Manuel Bittorf: „Goldener Retriever“ – Weltschmerz und Übermut (Buchkritik)

Das Cover des Romans zeigt einen Hund, der den Kopf zur Seite gedreht hat. Über ihm stehen Wolken am Himmel.
© Gutkind Verlag

Manuel Bittorf

Goldener RetrieverGutkind Verlag, Berlin 2026

224 Seiten

22,00 Euro

Von Oliver Jungen |
Manuel Bittorf, besser bekannt als der Musiker Betterov, begleitet in seinem Roman zwei sympathische Jungs aus der ostdeutschen Provinz auf ihrem Weg ins Leben. Ein mitreißendes Debüt voller Wehmut, Lakonie und wilder Komik.
Aufregend ist das Ende der Jugend, der Schritt in die Welt. Beängstigend aber ebenfalls. Von diesem Zustand zwischen Verlorenheit und Überwältigung handeln die meisten Songs des Berliner Musikers Betterov. Dieser hier stammt von seinem Album „Große Kunst“ aus dem vergangenen Jahr:
„Manchmal stell‘ ich mir vor
Mein Leben ist nur ein Film
Ich weiß kurz nicht wohin
Aber am Ende ergibt alles Sinn
Ein Happy End
Ein Happy End“

Rasant komische, anrührende Handlung

Betterov, geboren in der Nähe von Eisenach, singt von seiner Herkunft, vom Bruch zwischen Arbeiterklasse und Kulturbürgertum, von ganz privaten Kämpfen. Am Ende aber siegt eigentlich immer die Zuversicht. Nun hat Manuel Bittorf unter seinem bürgerlichen Namen einen ganzen Roman verfasst, der im Grunde die „Extended Version“ des Film-Songs ist. Er handelt von Weltschmerz und von jugendlichem Übermut und ist dabei filmisch, wie es nur geht.
Die rasant komische, anrührende Handlung zeichnet erneut den Weg junger Menschen aus der ostdeutschen Provinz ins erschütternd große Berlin nach. Dass der Ich-Erzähler Max und sein bester Kumpel Chau auf ihrem Weg ins Leben ins Stolpern geraten, statt nach dem Abi brav zu studieren, macht sie nur noch sympathischer.
Wie jede Geschichte des Aufbruchs ist „Goldener Retriever“ aber zugleich eine des Abschiednehmens. Max muss verkraften, dass seine Freundin Kiki doch nicht mit nach Berlin kommt. Nach einem Auslandsaufenthalt beginnt sie ein Studium in München. Eine Beziehung, so lernt er, kann enden, ohne beendet zu werden. Es kam ihnen einfach das Erwachsenwerden dazwischen:

„Unsere Calls verschoben sich ständig. Der Haarriss wurde größer. Von dreimal die Woche telefonieren zu zweimal zu einmal. Mittlerweile sahen den Riss auch andere. Wenn Chau mich fragte, wie es Kiki ging, wusste ich es nicht. Und das tat höllisch weh.“

Aus „Goldener Retriever“

Unerträgliche Stille

Und da ist noch ein weiterer Schmerz, der so tief sitzt, dass der Held ihm auch durch seine Flucht nach vorne nicht entkommt: die Angst um seine an Magenkrebs erkrankte Mutter. Die Passagen darüber, wie das Familienleben unter dieser Diagnose langsam erstickte, gehören zu den stärksten des Buches:

„Jedes Betätigen einer Türklinke war, als hätte jemand im Haus eine Waffe abgefeuert. Jeder Schritt auf der Treppe im Haus fühlte sich an, als wäre das Geräusch noch kilometerweit zu hören. Wahrscheinlich, und so fällt es mir in diesem Moment ein, war das der Grund dafür, dass nur noch das Nötigste gesprochen wurde. Und so blieb es still.“

Aus „Goldener Retriever“

Man kann es Max also kaum verdenken, sich in Berlin erst einmal treiben zu lassen. Seiner Melancholie steht Chaus unverwüstlicher Optimismus gegenüber. Gemeinsam beziehen sie eine abgeratzte WG im schicken Grunewald. Schnell geraten sie dann in einen gehörigen Schlamassel, aus dem der Ausstieg immer schwerer fällt, weil sie zuverlässig die falschen Entscheidungen treffen.

Eine saudämliche Geschäftsidee

Es hat mit einer saudämlichen Geschäftsidee zu tun, die darauf zurückgeht, dass Max in einer durchzechten Nacht ein herrenloser Hund zugelaufen ist, ein Golden Retriever, was ihm sagenhafte 5.000 Euro Finderlohn einbrachte. Dass dieser Handlungsstrang nicht gut ausgeht, wissen die Leser seit der ersten Seite, denn da haben Polizisten mit Sturmhauben den Protagonisten niedergestreckt.
Die knallige, im Rückblick erzählte Handlung erinnert an deutsche Filme der Nullerjahre. Sie hängt mitunter leicht durch, etwa wenn sich die Landeier seitenlang im Berliner Hauptbahnhof verirren. Andererseits ist Belanglosigkeit hier ja Programm. So ganz sind Max und Chau für das Erwachsensein eben noch nicht bereit.
Ist das nun „große Kunst“? Nun ja. Man könnte „Goldener Retriever“ wohl nicht nur vom Sujet her, sondern auch im Hinblick auf die Erzählweise einen Jugendroman nennen. Von einer zweiten Ebene hinter dem Gesagten ist wenig zu spüren: Ein literarisch avanciertes Schreiben ist das nicht, aber ein mitreißend gegenwärtiges voller Wehmut, Lakonie und wilder Komik.

Dem Reiz der Dialoge kann man sich kaum entziehen

Denn wodurch dieser Roman hervorsticht, das ist seine absolute Stilsicherheit. An keiner Stelle wackelt hier der Ausdruck. Dem Reiz der vielen Dialoge kann man sich kaum entziehen. Als Max etwa doch einmal zu einer Jura-Vorlesung geht, sitzt er zwischen zwei Vorzeigestudenten:

„Ich checke so wenig von dem, was die reden, dass ich noch nicht mal eine Ahnung habe, wie ich lügen sollte, wenn sie mich fragen würden. ‚Wenn du Assessor noch nicht gelesen hast, wo bist du gerade?‘

Aus „Goldener Retriever“

Und schon ist es passiert. Beide Blicke sind nun auf mich gerichtet.
Ich […] entscheide mich für Verwaltungsrecht. Weil: Wer fängt damit bitte an? ‚Verwaltungsrecht nach Stegmeier.‘ Den Namen Stegmeier hatte ich auf einem unserer Klingelschilder gelesen. Der wohnt über uns.
‚Hä?‘, entgegnet der mit der Uhr. ‚Das kommt doch erst viel später im Studium […]‘.“

Aus „Goldener Retriever“

Mit dieser Attitüde kommt man weit in Berlin – und in einem Pikaro-Roman. Witz, Retrohaltung und ein hoher Flauschfaktor: Um sich blendend unterhalten zu fühlen, reicht das. Auch Sven Regener hatte seinen nicht unverwandten Debütroman „Herr Lehmann“ vor 25 Jahren mit einer lustigen Hundeszene begonnen; es wurde ein ganzer Kosmos daraus. Vielleicht steht das hier ja ebenfalls bevor. Der erste Roman von Manuel Bittorf wird sicher nicht sein letzter bleiben.
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