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Studio 9 | Beitrag vom 10.10.2017

Gewerkschaften wollen mehr FlexibilitätMehr Selbstbestimmung über die Arbeitszeit

Von Brigitte Scholtes

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Ein Werktätiger stempelt mit einer Stechuhr seine Arbeitszeitkarte.  (imago/bonn sequenz)
Die Vorschriften für den Acht-Stunden-Tag sind nach Ansicht der Arbeitgeber nicht zeitgemäß. (imago/bonn sequenz)

Flexibel arbeiten – das klingt gut in Arbeitgeberohren. Wenn allerdings die Gewerkschaft IG Metall das fordert, bekommt die Sache einen anderen Dreh. Die will nämlich erreichen, dass die Beschäftigten vorübergehend kürzer arbeiten können, um z.B. Angehörige zu pflegen – bei vollem Lohnausgleich.

Auf die Metall- und Elektrobranche könnte eine harte Tarifauseinandersetzung zukommen. Und das liegt weniger an der Forderung der IG Metall nach einer Entgelterhöhung um sechs Prozent. Die Gewerkschaft fordert vor allem mehr Zeit – aber nur für die Beschäftigten, die das wünschen.

In den vergangenen Jahren hätten die mit ihrer Bereitschaft, flexibel zu arbeiten, zum wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen beigetragen, sagt IG-Metall-Chef Jörg Hofmann:

"Diese Bereitschaft erweist sich immer mehr als Einbahnstraße in Richtung der Flexibilitätsanforderungen der Arbeitgeber. Dies führt zu einer Ausweitung von Arbeitszeiten, die Gesundheit und Vereinbarkeit von Arbeit und Leben gefährden. Wir, die IG Metall, wollen Arbeitszeiten, die zum Leben passen. Wir wollen, dass die Beschäftigten das Recht bekommen, über ihre Arbeitszeit ein großes Stück selbst zu bestimmen!"

Vorübergehend Teilzeit

So sollen alle Beschäftigten das Recht haben, vorübergehend - bis zu zwei Jahre – ihre Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden zu reduzieren – danach sollen sie wieder in Vollzeit zurückkehren können. Diesen Paradigmenwechsel können auch Wissenschaftler wie Werner Eichhorst vom Bonner Institut für die Zukunft der Arbeit nachvollziehen:

"Der Arbeitsmarkt ist relativ eng in dem Bereich. Gleichzeitig ist natürlich das Vereinbarkeitsthema, auch das Stressthema, stärker geworden als in der Vergangenheit. Von daher macht es durchaus Sinn, jetzt hier auch das Thema Arbeitszeit so ein Stück weit in den Vordergrund zu rücken. Das sozusagen als qualitative Tarifpolitik, die es früher auch schon mal gegeben hat, aber die eben jetzt noch mal akut wird."

Lohnausgleich durch Arbeitgeber

Mehr Selbstbestimmung über die Arbeitszeit – das klingt gut, aber vor allem die unteren Entgeltgruppen können sich das häufig nicht leisten. Das aber soll sich ändern, fordert die IG Metall: Schichtarbeiter, Eltern von Kindern bis 14 Jahre und pflegende Familienangehörige sollen Ausgleichszahlungen in unterschiedlicher Höhe erhalten. Die Arbeitgeber sollen das bezahlen, aber es sei dennoch für sie von Vorteil, meint der IG-Metall-Chef:

"Menschen im Betrieb zu halten, sie nicht von beruflicher Entwicklung abzuschneiden, nur weil Kinder im Haushalt sind oder Pflegefälle auftreten, ist, denke ich, ein mehr wie sinnvolles Unterfangen, auch gerade für die Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie."

Der Gewerkschaft ist diese Forderung nach selbstbestimmter Arbeitszeit so wichtig, dass sie dafür auch bereit ist, in den Arbeitskampf zu gehen. Die Arbeitgeber nämlich lehnen die Vorstellungen der IG Metall ab: Der Fachkräftemangel werde so weiter verschärft, Investitionen am Standort Deutschland könnten gefährdet werden.


Was ist von diesen Gewerkschaftsforderungen zu halten? Darüber haben wir mit Stefan Sell, Direktor des Instituts für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung gesprochen. Er sieht die Gewerkschaftsvorschläge als "Abwehrkampf und Befreiungsschlag", die Gewerkschaften wollten ihren Mitgliedern ein Oberthema verkaufen.
Allerdings könnten diese Vorschläge auch den Druck auf die Mitarbeiter erhöhen, glaubt Sell. Insgesamt könnte es für die Gewerkschaften schwierig werden, ihre Positionen durchzusetzen: "Bei Jamaika sind die Gewerkschaften in Bedrängnis, weil sie keinen parteipolitischen Anker mehr haben in der Regierung."

Hören Sie hier das ganze Interview mit Stefan Sell:

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