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Fazit | Beitrag vom 26.05.2019

Glucks "Alceste" in der Bayerischen StaatsoperViel Bewegung - wenig los

Von Jörn Florian Fuchs

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Eine singende Frau steht lächelnd in der Mitte einer Opernbühne. Um sie herum tanzen Frauen und Männer. (Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper)
Anna El-Kashem als Coryphee und die Compagnie Eastman bei der Premiere von "Alceste" in der Bayerischen Staatsoper. (Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper)

Der vielseitig in Pop- und Hochkultur arbeitende Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui hat Glucks Oper "Alceste" in München neu auf die Bühne gebracht. Unser Kritiker Jörn Florian Fuchs hat einen Abend erlebt, der die Erwartungen nicht erfüllt hat.

Die Vorzeichen standen gut. Man nehme ein beliebtes Werk voller toller Melodien, bewegender Chöre und starker Ballettmusiken, beauftrage einen Weltklasse-Choreographen mit der Regie und füge auch noch einen vielgelobten Dirigenten hinzu. Doch im Münchner Nationaltheater wurde aus Christoph Willibald Glucks "Alceste" leider eine ziemlich flaue Geduldsprobe.

Was denkt sich der Dirigent?

Das liegt vor allem an Antonello Manacorda, dem man öfters mal am Revers packen möchte, um ihn aus seinem zwischen expressiv verhetzter Rhythmik und seltsam gedehnten, gedimmten Stellen zusammen gestückelten Dirigat zu reißen.

Was war da los? Anfangs dachte man noch, Manacorda wollte eine spannende Mischung aus historisch informierter Aufführungspraxis und seiner eigenen modernen Interpretation schaffen, doch wenn das Orchester regelmäßig den Chor und auch manche Solisten abhängt, wenn völlig unvermittelt gebremst und beschleunigt wird, klingt das Ergebnis schlicht schlecht.

Berückende Soli

Der flämische Tanzstar Sidi Larbi Cherkaoui hingegen hält die Mitglieder seiner sensationellen Compagnie Eastman ständig auf Trab. In wunderbar organischen Bewegungen entstehen immer neue Tableaus, berückende Soli fließen in nuanciert gestaltete Tutti, einmal gibt es sogar echten Breakdance. Das ist die Stelle im Stück, an der alle froh sind, weil König Admète vermeintlich gerettet ist, da sich jemand gefunden hat, der für ihn in den Tod geht. Letzteres forderten die Götter.

Doch dieser Jemand ist Admètes Gattin Alceste, als dies bekannt wird, freut sich natürlich niemand mehr. Ein mehrfaches "ich will sterben", "nein", "doch" später rettet Halbgott Hercules die Situation und die Vollgötter haben Einsicht. Man freut sich auf viele schöne weitere Jahre mit dem hehren Paar.

Es fehlt an Sinnlichkeit

Cherkaoui erzählt diese Geschichte in klaren Bildern, die Tänzer sind allerdings meist nur Begleitmusik. Sie transportieren kaum Inhaltliches, erweitern oder kommentieren nichts. Ein virtuoses, unermüdliches Ensemble sieht man da, dass einen jedoch im Laufe der dreistündigen Aufführung arg ermüdet - zu viel Bewegung, zu wenig Sinn dahinter.

Frauen und Männer in Kostümen tanzen auf einer Opernbühne. (Wilfried Hösl / Bayerischer Staatsoper)Alles in Bewegung, aber kaum Sinnlichkeit: Die Tänzerinnen von "Alceste" an der "Bayerischen Staatsoper". (Wilfried Hösl / Bayerischer Staatsoper)

Kaum Sinnlichkeit verströmt leider auch Dorothea Röschmann in der Titelrolle. In einem gelben Kleid steht sie meist herum und wirkt nicht sehr verzweifelt oder verliebt oder sonstwie. Sitzen gelassen in der Pampa wartet sie auf ihren Geliebten - oder vielleicht auch nur auf den nächsten Bus.

Stimmlich ist das eine Grenzpartie für Röschmann, ihre Mittellage ist kräftig und klar, in den Höhen klirrt es gewaltig. Charles Castronovo als Admète ist technisch gut, enttäuscht aber durch eher monotones Timbre. Herausragend Michael Nagy als Oberpriester und Hercules sowie Anna El-Khashem als eine der Choryphées.

Am Ende kracht es in der Unterwelt

Das Bühnenbild besteht aus einem großen Raum mit schmutzigen Wänden und ein paar Podien, die Kostüme sind zeitlos, durch bunte Kopfbedeckungen und Gewänder sollen manche Figuren wohl multikulturell wirken. Erst gegen Ende geht es - ein bisschen - zur Sache, wenn in der Unterwelt gekämpft wird und düstere Wächter auf Stelzen herumwirbeln und für kurzzeitigen Ärger sorgen.

Wirklich stark ist der Abend einzig bei den brillant choreographierten Ballettmusiken (man spielt die Pariser Fassung der "Alceste", die reichlich Material bietet), wenn es eben nur Tanz und keinerlei Handlung gibt. Dass Gluck einst die Gattung Oper erfolgreich reformiert hat, hört und sieht man dieser Aufführung nicht an.

"Alceste"
von Christoph Willibald Gluck
Regie: Sidi Larbi Cherkaoui
Bild: Antonello Manacorda
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