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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.08.2014

Goethe-Preis"Er ist oben, wir sind unten"

Preisträger Peter von Matt: Den Menschen Goethe sehen, nicht den Klassiker

Moderation: Liane von Billerbeck

Eine Büste von Johann Wolfgang von Goethe im Brentanohaus, aufgenommen am 23.01.2014 in Oestrich-Winkel (Hessen). (picture alliance / dpa / Fredrik Von Erichsen)
Goethe habe skandalös inmitten einer überwachten Gesellschaft gelebt, so Peter von Matt. (picture alliance / dpa / Fredrik Von Erichsen)

Goethe stehe vor uns wie ein Monument, sagt der Schweizer Peter von Matt, der heute den Goethe-Preis erhält. Dabei könnte der Zugang zu dem Dichter einfach sein: Man müsse nur erkennen, dass hinter der "gespenstischen Klassikermaske ein lebendiges Menschengesicht" stecke.

Liane von Billerbeck: Eine Preisverleihung ist zu annoncieren – nicht irgendeines Preises, sondern des Goethepreises der Stadt Frankfurt am Main, und der geht 2014 an den Schweizer Literaturwissenschaftler und Autor Peter von Matt, Jahrgang 1937, und damit er heute feiern kann, haben wir gestern mit ihm gesprochen. Herr von Matt, einen schönen guten Tag und erst mal großen Glückwunsch zum Goethepreis der Stadt Frankfurt!

Peter von Matt: Ich danke Ihnen!

von Billerbeck: Wenn man sich die Reihe der Goethe-Preisträger ansieht – der Preis wird ja alle drei Jahre verlieren, 50.000 Euro gibt es da auch dafür –, dann waren das der türkische Schriftsteller Adonis, die Choreografin Pina Bausch, es war der israelische Autor Amoz Oz, Sigmund Freud war es 1930, Thomas Mann 1949, Stefan George 1927. Sind Sie stolz, in so einer illustren Reihe zu stehen?

von Matt: Ja, zuerst mal erschreckt man natürlich, und wenn man dann an diese Namen denkt und diese Personen vor sich sieht, dann wird einem fast schlecht. Aber dann denkt man: Ich bin ja nicht verantwortlich, ich bin ja nicht in der Jury. Ich nehme das halt jetzt als Ereignis, das ganz unerwartet auf mich zukommt.

von Billerbeck: Nun ist das der Goethepreis. Stichfrage: Was haben Sie zuletzt von Goethe gelesen und wann?

von Matt: Also gerade vor einigen Tagen habe ich mich noch einmal sehr intensiv mit den "Wahlverwandtschaften" beschäftigt, dem Roman, der mich immer wieder beschäftigt hat, aber daneben auch in der letzten Zeit die "Maximen und Reflexionen", also das Aphorismen-Buch Goethes, und immer wieder die Gedichte, nicht einfach als Liebhaber, sondern weil ich das für meine Arbeit ständig brauche. Ich brauche diesen Bezug zu dem Mann und zu dem Werk, das eigentlich der Ursprung der modernen Literatur in Deutschland ist.

"Goethe hat deutsche Sprache mitgeschaffen"

von Billerbeck: Sie haben ja auch viele Bücher verfasst, 1996, "Goethe erzählt: Geschichten, Märchen, Schilderungen, Abenteuer und Geständnisse", "Das Wilde und die Ordnung: Zur deutschen Literatur", "Wörterleuchten: Kleine Deutungen deutscher Gedichte". Warum ist Ihnen Goethe so besonders wichtig?

von Matt: Weil er eben im Grunde genommen der Anfang ist. Er hat die deutsche Literatur von einer Provinzliteratur im Rahmen der europäischen Kultur zu einer Literatur gemacht, zu einer Kunst gemacht, die gleichrangig mit allen anderen Literaturen auf diesem Kontinent dasteht.

Er war nicht allein, aber er hat mit seiner ungeheuren Kreativität alle anderen mitgerissen und er hat diesen Durchbruch geschaffen, und jeder Journalist, der irgendwie einen Artikel schreibt, schreibt Wörter, die so oder anders auf Goethe zurückgehen. Er hat die Sprache bis in den einzelnen Wortschatz hinein, bis in die Syntax hinein hat er mitgeschaffen und mitgestaltet.

von Billerbeck: Goethe war ja auch ein Tabubrecher, also Goethe und seine Mitstreiter, müsste man ja sagen, ich meine den Sturm und Drang, Goethes "Götz von Berlichingen", der gilt ja als so eine Art Gründungsdokument, könnte man sagen, der Bewegung, und er hat viel Ehre und Beifall dafür bekommen. Aber das Ganze hatte auch einen negativen Effekt: Goethe wurde nämlich dadurch quasi vom Rebellen zum Klassiker. Meinen Sie, der hat sich davon jemals wieder erholt?

"Er hat skandalös gelebt"

von Matt: Nein, er hat sich davon nicht erholt. Das ist das Problem, das wir heute mit Goethe haben, dass er vor uns steht wie ein Monument, also wie er in Weimar auf dem Sockel steht – wir sind unten, er ist oben. Also diese Perspektive, die von uns angefertigt wurde, da kann er ja nichts dafür, diese Perspektive erschwert uns den Zugang zu dem unmittelbaren Ereignis, das er ist.

Und er war ein Mensch von einer unglaublichen Freiheit und von einer auch moralischen Rücksichtslosigkeit. Er hat skandalös gelebt, mitten in einer Gesellschaft, die fürchterlich überwacht war und sich gegenseitig überwachte. Er hat den sinnlichsten, den erotischsten Roman der deutschen Literatur geschrieben, "Wilhelm Meisters Lehrjahre", den man sofort zu einem Erziehungsroman erklärt hat, um ihm alle erotischen Zähne zu ziehen.

Der Schweizer Germanist und Literaturkritiker Peter von Matt. (dpa/ picture alliance / Erwin Elsner)Der Schweizer Germanist und Literaturkritiker Peter von Matt. (dpa/ picture alliance / Erwin Elsner)

von Billerbeck: Wie können wir das wieder schaffen, diese Goethe, ja, nicht vom Monument zu stoßen, aber vielleicht auf Augenhöhe mit ihm zu sein und ihn auch zu genießen?

von Matt: Ja, wenn man das einmal weiß, dass das eine kollektive Anfertigung einer gespenstischen Klassikermaske ist und dass dahinter ein lebendiges Menschengesicht steht, dann kann man das – jeder für sich – probieren, und das wird Ihnen glücken!

Goethes Prinzip: Immer tätig sein

von Billerbeck: Goethe war ja nicht bloß Schriftsteller, er war auch Jurist, Staatsbeamter, politischer Berater, Minister, er hat ein Theater geleitet und noch vieles, vieles mehr, und – Sie haben es auch geschildert – er hat sehr frei gelebt in einer Gesellschaft, die alles andere als frei war. Er hat sich mit Haushaltssanierung befasst, mit Korruptionsbekämpfung wie mit den Naturwissenschaften. Kann man eigentlich eine gewisse Haltung, eine Weltsicht von ihm lernen?

von Matt: Also imitieren kann man ihn nicht und das wäre ja auch schon eine Generation später nicht mehr möglich gewesen, sich in der Weise mit allen möglichen Wissenschaften zu befassen. In dieser Zeit haben sich die Wissenschaften spezialisiert und dann gab es diese übergreifenden Figuren eigentlich sehr rasch nicht mehr.

Also man kann ihn nicht zum Vorbild nehmen in den einzelnen Tätigkeiten. Aber sein Prinzip, immer tätig sein, aktiv sein, das Schlimmste ist, wenn man nur faul herumhockt, das ist schon etwas, was man, wenn man es sich so näher überlegt, eigentlich schon auch ein bisschen zu seiner Lebensregel machen könnte.

von Billerbeck: Der Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt. Heute, am Geburtstag Goethes, bekommt er dort selbst in Frankfurt am Main, in der Goethestadt den Goethepreis der Stadt, und er befindet sich damit in einer illustren Reihe von einstigen und wahrscheinlich auch künftigen Goethe-Preisträgern. Herr von Matt, einen schönen Tag Ihnen und danke für das Gespräch!

von Matt: Ich danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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