Seit 20:03 Uhr Konzert

Donnerstag, 01.10.2020
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Konzert / Archiv | Beitrag vom 05.08.2020

Granada Festival 2020Tenebrae singt spanische Renaissance

Moderation: Volker Michael

Das Vokalensemble Tenebrae beim Granada Festival 2020 in der Klosterkirche San Jerónimo am 11. Juli mit seinem Leiter Nigel Short. (Fermín Rodríguez/Twitteraccount Granada Festival)
Das Vokalensemble Tenebrae beim Granada Festival 2020 in der Klosterkirche San Jerónimo am 11. Juli mit seinem Leiter Nigel Short. (Fermín Rodríguez/Twitteraccount Granada Festival)

Groß war die Dankbarkeit des britischen Ensembles Tenebrae und seines Leiters Nigel Short - beim Granada Festival konnten die Vokalistinnen und Vokalisten endlich wieder öffentlich auftreten - in ihrer Spezialdisziplin Renaissance-Polyphonie.

In der andalusischen Stadt Granada fand in den vergangenen Wochen ein großes musikalisches Festprogramm statt. Der spanische Rundfunk hat dort einige Abende mitgeschnitten. Den Auftritt des britischen Vokalensembles Tenebrae bringen wir an dieser Stelle. Der Chor um den Dirigenten und Sänger Nigel Short hat sich sehr über diese Auftrittsmöglichkeit nach dem Lockdown gefreut – und ein fast rein spanisches Programm präsentiert. Herzstück ist das "Officium pro defunctis" von Tomás Luis de Victoria.

Nigel Short, Leiter des Vokalensembles Tenebrae (Sim Cannetty-Clarke/Website Tenebrae)Nigel Short, Leiter des Vokalensembles Tenebrae (Sim Cannetty-Clarke/Website Tenebrae)

Nach einem anderen Werk dieses spanischen Renaissance-Meisters Tomás Luis de Victoria hat sich das britische Vokalensemble schließlich auch benannt. "Tenebrae" – wörtlich "Schatten" oder "Finsternis" – sind Gesänge zur Karwoche von de Victoria. Es ist also ausschließlich sakrale und dunkel gefärbte Musik, die das Ensemble in Granada präsentiert hat. Und dennoch entfaltet diese rein vokale Musik der Zeit um 1600 eine Pracht und Farbigkeit, die nicht nur traurig macht, sondern auch tröstet. Außerdem ist sie hochherrschaftliche Repräsentationsmusik – denn die Trauermusiken erklangen in memoriam von Königen und Kaisern und zur Karwoche in den Kathedralen und Kirchen der großen Städte Spaniens und Italiens.

(Fermín Rodríguez/Twitteraccount Granada Festival)Das Vokalensemble Tenebrae beim Granada Festival 2020 in der Klosterkirche San Jerónimo am 11. Juli (Fermín Rodríguez/Twitteraccount Granada Festival)

Außer von Tomás Luis de Victoria kommt die Musik an diesem Abend von seinen beiden Zeitgenossen Alonso Lobo und Gregorio Allegri. Der eine wirkte in Spanien, der andere in Rom. De Victoria fühlte sich sowohl hier wie dort zu Haus – er ist also die geografische Klammer und war in der damaligen Zeit ein Vielreisender zwischen Italien und der iberischen Heimat.
Das Konzert von Tenebrae fand am 11. Juli im Kloster San Jerónimo in Granada statt.

Andalusischer Meister der Hochrenaissance

Es beginnt mit einem Werk des andalusischen Komponisten Alonso Lobo y de Borja. Er wirkte die meiste Zeit seines Lebens an den Kathedralen von Sevilla und Toledo. Seine Messen wurden als Sammelband in Madrid veröffentlicht. Andere als geistliche Musik ist von ihm nicht bekannt, genauso wenig, ob er ins Ausland gereist ist. Sein wichtigster Lehrer dürfte in Sevilla Francisco Guerrero gewesen sein. Tomás Luis de Victoria schätzte Lobos Werke außerordentlich. Zum Tode Philipps II. von Spanien schrieb er die sechsstimmige Motette "Versa est in Luctum cithara mea" – "Zu einem Klagelied hat sich der Klang meiner Harfe gewandelt".

Himmlische Höhen im Sopran

Auf den gregorianischen Gesang "De Lamentatione" nach den Worten Jeremias, der das zerstörte Jerusalem beklagt, folgt das "Miserere" des römischen Komponisten Gregorio Allegri. Dieses Vokalwerk wurde über einige Jahrhunderte regelmäßig während der Karwoche in der Sixtinischen Kapelle in Rom aufgeführt. Dort haben es auch Wolfgang Amadeus Mozart, Johann Wolfgang von Goethe und Felix Mendelssohn Bartholdy gehört und notiert oder beschrieben. Das "Miserere" war also Teil eines festen Rituals. Und das war relativ einfach, aber sehr ergreifend gestaltet, nicht zuletzt durch eine Sopranpassage auf dem hohen C 3.

Requiem ohne Tag des Zorns

Das "Officium pro defunctis" von Tomás Luis de Victoria ist ein ausgreifendes Stück Trauermusik. Der Hofkapellmeister hatte wohl einige Wochen Zeit zum Komponieren. Denn die große Totenfeier für seine Dienstherrin, die Kaiserin Maria, fand zwei Monate nach deren Ableben statt.

Das Werk besteht aus vier Teilen: Es beginnt mit einem Morgengebet, der Klage aus dem Buch Hiob: "Meine Seele verdrießt mein Leben" – "Taedet animam meam vitae meae".  Dann folgt das Requiem, die Totenmesse, hier allerdings ohne das später so gern und bunt vertonte "Dies Irae", "Tag des Zorns". Vielleicht wäre das bei einer Kaiserin auch nicht angemessen. Darauf folgt wieder eine Motette auf die musikalische Klage "Versa est in Luctum cithara mea" – "Zu einem Klagelied hat sich der Klang meiner Harfe gewandelt". Zwischen den einzelnen Abschnitten und Zeilen gibt es immer wieder kurze gregorianische Choralanfänge. Das "Officium pro defunctis" von Tomás Luis de Victoria endet mit der Absolution, der Vergebung der Sünden, dem "Libera me" und dem "Kyrie eleison", "Herr erbarme Dich".

Granada Festival
Monasterio de San Jerónimo
Aufzeichnung vom 11.07.2020

Alonso Lobo de Borja
Versa est in luctum

De Lamentatione (Gregorianischer Choral)

Gregorio Allegri
Miserere mei Deus

Tomás Luis de Victoria
Officium Defunctorum - Missa pro Defunctis

Tenebrae
Leitung: Nigel Short

Mehr zum Thema

Der britische Tenebrae Chor im Dom zu Speyer - Abschiedslieder
(Deutschlandfunk Kultur, Konzert, 15.07.2015)

RIAS Kammerchor im Krematorium Berlin - Mehrstimmige Klage an einem besonderen Ort
(Deutschlandfunk Kultur, Konzert, 22.07.2018)

Chordirigent Justin Doyle - "Ich bin wie eine Elster"
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 19.04.2016)

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur