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Zeitfragen | Beitrag vom 01.03.2021

GleichstellungsstelleWarum Nürnberg einen Männerbeauftragten hat

Von Eleonore Birkenstock

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Der Diplom-Sozialpädagoge Matthias Becker, aufgenommen am 15.11.2016 in seinem Büro im Rathaus in Nürnberg (Bayern). Becker ist seit 1. Mai 2016 der erste kommunale Männerbeauftragte Deutschlands. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)
Männer holen sich erst dann Hilfe, wenn es schon zu spät ist, diese Erfahrung macht Nürnbergs kommunaler Männerbeauftragter Matthias Beck immer wieder. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)

Werden Männer Opfer von Missbrauch und Gewalt, fällt es ihnen oft schwer, um Hilfe zu bitten. Diese Erfahrung machen Beratungsstellen. Zudem arbeiten dort meist Frauen - eine weitere Hürde. Ein Männerbeauftragter in Nürnberg möchte das ändern.

Matthias Becker nimmt ein Gespräch an. Er meldet sich mit Gleichstellungsstelle, nicht mit Männerbeauftragter. Denn zu der Gleichstellungsstelle in Nürnberg gehört beides: eine Frauenbeauftragte und ein Männerbeauftragter.

"Ich bin nach wie vor ein Novum, dass ein Mann an der Gleichstellungsstelle angedockt ist, ist nach wie vor Ausnahme."

Becker macht sich beim Telefonat Notizen. In über 80 Prozent der Fälle sind Frauen Opfer von häuslicher Gewalt. Doch fast jedes fünfte Opfer ist ein Mann. Auch der, mit dem Matthias Becker telefoniert.

Scham über eigene Gewalterfahrung

Männer melden sich selten nachdem sie von ihrer Frau oder Freundin geschlagen wurden – auch aus Scham. Und: Sie holen sich erst dann Hilfe, wenn es schon zu spät ist: Wenn die Trennung unvermeidbar ist oder die Kinder den Kontakt schon abgebrochen haben.

"Wären die früher gekommen, hätte man sich noch zusammensetzen können oder was retten können. Und da ist’s manchmal so, dass gar nichts mehr zu retten ist. Dass oft schon Krisenintervention angesagt ist. Oder dass der erste Anwaltsbrief schon draußen ist. Oder, oder, oder. Und dann wird’s halt deutlich schwieriger."

Um Hilfe zu bitten, ist für Männer ein Problem, sagt Becker. Dahinter steckt die Haltung: Ein Mann muss das selbst regeln oder: Das wird schon nicht so schlimm sein. Doch es gibt eine weitere Hürde: In der sozialen Arbeit, in Beratungsstellen, in der Psychologie arbeiten meist Frauen. Becker wirbt dafür und arbeitet als Männerbeauftragter daran, dass sich das ändert.

"Das merkt man an den Angeboten: Wenn es die gibt, dann steigt und steigt und steigt die Nachfrage."

Mit Männern zu reden fällt manchmal leichter

Manchmal ist es für Männer einfacher, mit Männern über ihre Probleme zu reden.

Der Männerkreis der Martin-Luther-Gemeinde in Stein bei Nürnberg. Einmal im Monat trifft sich hier eine Gruppe von Männern. In Zeiten der Corona-Pandemie so wie viele eben nur per Video-Schalte. Die Männer reden über den Beruf, über die Eltern aber auch über Liebe und Partnerschaft. Dabei geht es für Ralf Beck ums Zuhören, nicht um Ratschläge.

"Als ich in Scheidung und Trennung war, da gab's viel Raum, das zu erzählen. Aber die anderen Jungs haben mir auch den Raum gegeben, da zu sprechen."

Auch das Thema Kinder kommt zur Sprache. Mann-Sein heißt für Ralf Beck auch Vater-Sein. Sein eigener Vater – Jahrgang 1936 – hat darunter noch was Anderes verstanden. 

"Aufm Dorf. ich weiß noch von meinem Vater... Die haben früher ne Wette gemacht, wer sich traut mit dem Kinderwagen ums Gasthaus rumzufahren, der kriegt ein Bier spendiert. Das war ne wahnsinnige Mutprobe mit dem Kinderwagen ums Gasthaus rumzufahren."

Heute gehört es zum gewohnten Bild, dass ein Mann mit einer Babytrage oder dem Kinderwagen unterwegs ist. Väter gehen in Elternzeit, vom Arbeitgeber oft nicht gern gesehen und meist viel kürzer als die Mütter, aber sie wollen es und sie tun es.

Für Ralf Beck ist das Reden über das Vater-Sein mit anderen Männern wichtig. Als Vater könne man sich eben nur als Mann fühlen, sagt er. Beck wünscht sich, dass Jungen schon früh lernen, darüber zu sprechen, was sie bewegt.

Explizite Anlaufstelle: das Jungenbüro

Dass Jungen und Männer dafür eigene Ansprechpartner brauchen, beweist das Jungenbüro Nürnberg  Der erste Kontakt ist anonym möglich, etwa in einem Online-Chat, erklärt der Leiter des Jungenbüros Stefan Bauer.

"Ich kann anonym Fragen stellen. Ist das was für mich. Kann ich Kontakt aufnehmen. und dann schauen, will ich mich persönlich treffen hier in der Beratungsstelle."

So hat auch ein Mann Ende Vierzig Kontakt mit dem Jungenbüro aufgenommen. Als Kind hat ihn sein Fußballtrainer sexuell missbraucht. Der Mann will anonym bleiben, weshalb wir ihn Martin nennen und seine Stimme technisch verändert haben. Immer wieder hat Martin nach Beratungsstellen gesucht. Aber stets gedacht: Die sind für Frauen und Mädchen. Irgendwann ist er im Netz auf das Jungenbüro gestoßen.

"Wenn es eine Stelle gewesen wäre, die nicht explizit für Männer wäre, hätte ich mehr Hemmungen gehabt, mich hinzuwenden. Weil ich das Gefühl hätte: die glauben mir nicht, weil das passiert Jungs nicht. Das passiert nur Mädchen. Ich hatte das Gefühl: Das ist nicht für mich. Vielleicht darf ich es auch gar nicht sagen, weil die sind ja gar nicht für mich zuständig."

Geht die Hilfe zu Lasten der Frauen?

Allein, dass es eine Anlaufstelle für Jungen gibt, hat Martin gezeigt: Ich bin nicht allein. Den Schritt gemacht zu haben, war für Martin – auch Jahrzehnte später – befreiend. Ein solches Trauma ohne Hilfe zu verarbeiten, schaffen die wenigsten, sagt Stefan Bauer vom Jungenbüro.

"Manche kommen gut damit zurecht. Manche haben Dinge, die sie drüberlegen. Im besten Fall Dinge, die nicht so ungesund sind: Viel Arbeiten, viel Sport machen, viel Irgendwas. Aber es gibt auch viele Dinge, die brutal ungesund sind. Mann deckt Alkohol drüber oder Drogen. Die Seele schützt sich, indem man irgendwas drüber stülpt."

Es lohnt sich also der Blick: Was steckt hinter dem Verhalten? Das sieht auch Nürnbergs Männerbeauftragter als eine seiner Aufgaben. Matthias Becker stemmt sich dabei gegen die Kritik, dass die Hilfe für Männer und die damit verbundene Gleichstellungsarbeit zulasten der von Frauen geht.

"Männer haben sich 30 Jahre lang sich damit zufriedengegeben, dass sie die Frauen unterstützt haben bei ihren Forderungen, bei ihren Forderungen um ihre Rechte. Haben sich aber nie Gedanken über ihre eigenen Bedürfnisse und Rechte gemacht, wo sie eigentlich benachteiligt sind. Haben nie ihre eigenen Rollen angeschaut, haben Feminismus übernommen: Wir leben im Patriarchat – und haben dieses Polare übernommen. Das ist das Problem."

Weniger Stereotype, weniger Klischees, dafür mehr Vielfalt und Selbstverständlichkeit in den Rollen und Lebensentwürfen – das wünscht sich Matthias Becker für die Zukunft. Es ist seine Lebensaufgabe.

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