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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.10.2007

Goethe und die ewige Stadt

Roberto Zapperi: "Römische Spuren", C.H. Beck 2007, 169 Seiten

Blick auf die italienische Hauptstadt Rom, im Vordergrund der Petersplatz im Vatikan. (Stock.XCHNG / Matic Zupancic)
Blick auf die italienische Hauptstadt Rom, im Vordergrund der Petersplatz im Vatikan. (Stock.XCHNG / Matic Zupancic)

Roberto Zapperis Buch beschäftigt sich mit den vielfältigen Spuren, die Italien und insbesondere Rom im Leben Goethes hinterlassen haben. Der Band beleuchtet die frühen Prägungen durch das Italienische im Haushalt in Frankfurt, Goethes Teilhabe am römischen Volksleben in Rom sowie die Spuren römischer Erfahrungen im "Wilhelm Meister" und in der Kunstauffassung des Dichters.

Der Autor dieses Buches, Roberto Zapperi, darf als Italiens größter Goethe-Kenner gelten. In seiner epochemachenden Studie "Das Inkognito" löste er das Rätsel um Goethes italienische Geliebte, das die Forschung fast 200 Jahre lang beschäftigt hat. Zapperi konnte nicht nur nachweisen, dass es die berühmt-berüchtigte "Faustina" tatsächlich gegeben hat, er konnte auch ihre Identität herauspräparieren: Es handelte sich um eine jung verwitwete Gasthausbesitzerin, mit der Goethe während seines Aufenthaltes in Rom 1786 bis 1788 ein Verhältnis hatte – wie viele meinen, sein erster sexueller Kontakt überhaupt.

Nun hat Zapperi gewissermaßen nachgelegt. Eine Sammlung kleinerer Aufsätze geht weiteren "römischen Spuren" nach und kreist "Goethe und sein Italien" noch enger ein. Es handelt sich dabei wiederum um biographische Arbeiten, faktengesättigt, historisch gut informiert und gründlich recherchiert, von einem geradezu altmodischen Positivismus beherrscht, der sich auch nicht die kleinste Spekulation gestattet und sich im Hinblick auf Interpretationen tunlichst zurückhält.

So erfährt der Leser beispielsweise viel über die Vorgeschichte von Goethes in vielerlei Hinsicht so bedeutsamen italienischen Reise. Sie bereitete sich bereits in seiner Kindheit vor. Bekanntlich hat ja schon Goethes Vater eine "Grand Tour" durch Italien gemacht, über die auch er ein Buch verfasste. Was man nicht wusste: Goethe sen. nahm für die Abfassung dieses Berichts Italienischunterricht. An den Sprachlektionen ließ er auch Goethes Schwester Cornelia teilhaben. Goethe selbst war noch zu klein. Aber seine Fantasie hat die Figur des Italienischlehrers sehr beschäftigt: Das war ein entlaufener Priester, ein Flüchtling aus Italien, wie es sie im 18. Jahrhundert häufig gab. Zapperi verfolgt nun die Spuren dieses Domenico Giovinazzi im Werke Goethes. Sie reichen bis in den "Wilhelm Meister". Ohnehin nimmt dieser Roman, den Goethe nach seiner italienischen Reise in Angriff nahm, viel von seinen italienischen Eindrücken auf. Andere Texte aus Zapperis Sammlung rekonstruieren die römische Lebenswelt während Goethes Aufenthalt in der ewigen Stadt. Dabei kommt besonders auch die deutsche Künstler-Kolonie zur Geltung. Mit der amüsanten Geschichte von Herders platonischer Liebe zu der Malerin Angelika Kauffmann, die gewissermaßen die Mittelpunktsfigur der Deutschen in Rom war, ist ihm ein besonderes Glanzlicht gelungen.

Insgesamt, das geht aus den Aufsätzen klar hervor, war Rom für deutsche Besucher keineswegs allein die Stadt der Künste und der Antike, wie man lange Zeit gedacht hat. Für Goethe vor allem (aber auch für seine Landesherrin, die Herzogin Anna Amalia, die Goethes Spuren 1790 folgte) stellte Rom vor allem das Beispiel einer bevölkerungsreichen Metropole dar, in der Menschen "von Stand" sich unerkannt unters Volk mischen konnten. Man muss dazu wissen, dass Deutschland in jener Zeit kaum Großstädte aufwies, in denen man in der Anonymität untertauchen konnte. Überall, wo man sich in Deutschland bewegte, wurde man beobachtet; die soziale Kontrolle, gerade, wenn man zur "besseren Gesellschaft" gehörte, war immens.

In Rom aber konnte Goethe (und bis zu einem gewissen Grade sogar die Herzoginmutter Anna Amalia) in der "Masse" aufgehen, als ein Ungekannter und Unbekannter mit Menschen in Berührung kommen, mit denen er sonst nie Fühlung gehabt hätte (und seit seiner Kindheit beziehungsweise Jugend in Frankfurt am Main auch nicht gehabt hat). Das aber scheint ihn an seiner italienischen Reise besonders fasziniert hat. Nur so sind seine Studien zu römischen Volksbräuchen beispielsweise, die dann in seine Arbeiten zum "römischen Karneval" eingehen werden, auch zu erklären. Hier waltet eine Dynamik, die wir heute nur noch schwerlich nachvollziehen können. Zapperi macht sie aber mit viel Einfühlungsvermögen deutlich: Für einen Mann wie Goethe, eine europäische Berühmtheit also, einen Staatsmann, der mit Ämtern überhäuft war, stellte schon die Tatsache, in Rom, am Corso, wo er wohnte, ganz einfach auf die Straße nur zu gehen, ein immenses Abenteuer dar. Und dieses Abenteuer wird durch dieses Buch erlebbar.

Rezensiert von Tilman Krause

Roberto Zapperi: Römische Spuren. Goethe und sein Italien
Aus dem Italienischen. von Ingeborg Walter
C.H. Beck 2007
169 Seiten, 19,90 Euro

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