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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 28.11.2012

Gitarre lernen im Netz

Wie neue Medien dem Musikunterricht Konkurrenz machen

Von Tim Hannes Schauen

Tausende User stellen Videos ins Netz, in denen sie Akkordfolgen oder die Grifftechnik ihrer Lieblingslieder erklären. (dpa / picture alliance / Astapkovich Vladimir)
Tausende User stellen Videos ins Netz, in denen sie Akkordfolgen oder die Grifftechnik ihrer Lieblingslieder erklären. (dpa / picture alliance / Astapkovich Vladimir)

Youtube-Videos, Lehr-DVDs, Konsolenspiele: Wer heute ein Instrument wie die Gitarre lernen will, hat dank elektronischer Medien etliche Möglichkeiten. Wird der herkömmliche Musikunterricht dadurch überflüssig? Experten sind skeptisch.

Bislang begann die erste Gitarrenstunde so:

"Hallo, mein Name ist Jakob Timmermann. Ich bringe Ihnen jetzt den ersten Akkord bei, und zwar ist das A-Dur, legen Sie den Zeigefinger auf den zweiten Bund der D-Saite, den Mittelfinger auf den zweiten Bund der G-Saite, den Ringfinger auf den zweiten Bund der H-Saite, die E-Saite lassen sie frei. Das ganze klingt dann: A. Okay."

So wird Gitarrenunterricht auch weiterhin beginnen und klingen - der klassische Weg zu den sechs Saiten hat jedoch Konkurrenz bekommen.

Während Anfänger früher zu Schallplatten und CDs mitspielten, werden heute Software und vor allem das Internet benutzt, wo virtuelle und jederzeit verfügbare Unterrichtsmethoden warten. Neben illegal kopierten und bei Youtube eingestellten Videos, die von prominenten Lehr-DVDs stammen gibt es auch legale Videos, in denen Stars ein paar Tricks erklären.

Zudem stellen Tausende unbekannte User selbst gefilmte Videos ein, in denen sie Akkordfolgen oder Grifftechnik ihrer Lieblingslieder erklären. Nebenbei erhält man so Einblick in Kinder- und Jugendzimmer des Erdballs, mit wuchtigen Verstärkern, teuren Gitarren und Postern über dem Bett.

Doch: Bloßes Zuschauen hilft nur geringfügig beim Lernen. Zwar spielt mancher Saitenvirtuose die ausgefuchsten, schnellsten Passagen im Video auch mal in halber Geschwindigkeit. Noch besser aber ist es, die Aufgaben schriftlich zu haben – Papier ist schließlich geduldig. Doch gerade beim Notenlesen haben die meisten Autodidakten unter den Rockgitarristen eine gewisse Leerstelle.

Mangelnde Notenkenntnis kompensieren sogenannte "Tabulaturen”: Sechs waagerechte Linien stehen jeweils für eine Gitarrensaite. Zahlen darauf zeigen an, in welchem Bund auf dem Gitarrenhals die jeweilige Saite gegriffen werden muss.
Tabulaturen gibt es seit dem 14. oder 15. Jahrhundert - die Internetseite songsterr.com noch nicht ganz so lange.

Basierend auf Midi-Technologie werden hier komplette Musikstücke oder Fragmente davon, Soli etwa, grafisch und akustisch dargestellt. Gratis. Sämtliche Musikgenres sind üppig vertreten – eingestellt von Usern aus der ganzen Welt. Um die wichtigsten Passagen eines bekannten Musikstücks zu lernen, reicht das zumeist aus. Die Tabulaturen auf songster.com lassen sich starten, stoppen und in der Geschwindigkeit verändern.

Tabulaturen regieren die Gitarrenlehrwelt der Notenunkundigen, auch beim "Gitarrenlernspiel Rocksmith". Für das Spiel verbindet man zunächst eine echte elektrische Gitarre mit dem PC oder der Spielkonsole.

Sechs waagerechte Linien am unteren Bildrand für die sechs Saiten: E A D G H e. Von oben kommen bunte Zahlen geflogen, beziffern den zu greifenden Bund.
Laut Hersteller können Anfänger damit das Gitarrenspiel lernen.

Erstspieler tun sich bei Rocksmith und normalem Unterricht anfangs schwer. Eine Gitarre muss erst einmal "begriffen” werden: Die Finger der linken Greifhand müssen sortiert werden, sich an das Gefühl der Stahlsaiten in den Fingerkuppen gewöhnen. All das macht Spaß, wenn man sich einigermaßen mit einer Gitarre vertraut gemacht hat – und das dauert.

Was diesem und den anderen elektronischen Helfern allerdings fehlt: musikalischer Freiraum – die Möglichkeit, einfach mal mit Gitarre und Verstärker auszuprobieren, den Noten nachzuhören. Ein Spielgefühl zu entwickeln.

Rocksmith-Entwickler Nao Higo schaut auf den Bildschirm, wo sein Kollege gerade Gitarre spielt.

"Wir sehen es als Spiel und als Lernprogramm. Das Spiel bewertet konstant Pauls Leistungen, und wenn er es gut macht, erhöht es die Schwierigkeit, wenn er sie aber verfehlt, erkennt dies das Spiel und sagt: das ist wohl noch etwas schwer für Dich und reduziert vorsichtig die Schwierigkeit durch Weglassen einzelner Noten, bis Paul wieder gut klarkommt. Das Spiel hört permanent zu. Bei Rockband/Guitar Hero gibt es vier oder fünf Levels, bei uns sind das bis zu 30."

Aber jeder Anfänger verirrt sich schnell auf dem Griffbrett einer Gitarre, findet den 7. oder 9. Bund nicht auf Anhieb und vor allem nicht in Echtzeit.

Fazit des Kölner Gitarrenlehrers Jakob Timmermann:

"Man gewinnt für meinen Geschmack kein Gefühl dafür, wo eine Note liegt, und auch kein Gefühl für die Gitarre, sondern eher dafür, diesen Controller hier zu bedienen, also diese Geschichte hier umzusetzen, die einem angezeigt wird, aber nicht ein Gefühl dafür, wie sich eine Note anhört, und was man damit veranstaltet."

Doch ob durch reines Kopieren bekannter Lieder oder beim guten alten Unterricht: Aller Anfang ist schwer. Egal, ob der Lehrer analog vor einem sitzt, in der Spielkonsole oder dem Internet. Übung macht den Meister.

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