Seit 05:05 Uhr Studio 9

Freitag, 14.12.2018
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Interview / Archiv | Beitrag vom 27.07.2006

Grenzdörfer im Südlibanon von Hilfslieferungen abgeschnitten

IKRK-Delegierter: "Tausende dringend auf Transporte angewiesen"

Moderation: Marie Sagenschneider

Podcast abonnieren
Nach einem israelischen Luftangriff auf eine Brücke im Südlibanon steigt Rauch auf. (AP)
Nach einem israelischen Luftangriff auf eine Brücke im Südlibanon steigt Rauch auf. (AP)

Balthasar Staehelin, der Generaldelegierte des Internationalen Roten Kreuzes für den Nahen Osten und Nordafrika, hat die Hilfslieferungen in den Libanon als "außerordentlich gefährlich" bezeichnet. Wegen der Feindseligkeiten sei es derzeit nicht möglich, in Grenzdörfer im Südlibanon Hilfsgüter wie Wasser, Nahrung und Medikamente zu transportieren, sagte Staehelin.

Marie Sagenschneider: Die internationale Gemeinschaft grübelt noch, wie sie die Kriegsparteien im Nahen Osten und vor allem Israel dazu bewegen kann, einer Waffenruhe zuzustimmen. Und man ahnt schon, dies wird ein mühsamer Weg werden und einige Zeit in Anspruch nehmen. Soviel Zeit können sich die Hilfsorganisationen nicht leisten, denn sie müssen schnell reagieren auf die aktuelle Lage im Libanon: Zerstörte Infrastruktur, flüchtende Menschen und die Angriffe gehen weiter. Wie hilft man eigentlich in einer solchen Situation? Darüber wollen wir nun mit Balthasar Staehelin sprechen. Er ist der Generaldelegierte des IKRK für den Nahen Osten und Nordafrika. Guten Morgen, Herr Staehelin.

Balthasar Staehelin: Ja, guten Morgen!

Sagenschneider: Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen hat gestern einen ersten Hilfskonvoi für den Südlibanon auf den Weg gebracht. Wie weit sind Ihre Vorbereitungen beim Internationalen Roten Kreuz schon gediehen?

Staehelin: Wir sind schon vor ein paar Tagen auch mit Hilfsgütern nach Tyros gelangt, und haben es vor ein paar Tagen auch geschafft, mit unseren Leuten, ohne die LKWs, aber in diese Dörfer zu gelangen, in die Grenzdörfer zu gelangen. Im Moment ist es nicht mehr möglich, weil: Die Feindseligkeiten haben ein Ausmaß angenommen, wo die Sicherheitsgarantien der Kriegsparteien nicht erlangt werden können. Und das ist sehr schwierig, das heißt, wir haben Hilfsgüter vor Ort, die Logistik, die läuft, aber wir haben im Moment große Zugangsschwierigkeiten zur Zivilbevölkerung südlich von Tyros. Und das ist eine Bevölkerung, die wirklich im Moment abgeschnitten ist von Hilfe von außen. Das ist unsere Priorität im Moment, in diese Dörfer wieder zu gelangen.

Sagenschneider: Wenn Sie sagen, mit LKWs noch nicht, wie hätten wir uns das vorzustellen? Sie fahren mit PKWs, oder Ihre Mitarbeiter?

Staehelin: Das ist richtig, in einer ersten Phase sind wir jetzt mit PKWs in diese Dörfer gefahren. Wir werden aber auch mit LKWs da reingehen, sobald das möglich ist. Und wir müssen auch sagen, dass natürlich unsere Partnerorganisation, das Libanesische Rote Kreuz mit den Krankenwagen, die wir auch unterstützen, seit Jahren finanziell unterstützt haben - da hat es über 200 Fahrzeuge im Libanon - in diese Dörfer reingehen, während den ganzen Feindseligkeiten rein gegangen sind. Und in der Nacht müssen wir jetzt auch schauen, dass wir ein Navigationssystem aufbauen für das Libanesische Rote Kreuz. Weil, das ist sehr gefährlich, mehrere dieser Fahrzeuge wurden in diesen Feindseligkeiten beschädigt. Es ist eine außerordentlich gefährliche Lage, um Hilfe zu leisten.

Sagenschneider: Auf wen konzentriert sich denn Ihre Hilfe in erster Linie? Das sind die Menschen im Süden Libanons, ja?

Staehelin: Unsere erste Priorität ist jetzt ganz klar, in den Süden zu gelangen. Und ich würde sagen, in Tyros haben wir schon Hilfsgüter verteilt. Wir haben schon 24 Tonnen nach Tyros gebracht und diese Hilfsgüter in der Stadt verteilt. Je weiter in den Süden man jetzt geht, umso dringender werden die Bedürfnisse. Unsere erste Priorität ist, in die Dörfer südlich von Tyros zu gelangen. In anderen Städten des Libanons, wo auch Bedürfnisse bestehen, helfen die Menschen sich gegenseitig, aber in den abgeschnittenen Dörfern im Südlibanon ist es besonders schwierig.

Sagenschneider: Was bringen Sie denn da hin, was ist jetzt dringend nötig?

Staehelin: Dringend nötig sind eigentlich Nahrungsmittel. Die ganze Wasserversorgung ist sehr schwierig, weil, es fehlt an den Tanklastwagen, die normalerweise Wasser in gewisse abgeschnittene Dörfer bringen. Es gibt auch keinen Strom mehr. Also Wasser wird sehr wichtig. Also mit Wasser, mit Nahrung und auch mit Medikamenten.

Sagenschneider: Von wie vielen etwa, hilfsbedürftigen Menschen, reden wir denn hier eigentlich?

Staehelin: Das ist sehr schwierig abzuschätzen, weil, in gewisse Dörfer, in die unsere Delegierten gelangen, die Leute verstecken sich in den Häusern, haben noch Angst vor den ganzen Feindseligkeiten. Wir konnten im Moment keine Zählung vornehmen der hilfsbedürftigen Menschen, aber es handelt sich natürlich um Tausende von Leute, die in diesen Dörfern noch ausharren und eigentlich dringend auf Hilfe angewiesen sind.

Sagenschneider: Sie haben vorhin geschildert, Herr Staehelin, wie schwierig es ist, in den Süden, oder kaum möglich im Moment, in den Süden Libanons zu gelangen. Wenn Sie das nun tun, wo annoncieren Sie das vorher und wem annoncieren Sie das? Denn wir haben ja gestern erlebt, dass bei israelischen Luftangriffen vier Blauhelmsoldaten getötet wurden. Und da stellt sich ja schon die Frage: Wie sichern Sie Ihre Mitarbeiter ab?

Staehelin: Ja, das stimmt. Also ich möchte einmal sagen, Tyros und Marjioun, das sind zwei - also Tyros, eine große Stadt, ist natürlich schon im Südlibanon. Marjioun, wo wir auch Mitarbeiter und eine Subdelegation haben, also eine Niederlassung haben, das ist auch im Südlibanon. Das heißt, wir sind permanent präsent in zwei Städten im Südlibanon.

Was wirklich schwierig ist, ist der Zugang zu der Grenzregion im äußersten Süden des Libanons. Wie in anderen Kriegsgebieten auch, notifizieren, das heißt, wir kündigen unsere Lieferungen an gegenüber allen Kriegsparteien. Das ist sehr wichtig. Einerseits, das Rote Kreuz schützt gemäß internationalem Recht, sollte unsere Fahrzeuge und unsere Mitarbeiter beschützen. Das heißt, niemand hat das Recht, auf uns Feuer zu eröffnen. Andererseits ist es sehr wichtig, dass die Kriegsparteien wissen, dass wir kommen, dass wir nicht irrtümlich angegriffen werden. In diesem Hinblick notifizieren wir unsere Mitarbeiter, unsere Fahrzeuge, unsere Pläne, allen Kriegsparteien und das schließt natürlich Israel ein.

Sagenschneider: Gestern, auf der Nahost-Konferenz in Rom, ist ja gefordert worden, Sicherheitskorridore einzurichten, damit eben die Hilfslieferungen auch die Betroffenen erreichen können. Aber ich nehme an, das ist nur eine politische Entscheidung, damit hat das Rote Kreuz gar nichts zu tun, oder?

Staehelin: Wir, operationell gesehen, privilegieren wir nicht für unsere Operationen Hilfskorridore. Was für uns wichtig ist, ist: Dass die Kriegsparteien uns Zugang gewähren zu den Menschen in Not. Und da geht es nicht nur um einen Korridor zwischen einer großen Stadt und einer anderen großen Stadt, sondern es geht wirklich darum, dass die Kriegsparteien akzeptieren, dass wir in sämtliche Dörfer gehen, noch auf die kleinsten Weiler gehen und Zugang zu den Menschen finden, in Not. Und deshalb ist das Korridorprinzip für unseren operationellen Ansatz nicht das Konzept, das wir verfolgen.

Sagenschneider: Ja, aber das werden Sie auch aus anderen Einsätzen kennen. Wie zuverlässig sind solche Absprachen?

Staehelin: Das hängt wirklich vom Konfliktgebiet ab und das ist auch immer sehr schwierig, das einzuschätzen. Und ich glaube, es ist sehr wichtig, dass ein guter Kontakt besteht, zu allen Konfliktparteien. Manchmal, in großen Feindseligkeiten, kann es dann zu Situationen kommen, wo wir wirklich nicht reingehen können, weil die Kriegsparteien uns sagen, es ist einfach zu gefährlich. Wenn dies natürlich während einer langen Zeit anhält, dieser Nicht-Zugang, dann stellen sich große Fragen des politischen Willens der Kriegsparteien, uns Zugang zu gewähren.

Aber wie ich es gesagt habe, vor ein paar Tagen sind unsere Leute auch in die exponiertesten Grenzdörfer gegangen. Deshalb hoffe ich heute schon, dass der Wille besteht, aller Kriegsparteien, uns Zugang zu gewähren. Und dass nicht tatsächlich die momentane Schwierigkeit, in diese Dörfer zu gelangen, mit offenen Feindseligkeiten zusammenhängt, die es wirklich unmöglich machen, in diese Dörfer zu gehen.

Sagenschneider: Herr Staehelin, ich danke Ihnen. Balthasar Staehelin war das. Er ist der Generaldelegierte des IKRK für den Nahen Osten und Nordafrika.

Interview

Psychotherapie-Reform"Das Gesetz diskriminiert"
Eine Frau sitzt in ihrem Bett, sie presst ihr Gesicht in ihre Hände (Ritzau Scanpix/Imago)

Ein von Gesundheitsminister Jens Spahn vorgelegter Gesetzentwurf zur Psychotherapie hat einen Proteststurm ausgelöst. Das neue Gesetz setze Patienten und Therapeuten enorm unter Druck, sagt die Psychotherapeutin Ariadne Sartorius. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur