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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 07.09.2012

"Gott ist Dein Hirte, wenn Du kein Schaf bist"

Der israelische Aphoristiker Elazar Benyoëtz im Porträt

Von Sandra Stalinski

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In seinem Werk reflektiert Elazar Benyoëtz  vor allem über den Glauben, die jüdische Tradition und die Sprache. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
In seinem Werk reflektiert Elazar Benyoëtz vor allem über den Glauben, die jüdische Tradition und die Sprache. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

Elazar Benyoëtz ist einer der letzten israelischen Schriftsteller, die auf deutsch schreiben. Als Kleinkind floh er mit seinen Eltern aus Österreich vor den Nazis nach Israel und lernte die deutsche Sprache erst als Erwachsener. Vor wenigen Tagen wurde er von der Stiftung Bibel und Kultur in Berlin für sein Lebenswerk geehrt.

Etwas über Elazar Benyoëtz zu sagen, ist schwer. Zumindest wenn man den Dichter ernst nimmt. Denn er ist kein Freund klarer Aussagen. In seinem Werk reflektiert er vor allem über den Glauben, die jüdische Tradition und die Sprache. Bei ihm gibt es nichts Eindeutiges. Gewissheiten, Antworten sucht man vergebens. Man lernt vielmehr, Fragen zu stellen.

"Das Denken stellt das Gedachte, der Glaube, das Geglaubte in Frage. Nun steht die Frage offen, wir können hinein."

Elazar Benyoëtz ist Aphoristiker. Diese häufig belächelte, an den Rand gedrängte literarische Gattung, hat er zu seiner Königsdisziplin erwählt: Seine Sinnsprüche bestehen oft nur aus einem Satz - kurz, prägnant, geistreich. Er verzichtet auf vordergründige Pointen oder darauf, einen Gedanken länger zu verfolgen. Er will in seinen Lesern etwas anstoßen, damit sie es weiterdenken, für sich mit Inhalt füllen. Er sagt: "nicht Deuten, Andeuten ist meine Sache"

Aus gutem Grund enden seine Aphorismen fast nie mit einem Punkt. Er will die Dinge offen halten und einem vorschnellen Verständnis entgegenwirken.

"Es gibt mehr Antworten als Fragen, darum muss jede Antwort immer wieder infrage gestellt werden."

Wer Elazar Benyoëtz gelesen hat, wird die Sprache mit anderen Augen betrachten. Jedes Wort wird plötzlich verfänglich. Denn - wie kein anderer - seziert er die deutsche Sprache. Legt Bedeutungen frei, die einem Muttersprachler längst nicht mehr bewusst sind.

"Im Versprechen kündigt sich das Versagen an."

"Sprechen" und "sagen". Durch die Vorsilbe "ver-" erhalten die Synonyme völlig unterschiedliche Bedeutungen. Versprechen - Versagen. Oder doch nicht ganz? Birgt nicht ein Versprechen, immer auch die Gefahr, es nicht zu halten, also zu versagen? Und: Versagt man sich nicht auch etwas, wenn man etwas verspricht.

Elazar Benyoëtz schärft den Blick für die Vieldeutigkeit von Wörtern, verkehrt ihren Sinn ins Gegenteil, zieht zusammen, was scheinbar nicht zusammen gehört. So verweist er auf versteckte Bezüge zwischen Wörtern und Wendungen. So kann nur einer schreiben, der Distanz zur deutschen Sprache hat.

Geboren in Österreich, musste er 1939, als Zweijähriger, mit seinen Eltern vor den Nazis ins damalige Palästina fliehen. Seine Muttersprache ist Hebräisch. Erst mit Mitte Zwanzig beschließt er nach Deutschland zu gehen und lernt dort die Sprache derer, die ihn einst verfolgten. Er begründet die Bibliografia Judaica, ein Lexikon, das alle deutschen Dichter jüdischer Abstammung versammelt soll. Möglichst lückenlos, keiner soll vergessen sein. Ein paar Jahre später kehrt er nach Jerusalem zurück, seitdem schreibt und publiziert er auf Deutsch.

"Wo es keinen Anfang gibt, muss mit ihm begonnen werden
Im Anfang also war das Wort
Und alles ließ sich träumen nach und nach
Und alles ließ sich sagen mehr und Meer"

Er ist religiöser Jude, seine Sätze lässt er immer wieder um Gott und den Glauben kreisen. Seine Motive schöpft er aber nicht nur aus der jüdischen Tradition und der Thora, sondern auch aus dem Neuen Testament der Christen. Er sagt, seine Sprache sei "gebibelt". Aber der Glaube hat bei ihm nichts mit Überzeugung zu tun. Im Gegenteil, Überzeugung birgt Gefahr. Erst der Zweifel führt zum Glauben.

"Der Glaube ist nicht zwingend, der Zweifel aber
Der Zweifel sieht die Berge nicht, die der Glaube versetzen musste."

Einen guten Ratschlag hat er aber doch noch – für alle Zweifler:

"Gott ist dein Hirte, wenn du kein Schaf bist."

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