Seit 00:00 Uhr Nachrichten

Dienstag, 07.04.2020
 
Seit 00:00 Uhr Nachrichten

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 15.08.2006

Gleichheit abstrus

Antidiskriminierung im Alltag

Von Burkhard Müller-Ullrich

Podcast abonnieren
Burkhard Müller-Ullrich (privat)
Burkhard Müller-Ullrich (privat)

Wenn wir jetzt alle, jetzt in diesem Augenblick, sagen wir: das Licht einschalten würden - das gäbe einen tollen Stromausfall, weil keine Leitung so eine plötzliche Belastung aushält. Oder wenn alle Inhaber einer Straßenbahn-Zeitkarte auf die Idee kämen, einen Tag lang nichts anderes zu tun als Straßenbahn zu fahren: Der Zusammenbruch des öffentlichen Nahverkehrs wäre sicher.

Daraus ersehen wir, dass es nicht möglich ist, von jedem Recht zu jeder Zeit Gebrauch zu machen. Diesen feinen Unterschied zwischen theoretischem Anspruch und praktischer Erfüllung scheint unsere Regierung nicht zu kennen. Denn mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (kurz: AGG) kommt eine Form von Abstraktion über uns, die in der wirklichen Welt groteske Resultate haben wird.

Schon laufen die juristischen Kanzleien auf Hochtouren, um jedem Firmeninhaber und jedem Personalchef die neuen Regeln beizubringen: Erstens, alle Stellenangebote müssen künftig anders formuliert werden. Von wegen: "Wir suchen einen belastbaren Sachbearbeiter bis 30 Jahre"! Das ist gleich dreifach falsch und verboten. Denn das Wort belastbar schließt die Unbelastbaren aus; der Begriff Sachbearbeiter die Sachbearbeiterinnen und die Angabe der Altersgrenze ist eine der schlimmsten Diskriminierungen überhaupt.

Zweitens, keinem Kandidaten dürfen mehr die Gründe für seine Ablehnung genannt werden - auch wenn gerade das eine menschlich hilfreiche Geste wäre. Denn aus einem solchen Schreiben könnte der gescheiterte Bewerber beziehungsweise die gescheiterte Bewerberin ja eine kriminelle Diskriminierung herauslesen und dagegen auf dem Klageweg vorgehen, denn auch auf jener Seite laufen die juristischen Kanzleien bereits heiß.

Überhaupt gibt es fortan eigentlich nur noch einen einzigen triftigen Ablehnungsgrund, nämlich Zufall. Sucht zum Beispiel ein Juwelier eine junge hübsche Verkäuferin, darf er das natürlich keinesfalls in die Annonce schreiben. Meldet sich dann ein strafentlassener Mittfünfziger mit schlechtem Atem und schlechten Zähnen, gibt es ein ernsthaftes Problem mit der Absage. Eigentlich ist jeder Unternehmer nur dann ganz sicher auf der Seite des Gesetzes, wenn er von vornherein den schlechtest qualifizierten Kandidaten einstellt. Das ist das neue Wirtschaftsförderungsprogramm unserer Regierung. Deutschland voran - in den Abgrund des Irrsinns.

Drittens, Bewerbungsunterlagen werden - falls überhaupt - erst Monate später zurückgeschickt, denn jede Firma muss aus Vorsicht die Geltendmachungsfrist für Schadenersatz- und Entschädigungsansprüche von Seiten frustrierter Stellenaspiranten abwarten.

Wenn absolut niemand mehr wegen seines Geschlechts, seiner Herkunft, seiner Weltanschauung, seines Alters, seiner sexuellen Orientierung oder seiner körperlichen Merkmale irgendwelche Vor- oder Nachteile erlangen oder erleiden darf und wenn das in jedem Einzelfall zum Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen werden kann und soll, dann bricht ein goldenes Zeitalter für Querulanten und deren Advokaten an.

Es geht ja nicht bloß um Behinderte, die keine Wohnung bekommen, oder Mitbürger von dunkler Hautfarbe, die im Restaurant nicht bedient werden: Die können auch ohne AGG bereits seit langem gegen solche Formen von Demütigung prozessieren.

Nein, jetzt schlägt die Stunde der Verlierer generell. Zu spät am Bahnhof angekommen und den Zug verpasst? Wahrscheinlich hat die Bahn keine Rücksicht auf unsere Gehbehinderung genommen. Oder auf unsere Religion, die schnelles Laufen verbietet. Der Filmregisseur hat uns nicht berücksichtigt und irgendeine schönere Visage engagiert? Klarer Fall von strafwürdiger Benachteiligung. Jetzt kommt dank AGG der Augenblick der Rache. Jetzt gilt, wie in der Bibel: Die letzten werden die ersten sein - jedenfalls vor dem Kadi.

Ja, und überhaupt, ihr schönen Frauen: Jede, die meinen Avancen widersteht, wird ab jetzt gerichtlich belangt. Beim Kampf um die knappen Ressourcen stülpt sich die Macht in Zukunft um. Wer leer ausgeht, kann die Antidiskriminierungskeule schwingen und denen, die haben, ihre Beute wieder abnehmen. Denn überall, wo bislang Wertentscheidungen, Sympathien und Geschichten die Grundlage von Rechtsverhältnissen bildeten (und das ist doch fast überall), da wird künftig mit einem guten Anwalt was zu machen sein.

Aber Augenblick mal: Wenn alle wirklich absolut gleich behandelt werden sollen, dann müssen auch alle absolut gleich sein. Das ist zwar noch nicht ganz der Fall, aber wir arbeiten dran. Hier kann nur die Genforschung entscheidend weiterhelfen. Die ganze Bevölkerung muss nämlich erst vollständig geklont werden, damit das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz funktioniert.

Burkhard Müller-Ullrich, geboren 1956 in Frankfurt am Main, studierte Philosophie, Geschichte und Soziologie. Schreibt für alle deutschsprachigen Rundfunkanstalten und viele Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er war Redakteur beim Abendstudio des Schweizer Radios, beim Schweizer Buchmagazin "Bücherpick" und Leiter der Redaktion "Kultur heute" beim Deutschlandfunk. Mitglied der Autorengruppe "Achse des Guten", deren Website www.achgut.de laufend aktuelle Texte publiziert.

Politisches Feuilleton

CoronapandemieRaus aus dem Panikmodus!
Eine junge Frau mit einer schwarzen Gesichtsmaske, auf der die berühmte  Rolling Stones Zunge aufgedruckt ist. 13. März 2020, Brüssel, Belgien. (imago / Daina Le Lardic)

Ständig die neuesten Infiziertenzahlen auf dem Smartphone checken. Keine Sondersendung zu Corona versäumen. So kommen wir nicht durch die Krise, sagt Jagoda Marinić. Wir sollten besser akzeptieren, dass die Katastrophe für eine Weile Normalität sein wird.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur