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Tonart | Beitrag vom 18.04.2019

Graupner, Graun und HaydnKantatenwerke für die Passionszeit

Von Rainer Pöllmann

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Jesus am Kreuz in der Kloster- und Pfarrkirche St. Markus, Bad Saulgau, Baden-Württemberg. (Imago / imagebroker)
Jesus am Kreuz (Imago / imagebroker)

Die Passionszeit begann in lutherischen Traditionsgebieten nicht erst in der Karwoche, sondern schon vor Aschermittwoch. Entsprechend groß war der Bedarf nach Kantaten für die vielen Sonntage in dieser Zeit. Neue CDs laden zur Wiederentdeckung ein.

Die Passionszeit umfasste viele Sonntage, im Kirchenkalender gezählt schon vor dem Aschermittwoch. Die kirchliche Musik zwischen Estomihi und dem Palmsonntag wurde daraufhin dem Passionsgeschehen gewidmet.

Auch in Darmstadt, wo der Hofkapellmeister Christoph Graupner gleich ganze Serien von Passionsmusiken zu komponieren hatte. Drei Kantaten aus dem Jahr 1741 hat die Mannheimer Hofkapelle unter Florian Heyerick gerade eingespielt. "Betrachtungen über die Hauptumstände des großen Versöhnungsleidens unseres Erlösers", wie der Theologe Johann Conrad Lichtenberg seine Texte übertitelte.

Keine bloße Nacherzählung

Das eigentliche Geschehen wird quasi als bekannt vorausgesetzt, die "Betrachtungen" zielen auf die Erbauung und Frömmigkeit der Gläubigen. Christoph Graupner, mehr als vier Jahrzehnte Leiter der Darmstädter Hofkapelle, gestaltet diese Verse mit kompositorischem Einfallsreichstum, oft geradezu durchlöchert von Pausen, die auch heute noch irritieren und die Aufmerksamkeit wachhalten.

Die drei Passionskantaten aus dem Jahr 1741 sind schon die dritte Folge von Passionsmusiken Christoph Graupners, die beim Raritäten-Label cpo erschienen ist, und das ist hoffentlich noch lange nicht die letzte.

Christoph Graupner: Passions-Kantaten (Vol. 3)
Vocalensemble Ex Tempore
Mannheimer Hofkapelle
Leitung: Florian Heyerick
Label: cpo

Liturgischen Passionsdienst hatte natürlich auch Johann Sebastian Bach zu leisten. Und weil selbst er nicht jedes Jahr eine Johannes- oder Matthäus-Passion komponieren konnte, griff er dazu auch auf Werke anderer Komponisten zurück. Auch im Frühjahr 1750, ein halbes Jahr vor seinem Tod. Da führte Bach in Leipzig ein Passions-Oratorium von Carl Heinrich Graun auf. Was genau Bach 1750 in Leipzig aufführte, ist gar nicht so leicht zu beschreiben. Ein zweiteiliges Oratorium, das auf eine ältere Kantate von Carl Heinrich Graun zurückgeht, das Bach aber durch eigene Musik und einzelne Sätze von Georg Philipp Telemann ergänzte, und von Telemann kam letztlich auch der Titel des Ganzes: "Wer ist der, so von Edom kömmt".

Pasticcio-Variante

Entstanden ist auf diese Weise ein großes, zweiteiliges Oratorium – ein virtuelles Gipfeltreffen dreier hochmögender Komponisten: Graun, Telemann, Bach. "Pasticcio" nannte man das damals – eine musikalische "Pastete" unter großzügiger Ausnutzung noch nicht formulierter Urheberrechte, die die Musikforschung lange vor große Probleme stellte.

Im Herbst 2018 hat der Dirigent Gotthold Schwarz mit seinem Sächsischen Barockorchester Leipzig und dem Kammerchor Concerto Vocale dieses groß angelegte Werk in Thalbürgel aufgeführt. Deutschlandfunk Kultur hat mitgeschnitten, jetzt ist diese Aufnahme auf einer Doppel-CD erschienen, ebenfalls beim Label cpo.

Musiker des Sächsischen Barockorchesters Leipzig sitzen verstreut in einem Kirchenschiff (Sächsisches Barockorchester Leipzig)Mit Leidenschaft dem Barock verschrieben: das Sächsisches Barockorchester Leipzig mit Leiter Gotthold Schwarz. (Sächsisches Barockorchester Leipzig)

Ein großes, abendfüllendes zweiteiliges Oratorium, eingerichtet und aufgeführt von Johann Sebastian Bach – da ist es fast zwangsläufig, dass man "Wer ist der, so von Edom kömmt" mit den großen Passionen des großen Bach vergleicht. Was natürlich unfair ist. Welche Passion kann es schon mit der Matthäus- oder der Johannes-Passion aufnehmen? Aber wie Graun das Leiden Jesu am Kreuz musikalisch zeichnet, das ist berührend und auch kompositorisch sehr eindrucksvoll.

Fünf Jahre nach dieser Pasticcio-Aufführung durch Johann Sebastian Bach wird Carl Heinrich Graun dann selbst einen Passions-Hit landen: Sein Oratorium "Der Tod Jesu" aus dem Jahr 1755 wird eine der meistaufgeführten Passionsmusiken werden.

Carl Heinrich Graun: Wer ist der, so von Edom kömmt (Passions-Oratorium)
Gesine Adler, Sopran; Klaudia Zeiner, Alt; Tobias Hunger, Tenor; Tobias Berndt, Bass
Concerto Vocale 
Sächsisches Barockorchester Leipzig
Leitung: Gotthold Schwarz
Label: Koproduktion Deutschlandfunk Kultur und cpo

Eine der wunderlichsten und zugleich ergreifendsten Passionsmusiken stammt von Joseph Haydn. Der schrieb für das durch und durch katholische Cádiz eine Serie von Instrumentalstücken über die "Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze".

Ein Abenteuer der Langsamkeit

Haydn selbst nannte in schönem Understatement die Aufgabe, sieben Adagio-Sätze aneinander zu reihen, ohne die Zuhörer zu ermüden, "keine von den leichtesten". Sieben langsame Sätze in Folge, das war gegen alle damaligen Hörgewohnheiten und eigentlich hat erst Gustav Mahler in seinen monumentalen Adagio-Sätzen wieder ein solches Abenteuer der Langsamkeit gewagt.

Haydn selbst hat diese "Sieben Worte" gleich in mehreren Versionen geschrieben: Zunächst als Orchestersatz, dann für Streichquartett und schließlich auch noch als Oratorium mit Chor und Solisten. Die Oratorium-Fassung ist wohl die bekannteste, aber die Orchesterfassung ist die konzentrierteste, kompositorisch schlüssigste. Und diese Fassung hat jetzt das Hamburger Ensemble Resonanz neu auf CD eingespielt, unter der Leitung von Riccardo Minasi.

Das Ensemble Resonanz ist im 18. Jahrhundert ebenso zu Hause wie in der Zeitgenössischen Musik, es ist unerschrocken und wagemutig, vor anderthalb Jahren hat es Bachs "Weihnachtsoratorium" radikal ins klangliche Heute gezogen. Bei Haydns "Sieben Worten" verzichtet es auf solche Experimente, stellt sich ganz in den Dienst des Werks. Und auch heute noch sind diese sieben Adagio-Sätze ein Hör-Abenteuer, eine emotionale Tiefenbohrung.

Im Konzert kombiniert das Ensemble Resonanz Haydn mit Texten von Wolfgang Herrndorf, rezitiert von der Schauspielerin Birgit Minichmayr – letzte Worte eines großen Schriftstellers der Gegenwart. Auf der CD sind diese Texte leider nicht enthalten. Andererseits kann man sich so ganz auf die Musik konzentrieren. Die ist großartig, die Interpretation unsentimental, aber von großer emotionaler Kraft – und im abschließenden Terremoto, dem Erdbeben nach dem Tod Jesu, löst sich die ganze Spannung auf in einem dramatischen Finale.

Joseph Haydn: Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze (Orchesterfassung)
Ensemble Resonanz
Leitung: Riccardo Minasi
Label: harmonia mundi

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