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Buchkritik | Beitrag vom 26.03.2020

Giuseppe Culicchia: "Turin ist unser Haus"Der Markt ist die Küche, das Flussufer das Badezimmer

Von Maike Albath

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Ohne ihre Bewohner wäre Turin nur eine leere Hülse. Anderswo leben, nicht in Turin? Unvorstellbar. (Wagenbach Verlag / Deuschlandradio)
Ohne ihre Bewohner wäre Turin nur eine leere Hülse. Anderswo leben, nicht in Turin? Unvorstellbar. (Wagenbach Verlag / Deuschlandradio)

Anderswo leben? Vollkommen unvorstellbar. Der italienische Autor Giuseppe Culicchia hat mit "Turin ist unser Haus" ein ungewöhnliches Porträt seiner Heimat geschrieben. Orte der Stadt werden darin zu Zimmern, die wir bewohnen wie ein Zuhause.

Eigentlich wussten wir es, wir haben es nur nicht genügend geschätzt: Die Stadt ist unser Haus. Die Stadt bietet uns Schutz, ist der Raum unserer Erfahrungen und der Ort, an dem sich unsere Biografien ablagern. Sie – unsere Stadt, jede Stadt – besitzt einen Korridor, ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, ein Kinderzimmer, ein Studierzimmer, eine Vorratskammer, einen Keller, einen Dachboden, natürlich eine Küche, ein Bad und eine Terrasse oder einen Garten.

Mithilfe dieser unmittelbar einleuchtenden Kategorien präsentiert uns der italienische Schriftsteller Giuseppe Culicchia den Ort, an dem er 1965 geboren wurde: "Turin ist unser Haus. Reise durch die zwanzig Zimmer der Stadt" heißt sein ungewöhnliches Porträt.

Mit seinen barocken Palazzi, den von Bogengängen gesäumten Boulevards, den Durchblicken auf symmetrisch angelegte Plätze und Parks, den unzähligen optischen Effekten und der Alpenkette im Hintergrund hat Turin tatsächlich sehr viel von einem Innenraum. Ein bisschen wie ein Bühnenbild, weshalb es der Maler Giorgio de Chirico auf vielen Gemälden festhielt.

Delikatessenläden und Tomaten in Dosen

Als ehemaliger Hauptstandort der Autoindustrie und Schauplatz der Industrialisierung, traditionsreicher Sitz der Fiat-Werke, galt Turin jahrzehntelang als Malocher-Stadt und genoss auch in Italien keinen guten Ruf.

Erst seit den Olympischen Winterspielen 2006 und der gelungenen Deindustrialisierung hat sich die Wahrnehmung verändert. Inzwischen ist es ein cooler Ort, der junge Leute anzieht und durch die vielen Veränderungen etwas Zukunftsträchtiges hat.

Giuseppe Culicchia, der in den 1990er-Jahren mit rasanten Bildungsromanen bekannt wurde, schildert zum Beispiel den großen Markt an der Porta Palazzo als enorme Küche – hier werden Lebensmittel jeder Art umgeschlagen, neben den Ständen der Bauern vom Land mit Obst und Gemüse finden sich Delikatessläden, der Fischmarkt und Kneipen.

Ein gewisser Signor Cirio hat 1856 in diesen Straßen das Prinzip erfunden, Tomaten in Dosen zu konservieren, dessen Ursprung man eher in Sizilien vermuten würde.

Den König mit Grissini verführen  

Und ganz in der Nähe entwickelte ein höfischer Apotheker knusprige Grissini, um den durch nichts zum Essen zu bewegende König Viktor Amadeus II. zu verführen. Das Wohnzimmer der Stadt ist die Piazza San Carlo, ein regelrechter Salotto, an dem mehrere der alteingesessenen Cafés liegen, während der Flohmarkt Balon die Abstellkammer darstellt. Das Badezimmer ist selbstverständlich das Flussufer des Po, wo es Rudervereine gibt.

Culicchia lässt immer wieder diejenigen zu Wort kommen, die durch ihre Berufe zum Funktionieren der Stadt beitragen: Ladeninhaber, Kneipiers, Hebammen, einen Apotheker, der mit über 90 immer noch hinterm Tresen steht. Ebenso kommen vor eine Lebensmitteltechnikerin, aber auch die Fahrerin eines Müllwagens und ein Flussreiniger, der mit seinem Boot den Po auf und ab schippert und von Unrat befreit.

Ohne ihre Bewohner wäre Turin nur eine leere Hülse. Anderswo leben, nicht in Turin? Für alle unvorstellbar. Wer Giuseppe Culicchias Buch gelesen hat, versteht ein bisschen besser, woran das liegt.

Giuseppe Culicchia: "Turin ist unser Haus. Reise durch die zwanzig Zimmer der Stadt"
Aus dem Italienischen übersetzt von Julika Brandestini
Wagenbach Verlag, Berlin 2020
237 Seiten, 14 Euro

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