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Interview / Archiv | Beitrag vom 25.02.2020

Gladbachs Israelreise 1970"Ein großes Wunder - ausgerechnet zwischen Deutschland und Israel"

Manfred Lämmer im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Zu sehen sind der deutsche Fußballer Günter Netzer und der israelische Fußballer Mordechai "Motti" Spiegler bei der Wimpelübergabe in Tel-Aviv 1970. (WDR / Wilhelm August Hurtmanns)
Günter Netzer tauscht 1970 mit dem israelischen Fußballspieler Mordechai "Motti" Spiegler Wimpel vor dem Spiel aus. (WDR / Wilhelm August Hurtmanns)

Es war der erste Besuch eines Fußball-Bundesligisten in Israel: 1970 reiste das Team von Borussia Mönchengladbach nach Tel Aviv. Unklar war zunächst, wie man 25 Jahre nach dem Holocaust die Deutschen dort empfangen würde, sagt der Sporthistoriker Manfred Lämmer.

Liane von Billerbeck: Vor 50 Jahren fand ein legendäres Fußballspiel statt, und zwar zwischen der israelischen Nationalmannschaft und Borussia Mönchengladbach. Das war also am 25. Februar 1970 in Tel Aviv, ein Spiel, das historisch war, denn es war das erste einer solchen Mannschaft nach dem Holocaust. Es hat das Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und Israel beeinflusst.

Wie Sport und Fußball in Besonderem zur Völkerverständigung beitragen können, darüber will ich reden mit Professor Manfred Lämmer. Er ist emeritierter Sporthistoriker von der Deutschen Sporthochschule Köln, hat für seine Verdienste um die deutsch-israelischen Beziehungen auch das Bundesverdienstkreuz bekommen im vorigen Jahr und ein Buch geschrieben über die deutsch-israelische Fußballfreundschaft. War das eigentlich schon vorher absehbar, dass das ein historisches Spiel ist, wie es danach von Historikern genannt wurde?

Manfred Lämmer: So ganz haben die Zeitgenossen das nicht empfunden, weder die Akteure noch die Beobachter. Man muss auch in Betracht ziehen, dass dieses Spiel nicht der Beginn von Fußballbeziehungen war, sondern der erste Höhepunkt, denn der Beginn der Beziehungen geht zurück in das Jahr 1969, in dem bereits die deutsche Jugendnationalmannschaft in Israel spielte unter Udo Lattek, in der drei israelische Topteams in Deutschland waren, in der die israelische Nationalmannschaft ein Trainingslager in Deutschland bezog, um sich auf die Olympischen Spiele beziehungsweise auf die Fußballweltmeisterschaft vorzubereiten. Der erste deutsche Verein, der in Israel spielte, waren die Bayern aus Hof, unter anderem unter der Leitung ihres Sportreporters Sammy Drechsel.

Also 1969 war der Beginn, und zwar ein geradezu geballter Beginn dieser Fußballbeziehungen, aber das Spiel am 25. Februar 1970 hatte natürlich eine ganz andere Bedeutung.

Das Sportliche stand im Mittelpunkt

Billerbeck: Wie haben denn die Spieler damals das erlebt, diese Situation? Haben die sich als historisch empfunden, als Höhepunkt?

Lämmer: Ich glaube nicht. Ich glaube, sie waren überrascht über die Reaktion der israelischen Zuschauer. Es gibt ja jetzt in den letzten Tagen eine Reihe von Interviews mit Spielern, die dabei waren und die sagen, dass sie sich nicht etwa als politische Pioniere empfunden haben und dass sie die sportliche Seite im Mittelpunkt sahen. Dazu kamen natürlich noch die ungewöhnlichen Umstände der Reise nach Israel, auf die sie sich während dieses Aufenthaltes konzentrierten.

Billerbeck: Wer hat denn eigentlich da mitgespielt, und vor allem wie ist das Spiel ausgegangen?

Lämmer: Ja, das war eine große Überraschung, denn im Bloomfield-Stadion von Jaffa siegten die Borussen über die israelische Nationalmannschaft mit 6:0, Halbzeit 3:0, und es gibt eine widersprüchliche Darstellung der Ereignisse in der Halbzeit. Ich will sie so wiedergeben, wie Emanuel Schaffer, der israelische Nationaltrainer, sie mir selbst erzählt hat. Er hat gesagt, dass Hennes Weisweiler, der Trainer der Borussen, Sorge hatte, dass die israelische Nationalmannschaft sich blamierte und gedemütigt wurde und sagte, Emanuel, sollen wir so weiterspielen. Daraufhin soll Schaffer gesagt haben, spiel weiter so, Hennes, meine Spieler sollen wissen, wie hoch die Trauben in Mexiko hängen.

Beifallsstürme bei Spielzügen der Deutschen

Billerbeck: Das Verrückte ist ja, nun weiß man, wenn eine Gastmannschaft gewinnt, dann ist das heimische Publikum meistens nicht so begeistert. In Israel soll es aber ganz anders gewesen sein. Die Deutschen wurden gefeiert. Beschreiben Sie uns das doch mal, bitte.

Lämmer: Ja, also das begann schon während des Spiels, da gab es Beifallsstürme bei bestimmten Spielzügen und natürlich bei den Toren. Diese Begeisterung setzte sich nach dem Spiel fort. Hunderte von Israelis belagerten das Hotel, in dem sich die Borussen aufhielten, und sie wurden immer wieder umarmt, es gab Sprechchöre, es war wirklich eine ganz außergewöhnliche Reaktion der Zuschauer, die sich fernab von allen politischen Stimmungen hier einzig und allein auf die Leistung der Gastmannschaft konzentrierten.

Billerbeck: Die Geschichte ist ja wie so ein Paradebeispiel für die positive Kraft des Sports, aber Sie sind Sporthistoriker. Gilt die immer und überall? Denken wir nur an die Mannschaft von Süd- und Nordkorea bei den Olympischen Spielen 2018, und die Nachwirkungen waren überschaubar.

Porträt von Prof. Dr. Manfred Lämmer. (imago / imago sportfotodienst / Chai v.d. Laage)Der Sporthistoriker Manfred Lämmer berichtet, dass die Begeisterung der Fans für das deutsche Team 1970 in Tel Aviv so nicht vorherzusehen war. (imago / imago sportfotodienst / Chai v.d. Laage)

Lämmer: Also wenn solche Begegnungen reine Symbolpolitik sind, dann haben sie wenig Sinn. Wir haben natürlich ähnliche Versuche durch sportliche Begegnungen, politische Wirkungen auszulösen, aber wenn man genau dahinterschaut, dann stellt sich heraus, dass meistens solche sportlichen Begegnungen von der Politik gesteuert wurden, im Falle Iran–USA, im Falle China, Ping-Pong-Diplomatie USA, und in anderen Fällen. Bei den wirklich schwierigen politischen Konstellationen hat der Sport bisher wenig auszurichten vermocht.

Denken Sie an die uferlosen Kalendergespräche zwischen der DDR und der Bundesrepublik, denken Sie auch an die Tatsache, dass zwischen Israel und den Palästinensern sportlich auch nichts läuft. Da ist es ein großes Wunder, dass ausgerechnet in einer Situation wie der zwischen Deutschland und Israel, die ja aufgrund der Verbrechen des NS-Regimes ja ausweglos erschien, dass geradezu hier ein Paradebeispiel dafür entstand, dass der Sport tatsächlich eine Annäherung bewirkt und unterstützt hat. Aber das geht immer nur dann, wenn auch die Politik mithilft oder zumindest nicht blockiert.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Abrufbar in der ARD-Mediathek
"Geschichte im Ersten: Geheimmission Tel Aviv": Dokumentation über die Hintergründe der Reise der Bundesliga-Profis von Borussia Mönchengladbach im Februar 1970 zu einem Freundschaftsspiel mit der israelischen Nationalelf nach Tel Aviv (verfügbar bis 18.03.2020)

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