Grenzwerte

Kompromisse für mehr Lebensqualität

04:31 Minuten
Illustration: Buntes Balkendiagramm in Landschaft.
Grenzwerte begegnen uns überall im Leben. © imago / Ikon Images / Magictorch
Gedanken von Frank Lübberding · 13.01.2022
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Wie hoch darf die Strahlenbelastung sein? Ab welcher Inzidenz kommt der Lockdown? Grenzwerte beeinflussen unser Leben. Das ist richtig, findet der Publizist Frank Lübberding, erinnert aber daran, dass die Werte immer ausgehandelt werden.
„Da Wissenschaftler nie ahnungslos sind, haben sie für ihre Ahnungslosigkeit viele Wörter, viele Methoden, viele Zahlen.“ Solche Sätze können heutzutage ungeahnte Assoziationen auslösen. Manche sind vielleicht über die Respektlosigkeit entsetzt: Gilt nicht der Grundsatz „Follow the Sience“? Andere erinnert der Hinweis auf „viele Worte, viele Methoden, viele Zahlen“ unter Umständen an unsere informationelle Ahnungslosigkeit in der Pandemie. Nichts dergleichen wäre berechtigt, weil das Zitat aus dem Jahr 1986 stammt.
Urheber war der 2015 verstorbene Soziologe Ulrich Beck. Er formulierte diesen Satz in dem wahrscheinlich wichtigsten Buch der zeitgenössischen Soziologie. Es hieß „Risikogesellschaft“ und meinte „ein zentrales Wort für Auchnichtwissen in der Beschäftigung mit Risiken“, wie es Beck damals so treffend ausdrückte. Das Wort hieß Grenzwert.

Eine umweltpolitische Erfolgsgeschichte

Er ist bis heute ein zentraler Baustein in der Epidemiologie und in der Umweltpolitik. Über Grenzwerte definieren wir die Qualität der Atemluft, des Wassers und unserer Nahrung. Sie bestimmen somit weite Teile dessen, was man ab den 1970er-Jahren Lebensqualität nannte. Die Erfolge lassen sich sprichwörtlich riechen und schmecken: Schon die Verbesserung der Luftqualität ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte.
An die noch vor 30 Jahren vom Smog verhangenen Städte in Ostdeutschland können sich lediglich noch die älteren Zeitgenossen erinnern, genauso wie an die bisweilen zu stinkenden Abwasserkanälen gewordenen Flüsse der damaligen Zeit. Der Fortschritt galt einst als eine Schnecke, aber in der Umweltpolitik war er mit einem bemerkenswerten Tempo unterwegs. Das wird zumeist verkannt, weil trotz der hohen Lebensqualität der alarmistische Tonfall in der Umweltpolitik geblieben ist.

Die Sorge vor den Grenzwerten

Das zeigt sich nicht zuletzt an einem soziologischen Klassiker wie dem von Ulrich Beck. Für ihn ermöglichten Grenzwerte „eine Dauerration kollektiver Normalvergiftung“, wie er das mit dem damals nicht unüblichen Sarkasmus ausdrückte. Deren Funktionsweise charakterisierte er so: Grenzwerte machten „Vergiftung, die sie zulassen, zugleich ungeschehen, indem sie die erfolgte Vergiftung für unschädlich erklären“.
Beck betrachtete Grenzwerte als eine Art „Persilschein“, um „Natur und Mensch ein bisschen zu vergiften“. Es ginge lediglich darum, „wie groß dieses Bisschen“ sein dürfe. Nur für die jüngeren Zuhörer unter uns: Persilscheine waren jene Zertifikate, die den Nazis nach dem Krieg den Mitläuferstatus bescheinigten.    
Das Buch markiert eine Epoche, wo die Wissenschaft nicht mehr als das Symbol eines optimistischen Fortschrittsglaubens galt. Es war eine Zeit, als Wissenschaftskritik zum guten Ton gehörte – und Querdenker noch als Vordenker galten. Becks Kritik an den Grenzwerten machte deren blinde Flecken und technokratische Fehlschlüsse sichtbar. Deshalb ist er vor 36 Jahren auf eine Idee auch nicht gekommen: Dass die flotte These einer „Dauerration kollektiver Normalvergiftung“ einer erfolgreichen Umweltpolitik zum Opfer fallen könnte.

Grenzwerte als Ergebnis politischer Kompromisse

Tatsächlich waren Grenzwerte schon immer das Ergebnis politischer Aushandlungsprozesse. Daran hat sich bis heute nichts geändert, außer an der Rollenverteilung. Die Debatte dominieren nicht mehr die Wirtschaftslobbyisten, sondern die Umweltverbände. Grenzwerte sind immer zu hoch, selbst wenn sie gesundheitliche Risiken mit der epidemiologischen Lupe suchen müssen.
Das schöne Wort vom „Auchnichtwissen“ zur Bestimmung von Risiken wurde längst in sein Gegenteil verkehrt: Es kann sich niemand mehr vorstellen, dass es dank strenger Grenzwerte in der Risikogesellschaft des 21. Jahrhunderts manche Risiken nicht mehr gibt. Aber keine Angst: Es bleiben noch genügend andere übrig.

Frank Lübberding, geboren 1963 in Lotte, studierte in Osnabrück und Göttingen Jura, Politikwissenschaften und Soziologie. Er arbeitet als Journalist und Autor, unter anderem für den WDR, "taz", "Cicero", "Welt" und "FAZ". Außerdem hat er diverse Aufsätze in Sammelbänden veröffentlicht, etwa zur Sozialpolitik und zu Medienthemen. Zuletzt erschien das Buch „Wie Wissenschaft Krisen schafft. Epidemiologie im Praxistest: Feinstaub, Stickoxide, Corona und Co“ im Agenda Verlag, Münster. Er lebt in Werl.

Porträt des Journalisten Frank Lübberding
© Klemens Kordt Fotodesign
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