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Religionen | Beitrag vom 06.12.2020

Glosse: Weihnachten und CoronaWenn Liebe ansteckend ist

Von Gerald Beyrodt

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Ein junges Paar mit Weihnachtsmützen auf dem Kopf und Geschenk in der Hand winkt in die Kamera eines Laptop-Bildschirms. (Getty Images / E+ / Filippo Bacci)
Weihnachten auf Abstand? Für die meisten Deutschen ist das offenbar unvorstellbar. (Getty Images / E+ / Filippo Bacci)

Das Weihnachtsfest könnte zum Superspreader-Event werden. Ausgerechnet zum Fest der Liebe wurden die Corona-Regeln gelockert. Wie passt das zusammen? Eine Glosse über Viren, Gottessöhne und ganz große Gefühle.

Alle müssen sich schützen vor Corona. Aber offenbar nicht so dringend, wie sie Weihnachten feiern müssen. Weihnachten müssen sie unbedingt in Gruppen von bis zu zehn Leuten aus beliebig vielen Haushalten verbringen. "Stille Nacht" geht offenbar gar nicht.

Weihnachten per Telefon – ein Sakrileg

Ich dachte ja immer, in Deutschland herrsche religiöser Pluralismus. Aber das jüdische Pessachfest fiel in die Zeit des ersten Corona-Lockdowns. Aber da wurden keine Kontaktbeschränkungen gelockert. Ich konnte keine anderen Juden treffen und noch nicht mal meine Mutter sehen.

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Ich weiß gar nicht, ob das ein Nachteil ist. Denn ich konnte niemand infizieren und bin nicht infiziert worden. Ich habe meiner Mutter am Telefon Pessachlieder aus der Stereoanlage vorgespielt. War nicht ideal, aber ging auch. Doch weihnachtliches Beisammensein am Telefon oder per Computerkamera scheint für die Mehrheitsgesellschaft undenkbar zu sein – ein echtes Sakrileg.

Wer genau ist dieser Jesus?

Man könnte meinen, dass Deutschland ein Gottesstaat ist, der nur eine Religion duldet. Aber an Weihnachten feiert nur eine Minderheit Jesu Geburt. Der Mehrheit müsste man erklären, wer genau dieser Jesus ist und warum er Christus genannt wird.

Die Mehrheit feiert – ja, was eigentlich? Die Liebe wahrscheinlich. Sie sagen, dass sie sich alle liebhaben, und weil sie sich so liebhaben, nehmen sie es in Kauf, sich gegenseitig mit Corona zu infizieren. Liebe ist ansteckend.

Feiern wider besseres Wissen

Das bessere Wissen darf man fahren lassen. Man darf so tun, als wüsste man nicht, was ein Virus ist. Auch so eine Botschaft von Mehrheits-Weihnachten: So tun als ob. So tun, als würde man an etwas glauben, so tun, als hätte man sich ganz doll lieb, so tun, als hätte man ganz große Gefühle. Und von aller Welt verlangen mitzumachen bei der großen Gefühlsduselei.

Jesus Christus soll Kranke und Lahme geheilt haben. Aber das Fest seiner Geburt könnte zum Superspreader-Event werden. Ich persönlich glaube, Jesus Christus ist gar nicht gekreuzigt worden, sondern wird demnächst ersäuft. Und zwar im coronageschwängerten Kitsch.

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