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Kompressor | Beitrag vom 30.12.2014

Gorki TheaterLiebe in Zeiten der Selbstoptimierung

Von Tabea Grzeszyk

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Mareike Beykirch (vl), Anastasia Gubareva und Aleksandar Radenkovic in einer Szene des Stücks "Erotic Crisis" am Maxim Gorki Theater Berlin. (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld)
Unter Druck: Mareike Beykirch (vl), Anastasia Gubareva und Aleksandar Radenkovic in einer Szene des Stücks "Erotic Crisis". (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld)

Aufregender Sex gehört zu einer Liebesbeziehung dazu. Doch wie kann man den Leidenschaften und Sehnsüchten seiner Partnerin gerecht werden? Der Schauspieler Aleksandar Radenkovic erforscht im Stück "Erotic Crisis" die Bedingungen der Liebe.

"Ein Mann will ficken, immer, überall. Egal, ob er gerade an der Spüle schraubt, im Krieg kämpft oder friert. Egal, ob er eine Pizza ausliefert, ob er die Frau kennt oder nicht. So ein richtiger Mann, scheißegal, der ist immer geil und der kriegt einen richtigen Ständer, sobald er eine Frau - hallo - nur anschaut. Richtige Frauen lieben es auch, vor einem richtigen Mann zu knien und ihn mit großen Augen flehend anzuschauen und zu sagen: bitte bitte bitte, ich brauche dein Sperma jetzt sofort, am besten ins Auge."

Aleksandar Radenkovic steht alleine am Bühnenrand des Gorki-Theaters, in der Hand einen Dildo, als er diesen Monolog über ein Männerbild hält, dem jegliche Form der Romantik ausgetrieben wurde. Seine Figur Rafael weiß Bescheid über Sex: Nach der Scheidung versorgte sein Vater ihn mit Pornos, damit der Sohnemann in einem Frauenhaushalt nicht schwul wird. Der Schauspieler Aleksandar Radenkovic lässt offen, wie viel von seiner eigenen Biografie in Rafael steckt – die Verbindung von Lust und Leistung kommt ihm jedenfalls bekannt vor.

"Also ich kann es nur von meinem Beruf beschreiben, wir haben sechswöchige, siebenwöchige Probenzeiten und dann am Ende jeder dieser Probenzeit steht eine Premiere und an dieser Premiere kommen Kritiker und diese Kritiker bewerten. Ein Haus steht und fällt mit der Auslastung durch die Zuschauer. Man ist ständig getrimmt, Leistung zu bringen. Und natürlich zieht sich diese Erwartungshaltung auch an sich selbst und das Leistung-erbringen-wollen manchmal auch in das Privatleben rein. Ich glaube, jedermann hat in seinem Leben schon mal den Moment gehabt, wenn er nicht mit seiner Partnerin schlafen konnte, weil es allein technisch nicht funktioniert hat, aus welchem Grund auch immer. Natürlich macht man sich dann Gedanken und denkt, oh Gott, habe ich jetzt versagt?"

Liebe nach den Regeln des Marktes

Auch die romantische Liebe folgt heute den Regeln des Marktes. Im Theaterstück "Erotic Crisis" gibt Aleksandar Radenkovic alias Rafael alles, um die sexuelle Befriedigung seiner Partnerin Kumari sicherzustellen - schließlich gehört zu einer funktionierenden Beziehung ein aufregendes Sexleben dazu. Doch als Kumari ihre Fantasie gesteht, Rafael mit einer Frau im Bett zu beobachten, ist er sprachlos.

Rafael: "Warum stellst du dir sowas vor?"

Kumari: "Weil ich hinter deine Mauern blicken will, ohne Scham und ohne Angst. Weil ich deine ganzen Sehnsüchte kennen will, weil ich wissen will, wer du bist, wenn ich nicht da bin. Oder noch besser, wenn ich da bin, aber dir ist es egal. Wünschst du dir nicht manchmal, du könntest eine ganz, ganz andere Seite von mir sehen?"

Rafael: "Ne andere Seite, die rauskommt, wenn ich nicht da bin?"

Kumari: "Ja."

Rafael: "Nein. Nein, das klingt nach meinem schlimmsten Albtraum!"

Radenkovic: "Wir leben in einer sehr offenen Stadt, wo wirklich - seien es Dreierbeziehungen, offene Beziehungen, bisexuelle Beziehungen, gemischt - alles möglich ist. Ich glaube, dass es da keine Grenzen gibt. Aber was ich auch empfinde, dass sich dieses Immer-sich-steigern, dass es diese Suche nach dem, was macht ein Sexleben noch aufregender und noch intensiver, dass es teilweise auch in die falsche Richtung gehen kann, eben weil wir so zugeschüttet werden oder so übersexualisiert sind durch die Medien. Ich vermisse manchmal den altbackenen Hausmütterchen-Sex, der auch sehr romantisch sein kann."

Eine Frage des Zeitmanagements

Hausmütterchen-Sex für die Liebe - eine funktionierende Beziehung ist heute gar nicht so einfach, auf der Bühne wie im Leben. Vor allem, wenn man als erfolgreicher Schauspieler seit sechs Jahren mit einer erfolgreichen Schauspielerin zusammen ist. Für Aleksandar Rodenkovic ist romantische Liebe keine Frage des Glaubens, sondern eine Frage des Zeitmanagements:

"Das ist meistens so, dass wenn ich im Sommer Urlaub habe, sie die Hochphase im Drehen hat, und wenn im Winter nicht gedreht wird, ich meistens eine Premiere nach der anderen habe und durcharbeite. Aber, ja, mit viel gutem Willen und dem Glauben daran, dass man dann doch irgendwie die Zeit findet, geht das. Aber es erfordert auf jeden Fall Organisationstalent."

Aber Liebe ist möglich, auch heute?

"Oh mein Gott, natürlich, auf jeden Fall! Ich glaube, wenn man - oder ich kann nur von mir reden, wenn ich den Glauben verlieren würde, dass es nicht mehr möglich wäre, gäbe es ja gar keinen Sinn mehr, irgendwie weiterzuleben."

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