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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 21.01.2021

Greta Thunbergs ErfolgsgeheimnisDie politische Kraft des Autismus

Ein Standpunkt von Ralf Hutter

Porträt der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg mit Mund-Nasen-Schutz und gelber Regenmantel-Kapuze. (imago / TT / Jessica Gow)
Nimmt keine Rücksicht auf falsche Konventionen: die schwedische Kllimaaktivistin Greta Thunberg. (imago / TT / Jessica Gow)

Unkonventionell, mit starkem Rückgrat und immer das Wesentliche im Blick: Greta Thunbergs politische Haltung sei vorbildlich, findet der Journalist Ralf Hutter. Möglich geworden sei sie durch Thunbergs Autismus. Mehr davon täte der Gesellschaft gut.

Greta Thunbergs politischer Aktivismus ist nicht ohne ihren Asperger-Autismus zu begreifen. Das hat sie selbst schon in der einen oder anderen Form gesagt. Auch wenn wir uns bewusst sein sollten, dass Autismus für einige Betroffene vor allem ein Leiden ist – das Klischee von ihrer besonderen Wahrnehmung hat eine physiologische Grundlage.

Autismus beruht auf einer Entwicklungsstörung. Die Betroffenen sind dauernd von einer Reizüberflutung bedroht, weil ihr Gehirn wichtige von unwichtigen Sinneswahrnehmungen nicht gut trennen kann und deshalb zu viele Details beachtet. Sie entwickeln oft schon als Kinder ein großes Vermögen, Wesentliches zu fokussieren.

Soziale Rituale lenken Autisten nicht vom Wesentlichen ab

Es gibt aber einen zweiten Aspekt beim Asperger-Autismus, der für Greta Thunbergs Aktivismus noch wichtiger und charakteristischer ist. Autismus sorgt für Probleme bei der Interaktion mit anderen Menschen. Aufgrund des geschwächten Wahrnehmungsfilters, der Wichtiges und Unwichtiges nicht gut sortiert, entgehen Betroffenen wichtige Kommunikationsebenen.

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So ist für sie nonverbale Kommunikation schwierig zu verstehen, auch mit Ironie und metaphorischer Ausdrucksweise haben sie tendenziell erst mal Probleme. Menschliche Kommunikation ist selten ganz direkt, sie ist normalerweise von sozialen Konventionen und Ritualen eingefasst. Diese Konventionen und Rituale sind Autistinnen und Autisten zunächst fremd, und das verleiht dem Autismus die politische Sprengkraft, die sich bei Greta Thunberg zeigt.

Dass Thunberg sich als 15-Jährige wochenlang ohne eine starke Organisation im Rücken mit einem Protestschild vor ein Parlament stellte, war extrem unkonventionell. Dahinter steckte im Grunde die Aussage: Es ist eigentlich aussichtslos, als Mädchen mit einem Schild vor einem Parlament etwas zu verlangen, aber ich tue es trotzdem, denn ich habe eine eminent wichtige Sache im Fokus, und ich orientiere mich nicht an Konventionen und Realismus.

Als politische Haltung ist das vorbildlich. Gewisse soziale Konventionen sind politisch hinderlich. Zudem gibt es, kurz gesagt, eine soziale Magie in zwischenmenschlichen Begegnungen, die uns oft nicht das tun oder sagen lässt, was wir eigentlich richtig finden. Oft wollen wir die Beziehung zu einem Verwandten oder einer Schulfreundin nicht dadurch belasten, dass wir im Gespräch mit ihnen auf einer total konträren politischen Haltung bestehen. Wir kaufen weiter beim alteingesessenen Bäckermeister ein und plaudern wie seit Jahren mit ihm, obwohl er Lokalpolitiker einer Partei ist, die sich gegen wirksamen Klimaschutz stellt. Im Internet hingegen würden wir solchen Leuten wortgewaltig Kontra geben.

Gegen politische Gegner sollte man entschieden auftreten

Autismus kann gegen diese soziale Magie sozusagen immun machen. Er kann uns zeigen, dass mit Konventionen gebrochen werden kann und dass wir in zwischenmenschlichen Begegnungen das Wesentliche in den Vordergrund stellen können, das uns wirklich am Herzen liegt, statt es bei unwesentlichen Plaudereien zu belassen.

Ich glaube, dass das ein Machtpotenzial der breiten Masse ist, die sich zu Recht darüber beschwert, dass sie kaum politischen Einfluss hat: Wir können Menschen, die für eine zerstörerische Politik stehen oder die diese Politik mit ihrer Parteimitgliedschaft unterstützen, die soziale Magie, die sozialen Konventionen verweigern. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Greta Thunberg einen fundamentalen Dissens in Sachen Klimaschutz weglächeln würde.

Thunberg hat schon sinngemäß gesagt, dass sie die Welt anders sieht als die meisten anderen Menschen und deshalb eine Außensicht auf zentrale Probleme hat. Das Unvermögen der Regierungen, den Planeten zu retten, zeigt, dass unsere politischen Strukturen – und somit die ganze Gesellschaftsordnung – fatal sind. Sowohl in der Arbeitswelt als auch im Freizeitbereich wird dem planetaren Gleichgewicht geschadet, ein ganzer Lebensstil gehört abgeschafft.

Zugespitzt formuliert: Wenn eine ganze Gesellschaft das Problem ist, dann können diejenigen Menschen für positive Impulse sorgen, die nicht ganz gesellschaftsfähig sind. Autismus kann in der Politik für das dringend benötigte starke Rückgrat sorgen.

Der Berliner Journalist Ralf Hutter. (Privat)Ralf Hutter (Privat)Ralf Hutter ist studierter Soziologe und lebt als freier Journalist in Berlin.                                                                                                                                   


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