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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.11.2012

Gewissenlose Gelehrte

Richard von Schirach: "Die Nacht der Physiker", Berenberg Verlag, Berlin 2012, 272 Seiten

Was wäre gewesen, wenn Nazideutschland Atomwaffen gebaut hätte? (AP Archiv)
Was wäre gewesen, wenn Nazideutschland Atomwaffen gebaut hätte? (AP Archiv)

Es ist ein Drama aus Hybris und Eitelkeit, Schuld und Verdrängung: Richard von Schirach schildert, wie Nazideutschland fast an die Atombombe gekommen wäre. Im Mittelpunkt stehen die Wissenschaftler Otto Hahn, Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker - und ihr Pakt mit dem Bösen.

Eine seltsame Szene, Anfang 1945, der Krieg ist fast verloren. Im Städtchen Haigerloch, südwestlich von Tübingen, schinden sich ein paar Herren, um Reich und Führer zu retten. Sie hocken im Bierkeller eines Lokals mit Namen "Schwanenwirt", sie bauen einen Kernreaktor, die "Maschine", und sie träumen von einer Wunderwaffe. Die Herren sind Physiker aus der umkämpften Hauptstadt. In ihrem süddeutschen Felsloch läuft noch der "Großversuch B-VIII" (B wie Berlin), die erste Kettenreaktion scheint nahe, aber dann kommen die Feinde, Franzosen. Die Forscher verwischen die Spuren des Geheimprojekts, sie vergraben die Uranwürfel und verstecken die Tanks mit Schwerwasser. Alles vergebens. Ein Spezialkommando der US-Army findet den Reaktor und die Verstecke, auch die Männer und verschleppt sie nach England.

In seinem Buch "Die Nacht der Physiker" erzählt Richard von Schirach eine ungeheuerliche Geschichte - wie Nazideutschland fast an die Bombe gekommen wäre. Sein Buch porträtiert drei geniale Wissenschaftler, ambivalente Figuren im Pakt mit dem Bösen. Otto Hahn (1879-1968): Chemiker, Experte für Giftgas im Ersten Weltkrieg, 1938 Entdecker der Kernspaltung, Nobelpreis 1944. Werner Heisenberg (1901-76): Quantenphysiker, mit 26 Professor in Leipzig, Nobelpreis 1932; in den Augen der Amerikaner ist er die "Number One" des Uranprojekts. "Deutschland braucht mich", heißt seine Devise. Carl Friedrich von Weizsäcker (1912-2007): promoviert 1933 als Zwanzigjähriger bei Heisenberg; verweist zu Kriegsbeginn auf die Möglichkeit, eine Atombombe zu bauen.

Von Schirach folgt dem weiteren Weg der gewissenlosen Gelehrten, vom "Schwanenwirt" in Haigerloch auf einen Landsitz namens Farm Hall bei Cambridge. Auf Farm Hall werden die drei Forscher und ein paar Kollegen ein halbes Jahr lang interniert; Geheimdienstler belauschen die "Gäste" rund um die Uhr. (Erst 1992 wird man die Abhörprotokolle veröffentlichen.) Aus dem Radio erfahren die Wissenschaftler vom Abwurf der Atombombe auf Hiroshima. Sie sind schockiert; sie halten die Nachricht erst für falsch, empfinden sie dann als Schmach: Die Gegner sollen geschafft haben, was ihnen, den Genies, nicht gelungen ist?

Schirach berichtet von einer Nacht der "Bekenntnisse, Bezichtigungen, Zusammenbrüche, Tränen und letzten Selbsttäuschungen". Otto Hahn klagt: "Ich bin schuld." Die anderen aber erwägen Ausreden für künftige Zeiten: Sie wollten die Bombe gar nicht bauen. Und sie hätten es auch gar nicht gekonnt. In der Bundesrepublik werden die drei ihre Karriere fortsetzen; künftig distanzieren sie sich von Atomwaffen.

Richard von Schirach, ein Sohn des NS-Reichsjugendführers, erhellt die Entwicklung der deutschen "Maschine", aber auch das "Manhattan-Projekt" der Amerikaner. In seinem Buch springt er vor und zurück, er mischt Fakten mit erzählenden Passagen, ist mal Historiker, mal Literat. Der Autor, heißt das, zeigt sich unentschlossen bei der Gestaltung der Geschichte. Doch im Vergleich mit manch geschichtswissenschaftlicher Arbeit scheint dies ein lässlicher Mangel: Von Schirachs Werk ist angenehme Lektüre, frisch, spannend, unterhaltsam. Der Leser erlebt ein Drama aus Hybris und Eitelkeit, Schuld und Verdrängung. Und bang fragt er sich: Was wäre, wenn die Genies im Bierkeller von Haigerloch doch zum Ziel gekommen wären?

Besprochen von Uwe Stolzmann

Richard von Schirach: Die Nacht der Physiker
Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Bombe
Berenberg Verlag, Berlin 2012
272 Seiten, 25 Euro

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