reingekommen, haben das Telefon und Vasen runtergeschmissen, sie haben alles verwüstet."

Ihr Mann Asterios zeigt auf die kaputte Holztür. Die Neffen seien das gewesen, die eigene Familie.

"Hier hatten sie Georgia am Hals gepackt… Ich konnte gerade noch so dazwischen gehen."

Der Anlass für die Gewalt ist immer das Gold, die Mine von Skouries. Denn für beide Seiten geht es um die Lebensgrundlage, um die Existenz. Die einen wollen Jobs, die anderen haben Angst, dass beim Abbau Schwermetalle oder krebserregende Asbest-Reste in die Luft, ins Meer und ins Grundwasser gelangen. Das wäre das Ende für Bauern und Fischer der Region. Georgia Zacharaki versteht die Sorgen beider. Seit ihre Neffen sie und ihren Mann aber attackiert haben, spricht sie nicht mehr mit ihnen. Und auch nicht  mit ihrer Schwester. Dabei wohnen alle drei genau gegenüber.

"Wir waren jeden Tag zusammen. Der Neffe, der mich gewürgt hat, war jeden Tag hier, um zu essen. Und dann wollte er mich erwürgen… Dabei habe ich ihn mit aufgezogen. Ich war wie eine zweite Mutter für ihn. Ich bin fassungslos. Entschuldigung? Will ich nicht! Ich will keinen Kontakt mehr. Sie haben mich bitter enttäuscht und gekränkt. Sehr."

"Er wollte das schnelle Geld"

Gemeinsam mit Vaggelis, Sakis und Nikos fahren wir über holprige Schotterwege, außen an dem Minen-Gelände vorbei, das ihr Dorf entzweit.  Nikos, der Fahrer, ist 37 Jahre alt, kräftig gebaut. Auch seine Familie hat der Streit längst erreicht.

 "Mein Bruder und ich sagen ein kühles ´Hallo`, seitdem er die Position des Unternehmens eingenommen hat. Er wollte das schnelle Geld. Wir haben uns noch nicht geschlagen, aber wenn er im Bergwerk drin ist und ich draußen vor dem Zaun, dann vergesse ich, dass er mein Bruder ist. Dann ist er ein einfacher Bergmann und ich ein Widerständler, der für seinen Ort kämpft!"

Es ist schwierig als Außenstehender diese Wut, diese Verbitterung, diesen Hass nachzuvollziehen. Nikos macht der Streit manchmal einfach nur traurig:  

"Um ehrlich zu sein: Er tut mir leid. Ich liebe ihn als Bruder, aber das hat Grenzen. Ich bedaure, dass er hier ist, dass er diesen Weg gewählt hat, wie er mit mir umgeht. Er droht mir im Internet, auf Facebook, sowas wie: ´Wenn er mich sieht bei einer Demo gegen den Bergbau sieht, dann…` und spricht über uns als Vermummte… Und sowas von meinem eigenen Bruder."

Der Wald ähnelt durch die dichtgewachsenen Pflanzen und Bäume eher einem Dschungel. Im Kontrast dazu der Tagebau, eine Art trockengelegter See. Ein riesengroßer 200 Meter tiefer Sandkasten mit einem Durchmesser von 700 Metern soll es werden. Das will Nikos um jeden Preis verhindern. Er arbeitet als Förster, der Wald ist sein Zuhause. Er zeigt auf ein Dutzend Bäume.

"Seit sie angefangen haben zu graben, trocknen die Bäume aus. Schau dahinten! Siehst du die braunen Bäume? Die sind tot. Oder die anderen daneben, die keine Blätter mehr haben? Tot. Komplett trocken. Die Natur beginnt zu sterben."

Während wir – ständig beobachtet vom Sicherheitsdienst – durchs Grüne fahren, entdeckt der Fotograf Sakis etwas:

"Hey! Oppa! Halt mal an!... Hier haben wir neue Zäune gefunden. Militär-Stacheldraht und wir wissen nicht, warum sie diese hier hin packen."

Autor: "Ein Stacheldraht, der mit ganz kleinen Rasierklingen ausgestattet ist und das Absurde ist, es ist direkt auf einem Hang, gefühlt mitten im Nirgendwo im Wald."

"Das ist nicht im Nirgendwo. Wir sind an einem Flussbett und sie versuchen es einzuzäunen, damit wir nicht mehr kommen."

Sakis holt sein Smartphone aus der Tasche, macht Fotos und springt wieder in den Pick-Up-Truck.

"Ich informiere die Menschen, dass sie schlafen. Ich veröffentliche die Bilder auf dem Blog des Komitees und auf anderen Internetseiten. Weil jeden Tag neue Sachen hier gebaut werden, von denen niemand etwas mitkriegt."

Wir halten erneut an. Vaggelis steckt seine Nase durch ein Gitter.

Er organisiert wie viele der Aktivisten mit dem selbstgegründeten sogenannten "Kampf-Komitee" von Megali Panagia Informationsveranstaltungen und Demos. Ihr Ziel ist dabei, so nah wie möglich an den Zaun zum Bergwerks-Gelände zu kommen. Am besten: Einreißen, sagt Vaggelis:

"Wir haben ihn umgeschmissen einmal. Das ganze Stück, das du siehst. Deswegen haben sie ihn jetzt verstärkt. Es war eine symbolische Aktion. Wir versuchen nicht nur, diesen Ort hier zu retten. Generell müssen Zäune fallen. Wie Grenzzäune zur Türkei oder Mazedonien. Symbolisch zumindest haben wir den Grenzzaun Griechenland-Kanada eingerissen. Du brauchst ja anscheinend einen kanadischen Pass, um reinzukommen. Wir haben eine Botschaft in die ganze Welt gesendet: Wenn die Leute es wollen, dann ist es sehr leicht – dann fallen Zäune."

450 angeklagte Gold-Gegner

Der Kampf für oder gegen das Gold läuft nicht immer friedlich ab. Vor einigen Jahren wurden Baustellenfahrzeuge abgefackelt. Bagger, mit denen unter anderem An- und Abfahrtswege zum Bergwerk gebaut werden sollten. Die Täter blieben unbekannt. Damals hat sogar die Anti-Terror-Einheit der griechischen Polizei die Ermittlungen übernommen.

"Sie haben uns alle vorgeladen und befragt, warum wir das Unternehmen nicht wollen. Wir waren 15 aus Megali Panagia. Auch mich haben sie mitgenommen. Dann haben sie auch Leute vom Nachbardorf Ierissos befragt. Das Wahnsinns-Fazit der Bullen: Irgendwer hätte das gemacht. Die Gerichtsverfahren beginnen im Juni."

Das Verfahren wegen Brandstiftung ist nur eins von vielen gegen die Aktivisten. Laut eigenen Angaben sind insgesamt rund 450 Gold-Gegner angeklagt.

In Polygyros, weniger als eine Stunde von Skouries entfernt, findet heute ein solches Verfahren statt. Die 14 Angeklagten aus Megali Panagia und dem Nachbardorf Ierissos warten im Gerichtsfoyer. Polizisten in zivil beobachten ganz genau, mit wem sie sich aufhalten und richten ihre misstrauischen Blicke auch auf mich.

Die Angeklagten, darunter auch Vaggelis, werden aufgerufen. Sie sind ohne Anwälte da, weil diese streiken – wegen eines neuen Gesetzes der Syriza-Regierung. Im Gerichtssaal stehen die 14 vor der Staatsanwältin und Richterin. Manche in ihren "Save-Skouries"-T-Shirts wirken verunsichert. Nach gerade einmal 15 Minuten wird der Prozess abgebrochen, vertagt auf den Winter.

Im benachbarten Café treffen sich die Aktivistinnen und Aktivisten. Dunkle Sonnenbrille, Lederjacke, roter Lippenstift, Kippe im Mund. Das ist Marina. Aus Ierissos, auch angeklagt. Wegen "Kleinigkeiten", sagt sie. Störung des öffentlichen Friedens, zum Beispiel. Marina wettert gegen die andere Seite:

"Wenn es um die anderen geht, passiert nichts. Sie haben keine Prozesse, keine Probleme, werden nicht einmal vorgeladen – nichts. Dabei ist es so klar, dass die Polizei die Interessen des Unternehmens schützt. Das sehen wir jeden Tag. Es geht einfach darum, dass die Unschuldsvermutung nicht mehr für uns gilt. Die Anderen aber, die sind immer unschuldig."

Die Prozesskosten sind für viele unbezahlbar. Anwälte kosten, auch in Krisenzeiten. Insgesamt bis zu einer halben Million Euro, schätzt Marina. Deshalb organisieren die Aktivistinnen und Aktivisten regelmäßig Solidaritäts-Partys für die Angeklagten. Dieses Mal in Ierissos, das direkt am Meer liegt. Türkises Wasser, weiße Traumstrände. In einer Bar Live-Musik und Tanz. Auf der Straße wird gegrillt, ein Souvlaki ein Euro, direkt in die Soli-Kasse.

"Es gibt Menschen, die mehr als einmal angeklagt wurden, es gibt andere mit vielen kleineren Vergehen und wieder andere, die wegen wirklich ernster Verbrechen angeklagt sind. Es ist das reinste Chaos. Wir werden kriminalisiert."

Während wir reden zünden die "Verfolgten", wie sie Marina nennt, Pyrotechnik –  bengalische Fackeln auf der Straße. Sie hat ein Glas Weißwein in der Hand, muss lachen.

"Die Wahrheit ist: Die bengalischen Feuer sind ein Zeichen, dass zumindest heute alles gut läuft und dass wir hoffen können, dass wir niemanden zum Gericht alleine schicken, der nicht die Kosten tragen kann."

Marina läuft zurück zur Bar, sie will mir unbedingt jemanden vorstellen. Dimitris, 28 Jahre alt. Er ist einer von vier Personen, die im Gefängnis saßen. Unschuldig, sagt er. Vier Monate. Aufgeben? Daran will Dimitris nicht denken.

"Wir werden es nicht zulassen. Dieses Ding da oben werden wir nie zulassen, nie. Möge die Welt dabei untergehen – Wir sind vereint und lassen nicht zu, dass unser Ort zerstört wird."

Die meisten Menschen in Ierissos leben vom Tourismus, von der Fischerei, von der Landwirtschaft und Viehzucht. Eine verschmutzte Umwelt würde ihre Lebensgrundlage zerstören. Das Bergwerk, das zurzeit noch eine Baustelle ist, befindet sich per Luftlinie nur ein paar Kilometer weiter.

Der Job ist mit das Wichtigste 

In Megali Panagia wollen von den Männern, die für die Mine sind, nur wenige reden. Georgios Katratziotis ist einer von ihnen. Während die Gold-Gegner in Ierissos solidarisch feiern, schaut er sich mit anderen Männern bei einem Glas Ouzo oder Whiskey, Chips und Erdnüssen ein Fußballspiel im Fernsehen an. In seinem Stamm-Café.

"Ich bin von hier. Ich bin verheiratet mit Maria Karadona und habe zwei Töchter. Ich lebe und arbeite hier, oben in Skouries. Seit vier Jahren. Ich bin Elektroschweißer."

Er erzählt mir, dass er mich schon vor ein paar Tagen gesehen hat, wie ich durch die Gassen lief mit dem Mikrophon in der Hand. Seine Freunde nicken, auch ihnen bin ich sofort aufgefallen. Seit Monaten stehen die Bauarbeiten zur Mine still, Georgios ist einer der wenigen Beschäftigten zurzeit:

"Wir haben eine Finanzkrise in ganz Griechenland. Wir spüren das auch hier, aber nicht so stark. Unsere Löhne sind gut, wir werden zum 10. des Monats bezahlt, wir bekommen Geschenke, Urlaubsgeld, alles was einem Beschäftigten zusteht. Und das wichtigste: Alles pünktlich."

Die Regel in Griechenland ist eher, Angestellte monatelang gar nicht zu bezahlen. Der Bergbau soll bis zu 2.000 Menschen in der ganzen Region Arbeit geben, verspricht das Unternehmen "Hellas Gold", das bereits weitere Anlagen im Umland betreibt. Um uns herum gesellen sich jetzt Bekannte von Georgios, die genau zuhören. Was ich frage und was er antwortet. Wie wichtig ihm sein Job zum Beispiel ist, will ich wissen:

"Wichtig? Das ist sehr wichtig für mich. Es ist das A und O in meinem Leben. Neben der Familie ist der Job das Wichtigste für mich. Es ist doch das Beste, morgens aufzustehen, zur Arbeit zu gehen und deine Karte abzustempeln. Es gibt einfach nichts Besseres als das, was wir momentan leben."

Und was passiert, wenn das gefundene krebserregende Asbest im Erz alles platzen lässt und die griechische Regierung die ausstehenden Genehmigungen doch nicht erteilt?

"Ich will gar nicht daran denken. Meine eine Tochter ist 18 und bald mit der Schule fertig. Sie will studieren, das kostet locker 500 bis 600 Euro im Monat. Das ist auch mein Traum: Meine Kinder sollen studieren, ich will sie verheiraten – so wie es sich doch alle Eltern wünschen. Wo soll ich das ganze Geld herkriegen, wenn diese Investition hier scheitert? Wir sind verloren, ruiniert! Unsere Region hat ja sonst nichts."

Georgios will irgendwann von mir wissen, auf welcher Seite ich stehe. Ich sage, ich komme von außen und möchte mit allen reden, auch mit seinem Arbeitgeber, der ein Treffen aber abwimmelt. Georgios bestellt noch ein Glas Ouzo, dazu in Essig eingelegte Gurken. Er erzählt, wie sehr er sein Dorf liebt, in dem er aufgewachsen ist. Ihm ist nicht egal, was mit der Umwelt passiert. Im Gegensatz zu den Widerständlern, sagt er, vertraut er aber dem Unternehmen und hält die Umweltzerstörung für weniger schlimm als die Gegenseite:

"Es gibt keine vernünftigen Informationen, glaube ich. Und manche wollen nicht richtig informiert werden, weil ihnen dieses Spiel gut in den Kram passt. Komm mit uns nach oben auf den Berg, dann zeige ich dir alles. Wir reden hier von gerade einmal 0,5 Prozent des ganzen Waldes von Chalkidiki. Das ist Nichts. Das ist gerade einmal so, als würdest du in deinem Garten eine Blume abschneiden."

Der Geruch von Tod

Für den Förster Nikos ist eine Blume eine Blume zu viel. Auf der Berg-Tour mit seinem Pick-Up Truck zeigt er mir wildwachsende Pflanzen mit lila Blüten und einen noch fließenden Bach. Das Wasser aus diesem Berg versorgt die ganze Region mit Wasser – bis jetzt. Die Aktivisten fürchten, dass der Goldabbau wie jetzt schon die Region weiter trocken legen könnte. Nikos blickt melancholisch. Für ihn gibt es nur ein Ziel: Die kanadische Firma "El Dorado Gold" vertreiben:

"Das würde mich befreien. Ich würde am nächsten Tag hierher kommen, um zu retten, was noch zu retten ist. Um Bäume zu pflanzen. Ich bin 37 Jahre alt, ich bin hier aufgewachsen und jetzt habe ich Tränen in den Augen, wo ich das gerade erzähle…"

Sein Freund Vaggelis steht an einem Hang und blickt runter auf einen der zwei Dämme, der die Erzreste des Tagebaus lagern soll. Zurzeit erinnert es eher an eine Art leere Badewanne aus Erde, über 100 Meter tief. Und das mit dem ganzen Asbest, sagt Vaggelis. Gerade hier, in einem Erdbebengebiet.

"Der ganze Bereich, den du hier siehst, wird zu einem riesigen Giftmüll-See. Sie wollen aber keinen See, sondern es wird eine Staubmasse und wird hier gelagert. Die Frage ist: Was passiert mit dem Staub, wenn es regnet oder wenn Wind weht?"

Autor: "Wir kommen hier nicht wirklich weiter, weil hier ein Zaun direkt über den Weg führt. Das heißt, wir müssen zurück."

Vaggelis ist selbständiger Fliesenleger. Auf der Rückfahrt scherzt er rum.

"Kann ja sein, dass das Unternehmen mich beauftragt, Fliesen zu verlegen. Ich werde dann mit Sprengstoff hingehen und dann bleibt nichts mehr von der Fabrik übrig!"

Zum Abschied verfolgen uns noch Straßenhunde, die aus dem Minengelände herauskommen. Selbst die Hunde sind hier dafür oder dagegen, denke ich mir. Als wir wieder im Dorf Megali Panagia ankommen, schaut Vaggelis mit ernster Miene auf die Bergleute in ihren neongelben Westen. 

"Im Moment halten sich beide Seiten zurück. Weil wir noch hoffen. Wenn es aber hart auf hart kommt, wird es mit Sicherheit auch blutiger. Wenn diese Hoffnung schwindet, weiß niemand, wie der andere sich verhält. Ich kann nirgendwo anders ein neues Zuhause bauen, einen Neuanfang starten. Wenn sie mich aber dazu zwingen, weiß ich nicht, wie ich reagieren werde. Dann könnte es hier bald nach Tod riechen, der Geruch von Krebs wird in der Luft liegen. Wo soll ich hingehen? Wie? Wenn ich untergehe, dann gehen die anderen auch unter."

Panajotis Gavrilis (Deutschlandradio)Panajotis Gavrilis (Deutschlandradio)"Das Besondere an dieser Recherche war, dass ich permanent gefragt wurde, auf welcher Seite ich stehe. Bis du für die Mine oder dagegen? Und ich immer antworten musste: ich höre mir die Argumente beider Seiten an."

Das Manuskript der Sendung finden Sie hier im pdf- und im barrierefreien txt-Format.

Die Reportage

Obdachlose in BerlinRückkehr nach Polen
Ein obdachloser Mann steht am 9.8.2016 neben einem Schlafsack und einem Fahrrad unter einer Brücke am Bahnhof Zoo in Berlin. (imago / Ralph Peters)

Tausende Polen leben Schätzungen zufolge in Berlin auf der Straße. Die Organisation Barka kümmert sich darum, dass sie zurück in ihr Herkunftsland kommen. Dort können die Obdachlosen auf Bauernhöfen ein neues Leben beginnen - ohne Alkohol.Mehr

Abgehängt in West VirginiaTrumps Revier
Eine amerikanische Flagge hängt einsam an einem Haus in Clarksburg, West Virginia. Die ganze Häuserzeile sieht arm und unrenoviert aus.  (Getty/Spencer Platt)

In einem Kohlerevier in den USA klammern sich die Menschen verzweifelt an die wenigen Jobs, die es im Bergbau noch gibt. Andere haben sich längst aufgegeben. Eins aber eint fast alle hier: Sie sind treue Anhänger von Donald Trump. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur