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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.06.2016

Gotthard-TunnelEin Fluchtweg aus Europa

Von Tobi Müller

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Der Schweizer Bundespräsident Johann Schneider-Ammann steht mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel (l) bei der Eröffnung des Gotthardtunnels im Tunnel.  (picture alliance / dpa / Peter Klaunzer / Pool)
Der Schweizer Bundespräsident Johann Schneider-Ammann steht mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel (l) bei der Eröffnung des Gotthardtunnels im Tunnel. (picture alliance / dpa / Peter Klaunzer / Pool)

Die Durchlöcherung des Gotthardmassivs ist kein neues Phänomen: Die Schweizer durchbohren die Alpen schon seit 144 Jahren. Immer aus zwei Gründen, meint Tobi Müller: Die Schweiz sucht den Anschluss an das europäische Verkehrsnetz und möchte sich gleichzeitig vor fremden Einflüssen schützen.

Die Schweiz kennt sich aus mit Löchern. Keine Witze über den Käse jetzt, bitte. Ich meine die Alpen und ihre Hohlräume. Die Bergler selbst sagen übrigens nie Tunnel, sondern immer nur: Loch. Fertig. Das Gotthardmassiv muss man sich so löchrig wie das Ruhrgebiet vorstellen. Im Pott ging man unter Tage, am Gotthard bohrt man seit 1872 in den Berg.

Nicht etwa wegen Braunkohle oder anderer Bodenschätze. Nein, die Durchlöcherung der Alpen hat seit 144 Jahren stets zwei Gründe: Die Schweiz leidet unter Umfahrungsangst und sucht den Anschluss an das europäische Verkehrsnetz. Gleichzeitig möchte sich das Land vor fremden Einflüssen schützen. Auf der Website zur Eröffnung des Rekordtunnels heißt es heute: "Die Schweiz geht ihren eigenen Weg. Und verbindet damit ganz Europa."

Mit verbundenen Augen zum Militärdienst

Der allererste Gotthardtunnel war das Projekt der liberalen Schweiz. Die Banker und Maschinenbauer wollten sich aus wirtschaftlichen Gründen vernetzen. Dummerweise kam der deutsch-französische Krieg dazwischen, aber 1872 konnten die Bauarbeiten beginnen, auch mit dem Geld der befriedeten Nachbarn.

Im zweiten Weltkrieg bohrte dann die Armee, der Gotthard wurde zur Alpenfestung, wohin sich die Führung des Landes bei einem Angriff zurückgezogen hätte. Diese Löcher nannte man Réduit, in Schweizer Wohnungen ein Wort für den Abstellraum.

Auch meine Freunde wurden mit verbundenen Augen in diese Alpenfestungen gefahren, um Militärdienst zu leisten. Der Gotthard Straßentunnel eröffnete 1980 und 1981 dichtete die beste Schweizer New Wave Band, Hertz mit tz, im Lied "Gottharddurchstich": "Wir sitzen stumm, die Nase am Fenster / Draußen ist es feucht und finster / Mutter, ich glaub`ich sah Gespenster".

Ein Loch für Freunde, die wieder gehen

Mythen, Gespenster, Trugbilder: Sie sind im Gotthard schon lange zu Hause. Auch heute. Der Verkehr zwischen Bodensee und Genf, zwischen West und Ost, ist längst größer. Aber die Nord-Südachse verläuft mitten durch das Selbstverständnis des Landes. Der Gotthard-Basistunnel verbindet die Völker und sorgt dafür, dass die Fremden die Schweiz schneller denn je wieder verlassen können. Das hochwertige Bauwerk ist auch der längste Fluchttunnel aus Europa. Ein Loch für Freunde, die bitte bald aufbrechen mögen. Am liebsten pünktlich. Mit den Schweizerischen Bundesbahnen ist das durchaus möglich.

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