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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.11.2007

Glück, und das Leben geht weiter

Roman Simić: "In was wir uns verlieben", Verlag Voland & Quist, Dresden 2007, 221 Seiten

Die kroatische Flagge weht auf einem Fährschiff in der Adria. (AP)
Die kroatische Flagge weht auf einem Fährschiff in der Adria. (AP)

Aus alltäglichen, scheinbar banalen Szenen entwickelt der kroatische Erzähler Roman Simić seine spannenden, nicht selten auch bizarren Storys. Die Merkwürdigkeit und Fragilität der menschlichen Beziehungen stehen dabei im Vordergrund. Im Band "In was wir uns verlieben" sind elf Geschichten des Autors versammelt.

Entlang des Weges tauchen die ersten Häuser ohne Dächer auf. An den Mauern prangen Graffitis in lateinischen und kyrillischen Buchstaben. Aus den Fenstern wachsen Bäume und strecken sich der Sonne entgegen – grün-glänzend und frei.

Etliche Jahre nach Ende des Jugoslawienkriegs unternehmen der in der Großstadt lebende Roko und sein Vater einen Ausflug in ihr früheres Dorf. Es liegt in einem einst von Serben und Kroaten bewohnten Landstrich Kroatiens. Ihr altes Haus wurde längst verkauft. Für Roko ist dabei eine kleine Wohnung in der Stadt herausgesprungen, für den Vater ein neues Auto.

Während der Vater, ein ehemaliger Dorfschullehrer, einen Verwandten trifft und in dessen Garten Gemüse pflanzt, läuft Roko durch das Dorf, sucht das alte Haus und verliert sich in Erinnerungen. Das Klima der Erzählung "Der Geruch der Erde" ist von der angespannten Sprachlosigkeit der Vater-Sohn-Beziehung bestimmt und wird nur für einen Augenblick von dem gemeinsamen Gefühl der Entwurzelung überlagert.

Elf Geschichten des kroatischen Erzählers Roman Simić, ins Deutsche übertragen von Alida Bremer, hat der Verlag Voland & Quist jetzt unter dem Titel "In was wir uns verlieben" veröffentlicht.

Aus alltäglichen, scheinbar banalen Szenen entwickelt Simić seine spannenden, nicht selten auch bizarren Storys. Die Merkwürdigkeit und Fragilität der menschlichen Beziehungen stehen im Vordergrund.

Der todkranke und ungeliebte Großvater wird von seiner Enkelin in einem nicht ganz aufrichtigen Gnadenakt für die vermutlich letzten Wochen seines Lebens in ihr Haus aufgenommen. Die Enkelin hat sich restlos mit ihrem arbeitslosen und überhaupt an den Anforderungen des Lebens gescheiterten Ehemann überworfen. Sie erwartet allerdings ein zweites Kind von ihm.

Der vermeintlich gescheiterte Ehemann und der totgesagte Großvater finden zueinander. Es ist so etwas wie Glück, und das Leben geht weiter. An anderer Stelle genügt Simić die zufällige Begegnung von drei Hunden samt ihrer höchst unterschiedlichen Besitzer in einem Zagreber Stadtpark, um ein Gesellschaftsporträt der kroatischen Hauptstadt voll Skurrilität, Schrecken und Gewalt zu zeichnen.

Roman Simić wurde 1972 in Zadar geboren. Er war Redakteur der einflussreichen kroatischen Literaturzeitschrift Quorum und leitet das Festival of European Short Story in Zagreb. In seinen Geschichten stößt er den Leser oft bewusst darauf, dass seine Erzählperspektive nur eine von vielen möglichen ist.

Die Gegenwart in diesen Geschichten ist von den traumatischen Erfahrungen des Jugoslawienkrieges grundiert, erscheint zugleich aber auf unpathetische Weise komisch und immer wieder ironisch gebrochen.

Die Stärke von Simićs Kunst liegt nicht zuletzt in seinem Talent für das Lapidare. Das Problem liegt meist nicht in den konkreten Ereignissen, mit denen der Mensch konfrontiert ist, heißt es an einer Stelle, sondern in dem Haufen Schrott, der in der Zwischenzeit abläuft.


Rezensiert von Martin Sander


Roman Simić: In was wir uns verlieben. Erzählungen
Aus dem Kroatischen von Alida Bremer.
Verlag Voland & Quist, Dresden 2007, 221 Seiten, 18,90 Euro

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