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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 02.03.2013

Gickeln, kichern, prusten

Die Evolution des Lachens

Von Frank Eckhardt

Das Lachgeräusch eines Orang-Utans klingt wie Schnarchen. (AP)
Das Lachgeräusch eines Orang-Utans klingt wie Schnarchen. (AP)

In allen Kulturen der Welt hört man die Menschen lachen. Aber wie haben sich die rhythmischen und geräuschvollen Atemstöße eigentlich entwickelt? Um diese Frage zu klären, haben Forscher die Lachformen der Menschenaffen analysiert - und diese auch gekitzelt.

Lachen hat viele Funktionen: Es kann Freude ausdrücken, Konflikte entschärfen, das Eis zwischen Fremden brechen und Verbundenheit herstellen. Bereits Babys im Alter von vier Monaten lachen.

Ebenso taub Geborene, die noch nie ein Lachen hören konnten:

"Das weist auch daraufhin, das Lachen wohl eine ursprüngliche biologische Wurzel hat, die man ja auch bei Menschenaffen sehr gut oder beim Affen überhaupt sehr gut finden kann."

Sagt Professorin Elke Zimmermann, Direktorin des Instituts für Zoologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Denn nicht nur Menschen lachen, sondern auch unsere nächsten Verwandten im Tierreich. Elke Zimmermann und ihr Team haben das Lachen von Bonobos, Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans systematisch untersucht. Die Affen wurden gekitzelt – ebenso wie bei Menschen ist das ein ziemlich sicheres Mittel, sie zum Lachen zu bringen:

"Wenn man sich das Gesicht beim Lachen anschaut, sowohl bei Affen als auch bei Menschen, stellt man fest, dass es hier sehr große Übereinstimmungen gibt: insofern, als die Mundwinkel beim Lachen zurückgezogen sind, der Mund etwas geöffnet ist. So ähnlich, wie das beim Grinsen ja auch der Fall ist. Allerdings ist dieser Gesichtsausdruck dann mit einer akustischen Äußerung verbunden und man hört dann eben das, was wir praktisch so als Lachen hören."

Entscheidend ist der Verwandtschaftsgrad

Das Lachen der Affen sieht nicht nur so ähnlich aus wie das der Menschen, sondern es klingt auch so ähnlich. Am vertrautesten hört sich für unsere Ohren das keckernde Lachen der Bonobos an, jener Art, die man früher als Zwergschimpansen bezeichnete.

Zwischen röchelnd und hechelnd dagegen klingt das Lachen des Schimpansen:

Und ans Schnarchen erinnert das Lachgeräusch des Orang-Utan.

Die Forscher analysierten die verschiedenen Lachformen der Menschenaffen und stellten fest: Je enger die jeweilige Menschenaffenart mit uns verwandt ist, umso ähnlicher klingt auch ihr Lachen dem unseren. Das Lachen hat sich also im Laufe der Evolution nach und nach verändert. Ziemlich sicher lachte schon der letzte gemeinsame Vorfahre von Menschenaffen und Menschen – er lebte vor 10 bis 16 Millionen Jahren.

Aber wozu hat sich das Lachen überhaupt entwickelt? Lachen hat eine ernste Funktion, sagt Dr. Marina Davila Ross von der Universität Portsmouth, und zwar beim sozialen Spiel:

"Es ist ein Signal, das zeigt, es handelt sich bloß um Spiel. Ich will dir nicht wehtun, lass uns weiterspielen. Das ist besonders wichtig, wenn das Spiel sehr rau ist. Je rauer das Spiel ist, desto eher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich in eine aggressive Interaktion umwandeln kann, und daher sind halt solche Beschwichtigungssignale wichtig."

Die Spiele der Affen können manchmal sehr wild sein – da wird gebissen, geschoben und gekämpft. Doch nicht nur bei Spaßkämpfen tritt das Lachen auf, sondern auch bei ruhigen Spielen:

"Ich habe auch mal mit einem dreijährigen Orang-Utan-Weibchen gespielt, nämlich mit ihr geklatscht. Und sie hat das nachgemacht und hat dabei auch gelacht. Es kann aber auch sein, dass sie mit Objekten spielen und dann lachen. Da könnte man sich überlegen, ob das vielleicht auch mit Freude sehr viel zu tun hat, also Freude spielt mit Sicherheit eine wichtige Rolle bei ihnen."

Ob allein oder mit anderen zusammen – Freude am Lachen empfinden vermutlich schon unsere äffischen Verwandten. Bei uns Menschen hat sich das Ganze noch einen Schritt weiter entwickelt. Wer herzlich lacht, zeigt nicht nur die eigene gute Stimmung an, sondern kann auch andere zum Lachen animieren und damit seine gute Laune übertragen.

Plötzlich lacht das ganze Labor

Lachen ist ansteckend – und manchmal geradezu unwiderstehlich, berichtet Elke Zimmermann:

"Ein Kollege von mir, der eben über das Lachen beim Menschen und seine neurale Verarbeitung arbeitet. Wenn der sich gerade das Lachen der Menschen anhört, dann lacht plötzlich das ganze Labor. Also, so ansteckend kann Lachen eben dann auch sein."

Neben diesem spontanen, herzlichen, gefühlten Lachen unterscheiden Psychologen beim Menschen aber noch eine zweite Form: jenes Lachen, das man gewollt hervorbringen kann. Dieses imitierte Lachen entstand in der menschlichen Evolution vermutlich als ein Nebenprodukt des Sprechens. Und dieses Lachen können Menschen ganz gezielt im sozialen Umgang einsetzen:

"Zum Beispiel das Auslachen, um jemand anderes von der Gruppe auszugrenzen.

So etwas finden wir zum Beispiel bei Menschenaffen nicht oder ist bisher bei Menschenaffen zumindest noch nicht mit empirischen Daten wirklich nachgewiesen worden. Bei Menschen tritt das ja sehr häufig auf und wird auch entsprechend bewusst eingesetzt."

Das gewollte Lachen kann – neben dem Ausgrenzen – viele verschiedene Formen annehmen, zum Beispiel als höfliches Lachen in einer Konversation, als verlegenes, nervöses oder flirtendes Lachen. Lachen wird überwiegend als "sozialer Klebstoff" eingesetzt, sagen Anthropologen, um die Kommunikation zu regulieren und um Bindungen aufzubauen. Der überwiegende Teil unseres Lachens beruht also gar nicht auf Humor.

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