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Thema / Archiv | Beitrag vom 06.03.2009

Google: Energieverbrauch von Rechenzentren lässt sich drastisch senken

Urs Hölzle im Gespräch mit Matthias Hanselmann

Computerunterricht (Stock.XCHNG / Norbert Machinek)
Computerunterricht (Stock.XCHNG / Norbert Machinek)

Nach Ansicht von Urs Hölzle, Senior Vice President of Operations bei Google, lässt sich der Energieverbrauch der meisten Rechenzentren um rund die Hälfte senken. Schon verfügbare, technische Möglichkeiten würden derzeit nicht genügend genutzt, sagte Hölzle.

Matthias Hanselmann: Green IT ist eines der beiden Schwerpunktthemen der diesjährigen CeBIT, der weltgrößten Messe für Informationstechnik, die zurzeit in Hannover läuft. Aber was ist grüne Informationstechnik aus Sicht der Unternehmen? Darüber habe ich mit dem Green-IT-Experten der Firma Google gesprochen, also mit der Firma, die die erfolgreichste Internet-Suchmaschine der Welt betreibt. Circa eine Millionen Rechner arbeiten für diese Suchmaschine, eine enorme Zahl, und damit verbunden natürlich der entsprechend hohe Energiebedarf. Wir haben Urs Hölzle von Google auf der CeBIT erreicht und ich habe ihn zunächst gefragt, ob seine Firma sich denn bereits in irgendeiner Form auf einen grünen Weg begeben habe.

Urs Hölzle: Ich glaube, ja, wir haben schon seit vielen Jahren, seit ungefähr dem Jahr 2000, haben wir aus Kostengründen angefangen, den Energieverbrauch unserer Suchmaschinen so gering wie möglich zu halten. Und zwar weil wir rausgefunden haben, dass die Standard-PCs und die Standarddatenzentren, die da einfach überall rumstehen, im Prinzip schlecht gebaut wurden und dass sie unnötige Betriebskosten verursacht haben. Und dann haben wir eben angefangen, selbst unsere Rechner zu bauen, selbst unsere Datenzentren zu konstruieren, die dann eben wesentlich effizienter sind und als Resultat dann auch billiger sind. Und wir müssen was tun, weil unsere Produkte ja gratis sind. Da können wir uns nicht leisten, jede Menge von Geld auszugeben, um sie zu betreiben.

Hanselmann: Das Besondere bei Google ist, dass die Suchmaschine über ein großes Netz von Einzelrechnern arbeitet, die über die ganze Welt verteilt sind. Geht es noch sparsamer?

Hölzle: Wenn ich das wüsste, wie man es noch sparsamer machen könnte, dann würde ich das gerne tun. Wenn Sie sich den Aufwand pro Anfrage anschauen, ist der eigentlich extrem gering. Wir haben das extensiv studiert intern und herausgefunden, dass wir ungefähr 0,2 Gramm CO2 verbrauchen pro Anfrage. Und das entspricht ungefähr zehn Sekunden von Ihrem typischen Desktop-PC, den Sie zu Hause haben oder so. Das heißt, wenn Sie mehr als zehn Sekunden brauchen, um die Anfrage einzutippen, dann verbrauchen Sie mehr Strom bei sich zu Hause, als wir in dem Rechenzentrum verbrauchen.

Hanselmann: Also würden Sie sagen, eine Google-Anfrage ist eine saubere Sache?

Hölzle: Es ist nicht eine saubere Sache, weil es ja immer noch Energie verbraucht, aber es ist eine erstaunlich energieeffiziente Art. Wenn Sie mal vergleichen, die neue Euro-Richtlinie, glaube ich, für Autos ist bei 140 Gramm pro Kilometer oder so, das heißt, dass ein Kilometer Autofahren kostet Sie 140 Gramm CO2, und das wäre zur Größenordnung 700 Google-Anfragen. Und ein Grund, wieso dieser Unterschied so groß ist, ist, dass schlussendlich auch im Internet, da bewegen sich ja eigentlich nur Elektronen hin und her, physisch muss da nichts umgeschoben werden. Und das ist viel billiger sozusagen, die virtuelle Arbeit zu machen, als die reele Arbeit zu machen und da eine Tonne Fahrzeug von A nach B einen Kilometer lang zu verschieben.

Hanselmann: Herr Hölzle, Sie sind der Green-IT-Experte bei Google in Deutschland, was sind denn die sonstigen Maßnahmen, die Sie durchführen oder noch durchführen wollen, in Bezug auf Green IT?

Hölzle: Wir haben uns eigentlich schon lange mit dem Thema befasst und natürlich intern viel gemacht. Wir publizieren die Effizienz unserer Datenzentren und glauben, dass wir mit Abstand die effizientesten sind. Wir bauen unsere eigenen Server, unter anderem aus Effizienzgründen, aber das ist ja nur ein Teil vom Stromverbrauch, von der IT. Ich glaube, einer der größten Möglichkeiten ist, dass man mit Information im Rest des Lebens Strom sparen kann. Ich habe schon erwähnt, dass zum Beispiel, wenn Sie durch eine Google-Recherche eine Reise zur Bibliothek oder zu einem Laden ersparen können, dann haben Sie absolut garantiert Energie gespart und CO2 gespart, weil eben in der virtuellen Welt die Sache viel effizienter ist. Aber darüber hinaus probieren wir zum Beispiel, mit Information den Leuten nahezubringen, was effektiv passiert. Wir haben in den USA vor zwei, drei Wochen zum Beispiel angekündigt, dass wir einen neuen Service anbieten, der nennt sich "Power Meter", und da geht es im Wesentlichen darum, die Verbrauchsdaten von Ihrem Haus aus sichtbar zu machen und denen zu zeigen, in einer ganz einfachen Applikation, wann Sie wie viel verbrauchen, und es deswegen zu ermöglichen, Ihr Verhalten zu ändern und die Geräte abzuschalten, die da nachts laufen oder so. Weil eben durch die Information dann Sie sehen können, was effektiv passiert. Das ist also nicht nur dann eine Black Box, sondern was, was Sie effektiv managen können. Und in Englisch sagen wir: "You can’t manage what you can’t measure", "Sie können nicht beherrschen oder verändern, was Sie nicht messen können". Und da ist eine sehr große Chance, die wir als Informationsanbieter oder Informationsverarbeiter eben haben und die wir wahrnehmen wollen.

Hanselmann: Also dass Zuhausebleiben und Googlen weniger CO2-Ausstoß produziert, als mit dem Auto zur Bibliothek zu fahren, das leuchtet mir schon ein. Aber in dem ganzen anderen Bereich, wenn wir über Green IT reden, reden wir über Stromverbrauch in den Rechenzentren. Da haben Sie angeführt, da haben Sie aus Kostengründen schon früh angefangen zu sparen. Stromverbrauch durch private Nutzer der Geräte, da gibt es ja auch Rechner, Drucker usw., dann die Entsorgung von Geräten, Elektroschrott, dieser ganze Kreis, auch die Verwendung von toxischen Substanzen in der Computerindustrie – in diesem, sagen wir mal, etwas globaleren Themenfeld werden Sie aber als Firma Google nicht aktiv, oder?

Hölzle: Doch, da sind wir gerade an diesem Kongress hier, weil mein Hauptthema eigentlich, dass wir zu wenig tun, dass wir die technisch bestehenden Möglichkeiten nicht ausnutzen. Es ist heute möglich, den Energiebedarf Ihres PCs um einen Faktor zwei zu senken, und es ist auch möglich, den Elektrizitätsbedarf, den Energiebedarf eines Datenzentrums um fast einen Faktor zwei zu senken.

Hanselmann: Wenn Sie Faktor zwei sagen, meinen Sie die Hälfte?

Hölzle: Ja, die Hälfte. Wir haben das gemacht bei Google, schon seit Langem, und wir haben nichts Neues erfunden. Die Technologie, die wir brauchen, die gab’s schon vor fünf Jahren, und wo wir uns stark dafür einsetzen – wir haben zum Beispiel eine Initiative zusammen mit dem WWF, von Intel und vielen anderen Firmen, nennt sich "Climate Savers Computing", wo es wirklich darum geht, diesen neuen effizienteren PC-Standard zu propagieren, weil wir wirklich die Technologie, die es schon gibt, nicht ausnutzen. Und wir könnten – es gibt Voraussagen, die vorhersagen, dass der Gesamtkonsum von IT weltweit von 2007 bis 2020 um fast 80, 90 Prozent steigen wird. Ich bin fest überzeugt, dass wenn wir die Technologie ausnutzen, die es schon gibt, dass wir statt einer 80-Prozent-Steigerung eine Verminderung erreichen können. Das ist etwas, was wir intern wirklich schon intensiv gemacht haben, wirklich aus Kostengründen, und was für mich aus unbegreiflichen Gründen der Durchschnittsanwender oder die Durchschnittsfirma einfach nicht wahrnimmt. Und zum Teil, weil es ihnen einfach nicht bewusst ist, wie viele Folgekosten da sind und dass der Anschaffungspreis nicht wirklich die vollen Kosten sind, sondern dass die Energiekosten nach der Anschaffung ein wirklich großer Bestandteil des Gesamtpreises sein können. Und bei uns – Sie müssen meine Stimme entschuldigen, ich bin ein bisschen heiser – bei uns haben wir eben von Anfang an alle Kosten zusammengezählt. Und da wurde ziemlich schnell klar, dass die Energie in den Gesamtkosten eine führende Rolle spielt und dass es sich lohnt, ein bisschen teureres Gerät zu haben oder ein bisschen mehr Aufwand zu betreiben, um ein effizienteres Gerät oder ein effizienteres Gebäude zu haben, und dass Sie dann in sehr kurzer Zeit dieses Geld zurück bekommen, weil dann eben der Energieverbrauch gesenkt wird.

Hanselmann: Ich verstehe gut, dass Sie im Wesentlichen von Kostenersparnis reden und weniger von der globalen Erwärmung oder solchen Dingen, deswegen letzte Frage: Gerade macht eine Suchmaschine von sich reden, die nennt sich "Forestle", also frei übersetzt "kleines Wäldchen", bei der man als privater Nutzer über Werbeeinnahmen in Zusammenarbeit mit Yahoo pro Jahr rund 100 Quadratmeter Regenwald retten kann, wenn man diese Suchmaschine durchgehend benutzt. Was halten Sie von der Idee?

Hölzle: Also ich glaube, Kompensationsmaßnahmen sind eine gute Idee, aber ich glaube, es ist besser, die Energie zuerst zu sparen und zu minimieren, als sie sozusagen zu verschwenden und dann nachher versuchen, dafür zu kompensieren. Ich befürworte sehr, dass man Kompensationssachen macht, aber als Erstes sollten wir schauen, dass wir die Energie gar nicht verbrauchen und das CO2 gar nicht ausstoßen. Und dazu, glaube ich, gibt es eine sehr große Chance für die IT-Industrie, den Strombedarf und den Energieverbrauch sehr stark zu mindern.


Das vollständige Gespräch mit Urs Hölzle können Sie bis zum 6.8.2009 als
MP3-Audio in unserem Audio-on-Demand-Angebot nachhören.

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