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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.06.2013

Graue Maus kauft Rattengift

Zwei Inszenierungen ohne Aki Kaurismäki-Feeling

Von Stefan Keim

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Der finnische Autorenfilmer Aki Kaurismäki ist bekannt für seinen sparsamen, tristen Stil (picture alliance / dpa / Kimmo Mäntylä)
Der finnische Autorenfilmer Aki Kaurismäki ist bekannt für seinen sparsamen, tristen Stil (picture alliance / dpa / Kimmo Mäntylä)

Die Theaterregisseure David Bösch und Andreas Nathusius beweisen die Bühnentauglichkeit von Aki Kaurismäkis Drehbüchern. Bösch inszeniert "Das Mädchen aus der Streichholzfabrik" im Schauspielhaus Bochum, Nathusius arrangiert "I hired a contract killer" im Landestheater Detmold.

Die Figuren des Finnen Aki Kaurismäki sind schweigsam und schwermütig. Im Film "Das Mädchen aus der Streichholzfabrik" sind sie noch schweigsamer und schwermütiger. Sie sprechen kaum noch. Auf der Bühne in den Bochumer Kammerspielen gibt es ein bisschen mehr Text als im Kino. Regisseur David Bösch lässt die Regieanweisungen sprechen und entwirft eine eigene Bilderwelt für Kaurismäkis traurige, bittere Geschichte.

Karg und konzentriert erzählt der Film in 70 Minuten von einer jungen Arbeiterin, die so viel Lieblosigkeit erlebt, dass sie es nicht mehr aushält: Die graue Maus kauft Rattengift - aber nicht für sich selbst, sondern für die anderen. Am Anfang sieht man nur Maschinen und die Herstellung von Streichhölzern aus Holz.

Auch Franziska Gebhardts Bühne dominiert ein großes Gerät, zwei Förderbänder, die von einem Fahrrad angetrieben werden. Einen Zweck erfüllt die Maschine nicht, sie transportiert bloß alles, was man auf ihre Bänder schmeißt. Der Boden ist mit Torf bedeckt, es riecht feucht, faulig, muffig. Ein starker Beginn. Dann kommen die gesprochenen Regieanweisungen.

Wer pure Bilder, textloses Stummtheater erwartet hat, wie es Matthias Schweighöfer bei seiner Adaption dieses Films in Berlin geliefert hat, wird enttäuscht. David Bösch bemüht sich nicht um das typische Kaurismäki-Feeling. Hauptdarstellerin Maja Beckmann – ein Star in Bochum, im Sommer wechselt sie zu Armin Petras nach Stuttgart – ist hübscher als Kati Outinen im Kino. In ihr steckt viel mehr Lebensgier, da ist nicht nur ein Fünkchen übrig geblieben, da lodert ein Feuer.

Mehr Zeit für Hoffnung

Kaurismäki-Fans müssen erst einmal schlucken - doch das geht schnell vorbei. Denn David Bösch verbindet seine warmherzige, emotionale Art, Geschichten zu erzählen mit Kaurismäkis Ästhetik der Reduktion. Der Erzähler – gleichzeitig Bruder und Liebhaber des Mädchens namens Iris – spricht auch die Stimmen aus Radio und Fernsehen. Ein Knopf an einem Pappkarton genügt, um das Radio anzudeuten.

David Bösch lässt sich mehr Zeit für die Hoffnung. Iris sieht ein rotes Kleid, kauft es sich vom schmalen Lohn, lässt sich von ihrer Mutter beschimpfen. Aber sie zieht es an, lernt einen Mann kennen, schläft mit ihm. Für ihn ist die Sache damit erledigt, aber sie krallt sich fest an diesem Streichholz-Strohhalm. Maja Beckmann glüht und vibriert. Die junge Frau spürt, dass er ihre Liebe nicht erwidert. Kurz scheint ihr Körper in die alte Lethargie zurück sacken zu wollen, aber der Kopf gestattet es ihm nicht. Sie will das Glück erzwingen. Natürlich klappt das nicht.

Aber ihr Kampf ist berührend, wunderschön und auf traurige Weise witzig. Sie macht alles falsch, die Stimme überschlägt sich, sie verbrüht ihn mit Kaffee – grandioser Verzweiflungsslapstick. Es muss schon viel passieren, um den Willen dieser Iris zu brechen. Doch ihr fliegen Sätze vor den Kopf, die unfassbar knapp, boshaft und hart sind. Weil sie kein Gefühl enthalten, nur pure Gleichgültigkeit. Es sind punktgenaue Angriffe, eiskalt kalkuliert, so wie heute Hightech-Kriege geführt werden. Man hält sich die Opfer vom Leib. Hier bekommt die präzise, stilsichere Aufführung eine politische Ebene. Nicht in der Beschreibung des Seelenelends des Prekariats, sondern in der Gnadenlosigkeit der Distanzierung.

Der besser gestellte Liebhaber benutzt Iris und schmeißt sie weg. Ihr Kind soll sie wegmachen, am besten sich selbst gleich dazu. Aber Iris spielt nicht mit, wie es die Leidensfrauen in Andersens Märchen und vielen späteren Sozialdramen taten. Sie wird selbst zur Wegmacherin. Im Film wird sie am Ende von zwei Polizisten verhaftet. Auf der Bühne bleibt es beim Rezitieren der Regieanweisung. Iris setzt sich auf ihr Fahrrad und treibt sie an, die sinnlose Maschine, aufrecht, entspannt, bitter triumphierend.

Drei Kaurismäkis auf der Bühne

Witziger ist Kaurismäkis oft dramatisierter Film "I hired a contract killer". Auch hier erlebt ein verzweifelter Mensch die Liebe. Henri Boulanger hat nur für die Arbeit gelebt, wird entlassen, will sich umbringen und schafft es nicht. Deshalb engagiert er einen Killer. Während er in einem Pub auf seine Ermordung wartet, lernt er eine junge Frau kennen, verliebt sich und will wieder leben.

Ähnlich wie in Bochum lässt auch Regisseur Andreas Nathusius am Landestheater Detmold die Regieanweisungen sprechen. Er bringt drei Kaurismäkis auf die Bühne, junge Schauspieler mit weißen Rollkragenpullovern und schwarzen Hosen, die verschiedene Rollen übernehmen, mehrstimmig singen und die Geschichte erzählen. Dadurch bekommt der Film einen Touch von epischem Theater. Die einfach gestaltete Bühne – ein Landestheater muss touren – mit schwarzen Wänden, Türen und ein paar Tischen wird effektiv und geistreich eingesetzt, die Kaurismäkis bauen klare Bilder. Wenn die Drehbücher Kaurismäkis noch einen Beweis für ihre Bühnentauglichkeit bräuchten, die Premieren in Detmold und Bochum würden ihn liefern.

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