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Lange Nacht / Archiv | Beitrag vom 04.07.2009

Götterfunken und Kirschblüten

Eine Lange Nacht über die Liebe der Japaner zur klassischen Musik

Von Sylvia Systermans und Jörg Albrecht

Junge Cellisten nehmen an einem Massenkonzert in Tokio teil. (AP)
Junge Cellisten nehmen an einem Massenkonzert in Tokio teil. (AP)

Wer an Japan und seine Musik denkt, hat vielleicht die eindrucksvollen Töne des Kabuki-Theaters im Ohr, die ekstatischen Klänge der Taiko-Trommeln oder das zarte Sirren des Shamisen. Tatsächlich aber ist diese traditionelle Musik in Japan wenig populär. Allgegenwärtig und bestimmende Größe im japanischen Musikleben ist hingegen die klassische Musik Europas.

Seit mehr als 150 Jahren stehen die Werke von Bach bis Brahms im Zentrum der japanischen Musikrezeption, ist Beethovens "Neunte" die heimliche Nationalhymne Japans und Mittelpunkt jeder japanischen Silvestergala. Schon in der Grundschule werden Kinder mit der westlichen Klassik vertraut gemacht, lernen Geige und Klavier statt Sho und Shakuhachi. Die Lange Nacht begibt sich auf Spurensuche nach dieser besonderen "Liebe der Japaner zur klassischen Musik", ist zu Gast bei Chorproben in Tokyo, lässt prominente Musiker und Historiker aus Japan und Deutschland zu Wort kommen und die Musik für sich sprechen.


Zur klassischen Musikrezeption in Japan von unserer Interviewpartnerin Watabe-Gross:

"Die Einführung der europäischen Musik in Japan (1855 - 1888). Kulturpolitische Aspekte eines Paradigmenwechsels"
Autorin: Atsuko Watabe-Gross
Verlag
Ges. für Natur- und Völkerkunde Ostasiens
ISBN: 3-928463-80-2
Erscheinungsjahr: 2007



Über Jahrtausende war japanische Musik keine absolute Tonkunst, sondern als mündlich überlieferte Tradition eingebunden in die Bräuche, Zeremonien und religiösen Rituale einer ständischen Gesellschaft. Instrumente wie die Shakuhachi oder die Trommeln des Nô-Theaters waren ausschließlich Spielern eines bestimmten Standes vorbehalten. Und ob im Nô-Theater, in den Meditationen der Bettelmönche oder der höfischen Gagaku-Musik - immer war der einzelne Ton mit seinen unendlich feinen Schattierungen der Klangfarben und die Beziehung zu den Klängen der Natur zentrales ästhetisches Merkmal der traditionellen Musik Japans. In dieser engen Beziehung von Musik und Natur mag die Vorliebe vieler japanischer Komponisten für die impressionistische Musik Claude Debussys ihren Ursprung haben.


"Wie beim Impressionismus in der Malerei, so drängt sich auch bei dem Impressionismus in der Musik Debussys und seiner Nachfolger der Name Japan auf die Lippen. Wie Debussy einer der feinsten Meister musikalischer Exotik ist, so besitzt seine Musik in ihren poetischen Vorwürfen, wie in ihrer technischen Darstellung auch alle Merkmale japanischer Kunst. Gleich dieser ist sie nicht nur hell und bunt, doch ungemein zart in den Farben, flüchtig und preziös bis zur Kuriosität, sondern vor allem aus dem blitzschnellen tonmalerischen Auffangen eines Eindrucks oder einer Stimmung wie im Augenblick geboren. Gleich den Klavierstücken der Jungrussen steckt sie auch ohne besondere Etikette voll von aparten Chinoiseries und Japoneries, voll duftiger, märchenhafter und fremdartiger Gesichter und Erscheinungen, die an Japans fliegende Vögel, an feierlich-groteske Marabus, kuriose Blumen- und Pflanzenformen, phantastische Gärten mit seltsam geschweiften Brücklein, an barocke Häuser und Tempel erinnern, an Landschaften, voll von jener Sonne, die über dem Land der Chrysanthemen, der tiefblauen Inlandsee mit ihren tausend Inseln und dem in schneeiger Weisse alles spitzkegelig überragenden Fudsiyama glüht."


"Aus Liebe zu Schubert
Hat sie Deutsch gelernt. Leise
Sagt sie Verzeihung.
Abends bringt sie den Sake,
Tags studiert sie Gesang.
(aus: "Lob des Taifuns - Reisetagebücher in Haikus" von Durs Grünbein)"


Während Komponisten wie Taki Rentarô oder Mamiya Michio Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts noch Kunstlieder im westlichen klassischen Stil komponierten, besannen sich in den 50er- und 60er-Jahren japanische Komponisten auf ihre eigenen musikalischen Wurzeln, ohne die erworbene westliche Musiksprache aufzugeben. Toru Takemitsu gehört zu jener Komponistengeneration, die nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte, die gegensätzlichen Welten der westlichen und östlichen Musiktradition zu verbinden. Ein wichtiger Bezugspunkt seines Schaffens waren jene europäischen Komponisten, die sich von der Musikästhetik und Philosophie Ostasiens beeinflussen ließen: Claude Debussy, Olivier Messiaen und John Cage. Takemitsu studierte die traditionelle japanische Musik und experimentierte mit der musique concrète, mit freier Improvisation und graphischer Notation. Seine tief empfundene "Verehrung für das feine Wirken der Natur und ihrer großen Ordnung" ist ein zentrales Moment in seinen Werken, die ihm als erstem japanischen Komponisten internationale Anerkennung einbrachten.


"Waterscape", "Rain Coming", "Riverrun" und "Waterways" heißen Werke von Toru Takemitsu und bereits in diesen Titeln spiegelt sich seine Faszination für Wasser:


" "Wenn ich an musikalische Formen denke, denke ich an flüssige Formen. Ich wünsche mir, dass sich musikalische Veränderungen so natürlich vollziehen wie Ebbe und Flut."


Auch die Flöte spielt in vielen Werken Takemitsus eine zentrale Rolle. So schuf er etwa mit seinem Stück "And then I knew't was the wind" eine Musik, die


"von den Spuren des Windes in der Natur und in der Seele handelt, im Unbewussten also, das als ‚Traum' bezeichnet werden könnte und wie der Wind unsichtbar und ohne Unterlass das menschliche Bewusstsein durchzieht."

Mit der Besetzung für Flöte, Viola und Harfe und der Verwendung einzelner Motive bezieht sich Takemitsu in diesem Werk direkt auf Claude Debussy, der bereits Anfang des 20. Jahrhunderts eine Sonate für die gleiche Besetzung komponierte:

" "Sie ist schrecklich melancholisch. Ich weiß nicht, ob man dabei lachen oder weinen soll. Vielleicht beides zugleich?"

"Der Japaner liebt einen Ton, wenn er gleichsam mit der umgebenden Natur eins ist. So ist es auch verständlich, dass traditionelle japanische Instrumente einen geräuschhaften Klang erzeugen, der mit dem Naturklang verschmelzen kann, und nicht einen reinen und im europäischen Sinne schönen Ton. Für den Klang der Shakuhachi mit ihrer naturhaften Farbe gibt es die Bezeichnung 'ichion jobutsu' - als einzelner Klang wird man Buddha. Das heißt, dass die Resonanz der ganzen Welt in einem kleinen Geräusch zu spüren ist - Klang, Natur und Kosmos sind in der japanischen Ästhetik ein Evidenzerlebnis."

"Aus dieser Perspektive erschient die abendländische Musik - hier: die deutsche Musik - von Heinrich Schütz bis Gustav Mahler als das, was sie wirklich ist: Drei Jahrhunderte Mitteleuropa herausgeschnitten aus nahezu zwei Jahrtausenden Weltmusik; uns nahe, vertraut, lieb geworden, aber nicht imstande und berechtigt, für das Ganze zu stehen. Wohl möglich, dass das ästhetische Erbe asiatischer Musiken - die andersartige Konzeption von Zeit und Raum, die stärkere Einbindung des Künstlerischen in Natur und Alltagsleben - die künftige internationale Musikkultur prägen wird, zu deren berufenen Lehrmeistern dann auch die Japaner gehören: Ob wohl deutsche Komponisten, Musiker und Musikbeflissene bei ihnen so begierig lernen werden, wie die Japaner es in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts bei uns taten?" (aus: Walter Giesen, in: Japan und Deutschland im 20. Jahrhundert, 1984:173) "

Zur Rezeption von Beethoven in Japan:

"Ein kleiner Kulturaustausch zwischen Japanern und Deutschen durch Beethovens Neunte Sinfonie", in: Deutschland und Japan im 20. Jahrhundert.
Autor: Yasuo Ariizumi,
Symposium 6.-9. September 2000 in Mainz, hrsg. von Karl Anton Sprengard, Kenchi Ono & Yasuo Ariizumi, Wiesbaden 2002

"Beethoven in Japan.
Zur Einführung und Verbreitung westlicher Musik in der japanischen Gesellschaft."
Autor: Mattias Hirschfeld
Verlag Bockel
Erscheinungsjahr: 2005
ISBN: 3-932696-61-1

"Beethoven - Die Entschlüsselung des Rätsels um die "Unsterbliche Geliebte"
Aus dem Japanischen von Annette Boronnia
Autorin: Yayoi Aoki
iudicium-Verlag München
Erscheinungsjahr: 2008
ISBN: 978-3-89129-184-9

Film über das Kriegsgefangenenlager Bandô:

"Baruto no gakuen (Ode an die Freude)"
japanische Produktion von Regisseur Masanobu Deme
mit Bruno Ganz.
Erscheinungsjahr: 2006
ohne deutschen Verleih






Musikliste


1
Sinfonie Nr.9 d-moll op.125/ Wiener Philharmoniker, Sir Simon Rattle, Dirigent

Komponist: Ludwig van Beethoven
2
Riki-Maru / Wadaiko Matsuriza, Trommeln
Komponist: Masaya Takashino
3
Rokudan / Nanae Yoshimura, Koto
Komponist: Yatsuhashi Kengyo
4
Aus: Sechzehn Walzer op.39 Nr.3 gis-moll / Andreas Grau, Götz Schumacher, Klavier
Komponist: Johannes Brahms
5
Aus: Hôôdô to Unchû kuyô bosatsu hattai: Dancing Figure / Miwa Yuguchi, Klavier
Komponist: Sonoo Terauchi
6
Etude / Shoko Kuroe, Klavier
Komponist: Yoshinao Nakada

7
Haru-no-umi / Yoshimura Nanae, Koto Mitsuhashi, Kifu, Shakuhachi
Komponist: Miyagi Michio
7 Pulcinella Suite / Columbia Symphony Orchestra, Igor Strawinsky, Dirigent
Komponist: Igor Strawinsky

9
Aus: Sinfonie Nr.7 E-Dur, Allegro moderato /
Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester, Günter Wand, Dirigent

Komponist: Anton Bruckner

10 Sinfonie Nr.9 d-moll op.125/ Wiener Philharmoniker, Sir Simon Rattle, Dirigent

Komponist: Ludwig van Beethoven

11 Hon shirabe / Tajima Tadashi, Shakuhachi

Komponist: Tajima Tadashi
12 Syrinx / Magali Mosnier, Flöte

Komponist: Claude Debussy
13 Der Mond bei Tag / Hiroko Kashiwagi, Mezzosopran, Stefan Irmer, Klavier

Komponist: Hikaru Hayashi / Haru Satô
14
Der Mond über der Schlossruine / Hiroko Kashiwagi, Mezzosopran, Michael Collins, Klavier
Komponist: Taki Rentarô / Tsuchii Bansui
14 Chidori / Nanae Yoshimura, Koto und Gesang

Komponist: Yoshizawa Kengyo
15 Aus: Sonate E-Dur Hob. XVI/22: Andante Ursula Dütschler, Klavier

Komponist: Joseph Haydn
17
Hakone Reigen Izari no Adauchi / Takemoto Kidayu, Gesang, Tsurusawa Masaichiro, Shamisen
Komponist: Shiba Shiso
18 Weißer Mond / Hiroko Kashiwagi, Mezzosopran, Michael Collins, Klavier

Komponist: Motoori Nagayo / Miki Rofû
19 Sonate für Flöte, Viola und Harfe / Ensemble Obligat

Komponist: Claude Debussy
20
" La mer "
Berliner Philharmoniker, Simon Rattle, Dirigent

Komponist: Claude Debussy
20 And then I knew ‚twas Wind / Patrick Gallois, Flöte, Fabrice Pierre, Harfe, Pierre Henri Xuereb, Viola

Komponist: Toru Takemitsu
21 Cloudscapes / Mayumi Miyata, Sho, Stefan Hussong, Akkordeon

Komponist: Toshio Hosokawa
23
In die Tiefe der Zeit / Stefan Hussong, Akkordeon, Julius Berger, Violoncello, Kammerorchester Diagonal, Chasei Komatsu, Dirigent
Komponist: Toshio Hosokawa
24
Aus: Curlew River: "Hear his voice"
London Voices, Academy of St. Martin in the Fields, Sir Neville Marriner, Dirigent

Komponist: Benjamin Britten
25 Sinfonie Nr.9 d-moll op.125/ Wiener Philharmoniker, Sir Simon Rattle, Dirigent

Komponist: Ludwig van Beethoven
26 Aus: Serenade für Violine und Klavier A-Dur: Mäßig / Mirijam Contzen, Violine, Herbert Schuch, Klavier

Komponist: Alexander von Zemlinsky
27
Aus: Sonate Nr.3 d-moll op.108: Allegro / Mirijam Contzen, Violine, Herbert Schuch, Klavier
Komponist: Johannes Brahms
27 Sakura, Sakura / Little Singers of Tokyo

Komponist: Traditional
28 Aus: Streichquartett B-Dur op.18 Nr.6, Allegro con brio / Henschel Quartett

Komponist: Ludwig van Beethoven
30
Maru to Sankaku no Uta
Shin-Yu Kai Choir, Shin Sekiya, Dirigent


Komponist: Toru Takemitsu
31 Aus: Streichquartett E-Dur: Allegro moderato / Henschel Quartett

Komponist: Felix Mendelssohn-Bartholdy
32 Aus: Serenade für Violine und Klavier A-Dur: Mäßiges Walzertempo / Mirijam Contzen, Violine, Herbert Schuch, Klavier

Komponist: Alexander von Zemlinsky
33 Sinfonie Nr.9 d-moll op.125/ Angela Denoke, Sopran, Marianna Tarasova, Mezzosopran, Endrik Wottrich, Tenor, Matthias Goerne, Bariton, The Moscow State Chamber Choir, Russian National Orchestra, Mikhail Pletnev, Dirigent

Komponist: Ludwig van Beethoven

Lange Nacht

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