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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.08.2006

Grabgesang aus der Peripherie auf das Zentrum

Juri Andruchowytschs karnevalistischer Roman "Moscoviada"

Rezensiert von Jörg Plath

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Auch Lenin ist in dem rasanten Buch eine Rolle zugedacht. (AP Archiv)
Auch Lenin ist in dem rasanten Buch eine Rolle zugedacht. (AP Archiv)

Einen abenteuerlichen Maitag seines zunehmend betrunkenen Landsmannes schildert der ukrainische Autor Juri Andruchowytsch in seinem Buch. Dabei wirkt die Suada von "Moscoviada" so unangestrengt wie atemlos: Jeder Scherz wird schon im nächsten Augenblick überboten. So erzählen Hofnarren und Jahrmarktskünstler. Mit groteskem Spott über das Imperium hält sich Andruchowytsch die Trauer über den unbeschreiblichen Zustand seiner kolonisierten Heimat vom Leib.

Das sowjetische Imperium befindet sich Anfang der neunziger Jahre im Niedergang. Untrügliches Anzeichen: die Knappheit an Bierkrügen, weshalb der ukrainische Dichter Otto von F. und seine Freunde geräumige Gurkengläser in Moskau mit sich herumtragen. Einen abenteuerlichen Maitag seines zunehmend betrunkenen Landsmannes schildert Juri Andruchowytschs Roman "Moscoviada":

Otto von F. entkommt mit knapper Not dem Attentat eines Bolschewistenhassers und den Kinnhaken (wenn auch nur im übertragenen Sinn) seiner Geliebten, er stürzt beinahe in die Kanalisation, gerät auf die Gleise der geheimen Regierungsmetro, wird vom KGB verhaftet, der ihn Riesenratten zum Fraß vorwerfen will, und entkommt dank seiner schlagkräftigen Geliebten, auch sie eine KGB-Angestellte, auf einen Maskenball, wo Lenin, Dserschinski, Katharina II. und Gefolge erregt über Maßnahmen gegen den Zerfall der Sowjetunion diskutieren. Otto von F. schießt mit dem Revolver auf die Vertreter des Imperiums und bemerkt erschreckt, dass Sägemehl aus ihnen rieselt: Es sind "Symbole".

Dies sind nur die wichtigsten Höhepunkte einer üppigen karnevalistischen Feier mit auffälligen und weniger auffälligen Anspielungen an Dantes "Göttliche Komödie", den Science Fiction-Film "Blade Runner", die Operette "Zigeunerbaron", George Orwells Klassiker "1984" und Wenedikt Jerofejews wunderbares Trinkerbuch "Die Reise nach Petuschki". Andruchowytschs temporeicher postmoderner Roman ist ein Grabgesang aus der Peripherie auf das Zentrum.

Dabei wirkt die Suada von "Moscoviada", mit der der Ukrainer 1992 auf seine zwei Studienjahre am Moskauer Maxim Gorki Literaturinstitut zurückblickt, so unangestrengt wie atemlos: Jeder Scherz wird schon im nächsten Augenblick überboten. So erzählen Hofnarren und Jahrmarktskünstler. Mit groteskem Spott über das Imperium hält sich Juri Andruchowytsch die Trauer über den unbeschreiblichen Zustand seiner kolonisierten Heimat vom Leib.

Der Roman setzt den dadaistischen Witz des lyrischen Trios Bu-Ba-Bu (einer Abkürzung für Burleske - Balagan (Jahrmarktsbude) - Buffonade) fort, mit dem Andruchowytsch in den achtziger Jahren berühmt wurde. Seit seinem versponnenen Essayband "Das letzte Territorium" (deutsch 2003), dem Roman "Zwölf Ringe" (2005) und seiner umstrittenen Dankesrede für den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung 2006 ist der 46-Jährige so etwas wie der inoffizielle Botschafter der Ukraine.


Juri Andruchowytsch: Moscoviada
Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006, 224 Seiten

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